Auf Nummer sicher

30.01.2020 | Text Iris Mydlach | Photo Daimler AG/Michael Dannenmann

Renata Jungo Brüngger steht vor einer dunklen Wand und lächelt in die Kamera.
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Renata Jungo Brüngger ist die Risikomanagerin bei Daimler. Die Vorständin spricht über die Chancen und Herausforderungen der neuen Mobilität und über Mut im Job.

Frau Jungo Brüngger, Sie beschreiben sich selbst als Risikomanagerin. Was genau meinen Sie damit?

Die Automobilindustrie befindet sich in einem grundlegenden Transformationsprozess. Unsere Mobilität wird vernetzt, elektrisch, autonom, digital – das bietet Raum und Möglichkeit für ganz neue Geschäftsmodelle. Das sind Chancen, die wir nutzen wollen. Aber sie gehen auch immer einher mit gewissen Risiken, die wir frühzeitig erkennen müssen. Etwa indem wir fragen: Wie gehen wir damit um, dass es noch keinen internationalen Rechtsrahmen fürs autonome Fahren gibt? Wie sorgen wir dafür, dass Elektrofahrzeuge wirklich nachhaltig sind? Mein Ressort arbeitet – gemeinsam mit den Ingenieuren und Entwicklern – daran, dass wir diese Zukunftsthemen rechtssicher auf die Straße bringen.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Rohstoffe für Batterien. Diese werden häufig unter fragwürdigen Bedingungen gewonnen. Wie stellen Sie sicher, dass die Daimler AG da sauber unterwegs ist?

In der Tat ist die Herkunft der Ressourcen sehr wichtig für saubere Elektromobilität. Kobalt zum Beispiel kommt teilweise auch aus Gebieten, in denen Menschenrechte unzureichend geschützt sind. Es ist aber unser Anspruch, nur Rohstoffe einzusetzen, die frei von Menschenrechtsverletzungen sind. Deshalb haben wir das „Human Rights Respect System“ eingeführt. Mit diesem systematischen Ansatz bewerten wir Rohstoffe risikobasiert, definieren bei Bedarf Maßnahmen und überwachen die Fortschritte.

Wie setzen Sie das konkret um?

Das ist eine sehr komplexe Aufgabe. Unsere Lieferketten haben bis zu sieben Unterstufen. Rechtlich haben wir nur Zugriff auf den Direktlieferanten. Aber wir verpflichten unsere Zulieferer, unsere Standards in Bezug auf Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Umweltschutz, Sicherheit, Geschäftsethik und Compliance umzusetzen, an ihre Sublieferanten weiterzugeben und dies zu überprüfen.

Aber wie können Sie das gewährleisten? Reicht es, sich auf die Lieferketten zu beschränken?

Das Engagement muss über die Lieferketten hinausgehen. Ganz wichtig ist es, auch die sozialen Aspekte zu berücksichtigen. Darum haben wir uns Anfang dieses Jahres entschlossen, im Kongo mit Bon Pasteur zusammenzuarbeiten, um die Lebensbedingungen für die Menschen im Umfeld der Minen dauerhaft zu verbessern. Gemeinsam mit der Hilfsorganisation unterstützen wir den Schulbesuch von Kindern und ökologische Landwirtschaft. So tragen wir positiv zur Entwicklung der Region bei.

Elektromobilität braucht aber auch noch einen anderen Rohstoff: Daten. Die Kunden erwarten von den neuen Autos jede Menge Funktionen und Dienste – das geht aber nur, wenn sie Persönliches preisgeben. Bei manch einem löst das Unbehagen aus. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?

Daten sind die Zukunft. Deshalb arbeiten wir im Unternehmen sehr intensiv an dem Thema. Unsere Kunden vertrauen darauf, dass wir auch da unsere markentypischen Sicherheitsmaßstäbe anlegen. Ich bin überzeugt, dass der verantwortungsvolle Umgang mit Daten ein Qualitätsmerkmal ist. Wir haben bei Daimler deswegen drei klare Grundsätze. Erstens schaffen wir Transparenz, indem wir dem Kunden sagen, welche Daten wir verarbeiten. Zweitens kann er selbst bestimmen, welche Services er nutzen möchte und welche nicht. Und drittens wollen wir natürlich hohe Datensicherheit bieten.

Gehen Sie selbst heute anders mit Ihren Daten um als noch vor ein paar Jahren?

Um ehrlich zu sein: Wenn eine Firma zum 150. Mal die allgemeinen Geschäftsbedingungen erneuert, dann lese ich sie nicht mehr durch. Ich akzeptiere sie einfach. Dagegen gehe ich sehr vorsichtig und überlegt mit Social Media um. Ich bin nicht auf Facebook. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung. Ich habe aber schon seit längerer Zeit einen LinkedIn-Account. Das ist eine Plattform, die ich schätze. Man postet etwas und hört unverhofft von Kollegen, die man jahrelang nicht gesprochen hat. Das ist ein persönlicher Gewinn.

Renata Jungo Brüngger sitzt in einem Raum mit hellblauen Wänden, spricht und blickt nach rechts.

Vielen gelten Recht und Compliance als eher trockene Materie. Wie begeistern Sie Ihre Mitarbeiter für Ihre Themen?

Wir sind keine langweiligen Juristen. Es gibt bei uns unterschiedliche Berufsbilder, vom Compliance-Manager über den Datenschützer bis hin zu Ingenieuren, die uns bei technischen Aspekten unterstützen. Wir sind im gesamten Unternehmen gut vernetzt, arbeiten in interdisziplinären Teams und sind von Anfang an bei der Produktentwicklung dabei. Für unsere Expertise sind die Kollegen aus anderen Abteilungen sehr dankbar.

Sie sind 2016 Vorständin geworden, mit Britta Seeger gehören Sie zur weiblichen Minderheit im Vorstand der Daimler AG. Wie unterstützen Sie jüngere weibliche Führungs- und Fachkräfte?

Ich finde es wichtig, sich als Führungskraft Zeit für persönliche Gespräche zu nehmen. Und gerade bei Frauen ist es wichtig, Mut zu machen, zu sagen: Komm raus aus deiner Komfortzone – das lohnt sich immer. Frauen zögern eben doch häufiger und zweifeln, ob sie der Aufgabe gewachsen sind. Als Mentorin stehe ich da gern zur Verfügung. Bei Daimler haben wir uns bis 2020 ein internes Ziel gesetzt: Spätestens dann möchten wir 20 Prozent Frauen in den Führungspositionen haben. Derzeit stehen wir bei 18,8 Prozent, sind also auf einem guten Weg. In meinem Bereich sind wir übrigens schon deutlich über dieser Marke.

Stimmt es, dass Sie als Schülerin häufiger am Klavier als vor den Hausaufgaben saßen?

Das ist richtig, ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Ich wollte eine Zeit lang Konzertpianistin werden. Da habe ich so viel geübt, dass ich sogar die Schule vernachlässigt habe. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es wohl doch nicht zur professionellen Pianistin reicht. Mein Anspruch ist immer, alles hundertprozentig zu machen. Heute fehlt mir zum Klavierspielen die Zeit. Die Musik liebe ich aber noch immer.

Wie halten Sie Kontakt zu Ihrer Heimat Schweiz? 

Während der Woche ist das schwierig. Aber an den Wochenenden fahre ich gern nach Hause, mein Mann lebt in der Schweiz. Wenn wir können, gehen wir in die Berge. Das ist etwas, was ich wirklich brauche.

Erdet Sie das?

Ja. Während der Woche arbeite ich lang, ich habe wenig Zeit für mich oder meine Freunde. Dann hilft es, am Wochenende Abstand zu halten. Ich glaube sogar, dass man das unbedingt tun sollte: ein oder zwei Tage die Dinge von einer anderen Seite her betrachten – und dann mit neuen Ideen wieder starten.

Und der Handyempfang ist sicherlich schlecht …

Nein, nein! Leider ist es tatsächlich so, dass man in den Schweizer Bergen durchaus guten Handyempfang hat! [lacht] Womöglich ist er besser als in meiner Stuttgarter Wohnung.

Die Schweizerin hat Jura und internationales Handelsrecht studiert. 2011 fing sie bei der Daimler AG als Leiterin der Rechtsabteilung an. Seit 2016 ist sie Mitglied im Vorstand und verantwortlich für das Ressort Integrität und Recht.

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