Bunte Vögel schmettern ihre Lieder aus blühenden Büschen und Bäumen am Straßenrand. Palmen wiegen sich im milden Wind. Viele der Häuser entlang des Weges vom Flughafen San José sind farbenfroh gestrichen. Urige Straßenrestaurants, kleine Shops, wuselige Märkte. Wir sind in den Tropen Mittel­amerikas zu einem Sonntagsbrunch in Aserrí unweit der Hauptstadt San José eingeladen. Genau genommen ist es ein exklusives Treffen einiger Sterne-Aficionados aus der Gegend.

Die Piste zur 1 300 Meter hoch gelegenen Hacienda Equis von Ingo Bartsch, 54, und seiner Frau Inga, 53, geht steil bergauf. Man kann sie an manchen Stellen nur im ersten Gang befahren. Um das erste Tor zu passieren, tippt man einen vierstelligen Code ein. Am zweiten Tor, rund 200 Meter weiter die schmale Privatpiste hinauf, zieht man an einem langen Seil, woraufhin eine Glocke ertönt. Das elektrische Tor öffnet sich – und man befährt ein gleich auf den ersten Blick bezauberndes, einen Hektar großes, äußerst gepflegtes Grundstück. Im Carport stehen zwei R 107. Ein weißer Rallye-450 SL von 1974 mit Zusatzscheinwerfern, mattschwarzer Kühlerhaube und Spoiler sowie blauen Ledersitzen. Und ein 380 SL von 1981 in Inkarot metallic (DB 581). Den Weißen haben Inga und Ingo längst zum Rallye-Auto umbauen lassen. „Unterfahrschutz, höher gelegt, breiter und schneller gemacht“, sagt Ingo. „Unsere Leidenschaft für diese Klassiker ist auch eine Hommage an die einzigartige Rallye-Tradition von Mercedes-Benz.“ Den Inkaroten haben sie vor wenigen Monaten gekauft. Gerade werden von einem Spezialisten noch ein 560 SL und 450 SLC für die ganz großen Abenteuer auf Costa Ricas Straßen – und vor allem auf den Pisten des Landes, das als die Schweiz Mittelamerikas gilt – fit gemacht. Gegenüber dem Carport ist der Swimmingpool mit „rancho“, eine überdachte Grillbar. An den Hang des Grundstücks mit tropischem Garten – mit Mangobäumen, Palmen, Bananen­stauden, baumhohem Bambus und Blüten in den prächtigsten Farben – ist das Haus gebaut. Aus Holz und Naturstein, mit Panorama­fenstern und Blick auf Vulkane, Berge und die Hauptstadt San José, die etwas unterhalb auf 1 100 Metern über dem Meeresspiegel im Hochtal zwischen dem Talamanca-Gebirge im Süden und den Vulkanen im Norden liegt. Drei Gästeappartements, ein Gäste­haus sowie mehrere Bäche gibt es hier. „Gerade sind sie friedliche Rinnsale, aber sie können auch ganz anders“, erklärt Inga. 

Exklusiv: Sternenglanz oberhalb von San José.

Dann kommen die ersten anderen Gäste zum Sterne-Brunch, zu dem Inga und Ingo ein paar Klassiker-Fans aus der Gegend eingeladen haben: Ein grüner 450 SLC fährt durchs Tor, ein weißer  220 D (W 115), ein hellblauer 280 S (W 108), ein Unimog 404 S und zwei blaue Klassiker der Zukunft, E-Klassen der Baureihe 210. Die Autos parken auf dem Rasen und auf der Auffahrt unterhalb des Hauses. Der Grill ist heiß, Fleischspezialitäten, selbst gemachte Salate, Kuchen und Desserts, diverse Getränke stehen bereit. Daniela, 13, ist die Jüngste in der Gästeschar. Sie ist mit ihren Großeltern Norberto Izurieta, 74, und Daisy López, 69, im 450 SLC gekommen, für Daniela „das beste Auto der Welt“, das sie nur „Rápido-Rápido“ (Schneller-Schneller) nennt. Die Brüder Arturo, 39, und Otto Ramos, 34, sind mit ihren Frauen Vanessa und Maria im „Strich-Acht“ und E 320 hier. Sie betreiben eine Werkstatt, die sich auf Mercedes-Benz Klassiker spezialisiert hat. Und dann ist – neben einigen anderen – noch Alexander Lutz Villalta, 39, Architekt und Musiker einer Metal-Band, mit von der Partie. Er hat seine Gitarre dabei. Das Programm in den nächsten Stunden: prächtige Stimmung, Auto-Fachsimpeleien, in den Klassikern und Hänge­matten chillen, die Füße im Pool baden. Als das meiste aufgegessen und ausgetrunken ist, verabreden sich einige für übermorgen zu einer dreitägigen Ausfahrt in Richtung Westen, Richtung Ozean. Und Ingo gibt vorfreudig die Devise aus: „Auf ins Abenteuer!“

Am übernächsten Tag, Dienstag, starten die Motoren früh am Morgen. Inga und Ingo sitzen in ihrem weißen Rallye-SL, Alexander ist mit seinem 280 S am Start, Norberto und Daisy im 450 SLC, und Bettina, 71, und ihr Mann Gustavo, 62, steuern den inkaroten 380 SL, den sie sich von Inga und Ingo für diesen Roadtrip auf die Halbinsel Osa im Südwesten des Landes ausgeliehen haben. Roadster, Coupé, Limousine, alles dabei. Und außer den deutschen Auswanderern Inga und Ingo, die seit 2006 in Costa Rica leben, ahnt noch keiner so richtig, was für ein tollkühnes Pistenabenteuer da eigentlich vor ihnen liegt.

Es beginnt bereits nach wenigen Kilometern in den bis zu 2 200 Meter hohen Bergen. Plötzlich endet die gut ausgebaute Asphaltstraße und wird zu einer durch unzählige tropische Regengüsse ausgewaschenen Schotter-, später Lehmpiste. Fast fallgruben­tiefe Schlaglöcher, extreme Anstiege und Abfahrten mit entsprechenden gelb-schwarzen Warnhinweisschildern inklusive. Mal wabert Staub von den rotierenden Reifen wie ein fast blick­dichter Schleier auf, mal spritzen brauner Matsch und Wasser­fontänen aus den Pfützen hoch. Besonders Alexander, der sich beim Sonntagsbrunch vorgestern spontan zur Mitfahrt entschieden hat, ist erfreut über die Herausforderungen der Strecke. „Ich bin total glücklich“, sagt er beim Pausen-Picknick mitten im Gebirge – mit weitem Blick auf ganz viel Grün. „Ich sehe, dass ich mich auf mein Auto auch abseits des normalen Stadt-Straßenverkehrs verlassen kann. Es ist zwar schon über 50 Jahre alt, aber noch immer in ausgezeichneter Verfassung. Ein echter Mercedes eben!“

Verliebt: Die Großmutter nannte den Wagen „Blauer Prinz“.

Und dann erzählt der freiberufliche Architekt und Gitarrist der in Costa Rica nicht unbekannten Band NORKO die Geschichte seines 280 S: „Meine Großeltern haben die Limousine 1972 gekauft. Gut 20 Jahre nutzte meist Großmutter sie. Sie war total verliebt in die Farbe und hat das Auto immer nur Blauer Prinz genannt. Dann war der Wagen weg. Verschollen, in andere Hände übergegangen. Ich fahndete lange danach. Der 280 S ist ja sehr auffällig und recht selten in Costa Rica. Ich rechnete mir durchaus Chancen aus, ihn aufzuspüren. 2009 gelang es mir endlich. Ich kaufte den Wagen zurück und ließ ihn wieder aufpäppeln.“

Ist er immer noch der Blaue Prinz? „Ich habe ihn umbenannt, nenne ihn ‚Großvater‘. Natürlich sehr respektvoll“, antwortet Alexander. Wie nutzt er das Auto normalerweise? „Ich fahre meist Motorrad, bewege die Limousine aber mindestens zweimal die Woche, fahre zum Einkaufen, zum Sportstudio oder auch mal zu den Bandproben. Meine Kumpels sind ganz scharf drauf, mitzu­fahren. Und manchmal besuche ich Klassikertreffen. Aber sicher ist: Dies hier wird auf jeden Fall nicht nur der aufregendste, sondern auch der längste Trip mit Großvater. Ich denke, unser Verhältnis wird durch diese Reise noch enger und vertrauensvoller werden.“

Die vier Klassiker schlagen sich bravourös durch atemberaubende Traumlandschaften – und beim permanenten Slalomfahren um die Schlaglöcher. Kurz trommelt der Tropenregen auf die Windschutzscheiben. Nur wenige Siedlungen am Wegesrand. Kaum Verkehr auf den Pisten nach Südwesten. Freie Fahrt für die Abenteurer. Das Ziel der Gruppe ist die Kunken Lodge in der Provinz Puntarenas, direkt am Ufer des Pazifischen Ozeans gelegen, gut 300 Kilometer von San José entfernt.

Bei der Ankunft in der Lodge hat die Dämmerung längst eingesetzt. Aus dem Regenwald, der direkt in den Ozean übergeht, hört man die Brüllaffen so laut brüllen, dass man meint, sie wären riesig und säßen in den Bäumen über einem. Auch der Ruf des Tukans, dessen Schnabel viermal größer ist als sein Kopf, ist zu hören. Sanft und dunkel wiegt sich der Ozean, in dem Walhaie, Delfine und Schildkröten schwimmen. Und die bis zu sieben Zentimeter langen Zikaden zirpen bis tief in die schwüle, tropische Nacht.

Bunt gefiederte Aras in den nahen Mandelbäumen am Rand des Dschungels, deren Früchte offensichtlich ganz oben auf ihrem Speiseplan stehen, reißen uns am nächsten Morgen mit lautem Krächzen früh aus dem Schlaf. Wir sind auf der Halb­insel Osa, die einen der größten zusammenhängenden Tiefland­regenwälder ganz Mittelamerikas beherbergt. Pumas, Jaguare, Nasenbären, Affen, Tapire, Harpyie-Adler, Krokodile und Schlangen haben hier ihren natürlichen Lebensraum. Die Blätter und Blüten, die Insekten und Schmetterlinge, alles ist hier noch größer, bunter, üppiger als im Hochland um San José. Viele endemische Arten und eine der buntesten Vogelvielfalten der Welt gibt es in den Nationalparks auf der wilden, abgelegenen Halbinsel. Nirgendwo sonst in Costa Rica ist die Flora und Fauna so artenreich wie hier.

Trotz der surrenden Deckenventilatoren klebt die Kleidung am Körper, der Luftfeuchtigkeitsgehalt geht nahe 100 Prozent. Der aromatische Hochlandkaffee in der Lodge, die geheimnisvollen Geräusche aus dem Dschungel und vom Pazifik, die Aussicht auf einen weiteren erlebnisreichen Abenteuer-Fahrtag, all das macht schnell munter. Beim Frühstück mit hier geernteten Früchten und Blick auf den Golfo Dulce ist die Gelegenheit günstig, um mit Inga, gelernte Reisekauffrau, und Ingo, studierter Betriebswirt, zu sprechen. Mit Anfang 20 haben sie sich kennengelernt und sind seitdem mit eigenen Reiseunternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern durch viele Länder Europas gezogen, erklären die Weltenbummler: Schweiz, Slowakei, Tschechien, Ungarn, Österreich, Andorra, sie hatten viele wechselnde Wohnorte. Seit 17 Jahren leben sie in Costa Rica. Ein Reisebericht in einem internationalen Magazin hat sie auf die Idee gebracht, nach Mittelamerika auszuwandern. Bereut haben sie den Entschluss noch nie. Und vor wenigen Jahren hatten sie die Idee, Rallye-Ausfahrten mit ihren klassischen Automobilen anzubieten. „Wir besitzen auch noch einige Fahrzeuge anderer Marken, aber Mercedes-Benz wird am meisten nachgefragt und ist einfach auch am verlässlichsten“, erzählt Ingo. „Und deshalb erweitern wir unsere Sterne-Flotte“, ergänzt Inga. Mit Klassiker- und Abenteuerfans aus Kanada und den USA, der Schweiz, Luxemburg, Deutschland, Dänemark, Schweden und Belgien waren sie schon auf Touren zwischen neun und 14 Tagen durch ganz Costa Rica, auch mal bis in die Nachbarländer Panama oder Nicaragua unterwegs.

Abgefahren: Sir Francis Drake war hier.

Nach und nach treffen die anderen fünf Sterne-Enthusiasten auf der Frühstücksterrasse der Lodge mit Meerblick ein. „Wer will, bleibt hier und erkundet die Gegend auf eigene Faust“, schlägt Ingo vor. „Wer Lust auf eine Ausfahrt zur Drake Bay hat, der folge uns.“ Er und seine Frau nehmen wieder ihren 450 SL, Alexander startet vorfreudig seinen 280 S – und die beiden Reporter dürfen den 380 SL nehmen. Kurz geht es über die asphaltierte Küstenstraße, dann rechts ab und nur noch Piste. Am Himmel kreisen Geier. Links und rechts Rinderweiden und kleinere Dörfer. 

Bahía Drake, die sagenumwobene Piratenbucht, befindet sich im nördlichen Teil der Halbinsel. Sie gilt als ein Naturhafen, der vom Freibeuter, Entdecker und Weltumsegler Sir Francis Drake im 16. Jahrhundert genutzt wurde. Heute sind außer uns nur ein paar Rucksacktouristen unterwegs. Ein Supermarkt mit Wellblechdach, einige Bars, Hotels und Fischerboote, viel mehr gibt es hier nicht. Aber genau das ist es, was die Bucht so anziehend macht. 

Am nächsten Tag treffen sich die sieben Sterne-Aficionados schon eine Stunde vor Sonnenaufgang. 300 Kilometer vom Pazifik zurück nach San José liegen vor ihnen. Es ist natürlich nicht die gleiche Route, die sie gekommen sind. Daisy und Norberto, Bettina und Gustavo, Inga und Ingo schlendern hinunter zum Strand, wo Alexander schon auf sie wartet. Er hat Holz gesammelt und aufgetürmt, ein Lagerfeuer entfacht und möchte nun für seine neuen Freunde eine kleine Strand-Session geben, untermalt vom Meeresrauschen und den urig-schaurigen Rufen der Brüllaffen.

Ein Gürteltier tippelt in 30 Meter Entfernung über den dunklen Sandstrand und blickt neugierig herüber, bevor es wenige Momente später doch lieber wieder im Dickicht des Dschungels verschwindet. Alexander lehnt derweil lässig mit der Gitarre am geöffneten Kofferraum seiner Limousine und performt ein paar Songs. „Ganz schön romantisch, richtig abgefahren ist das“, sagt Daisy. „Ziemlich unvergessliche Momente“, findet auch ihr Mann Norberto. Sechs glückliche Gesichter am Strand des Ozeans. Dann gibt es Beifall, der auch Alexanders Gesichtszüge erstrahlen lässt. Als die Morgensonne die Bucht in magisch-weiches Licht hüllt, ist es Zeit zum Aufbruch.

Stark: Die Klassiker erweisen sich als tropentauglich.

Schnell wird ein letzter Kaffee getrunken und dann ausgecheckt. Auf dem nicht asphaltierten, nicht einfach zu fahrenden Weg in Richtung Mangrovensümpfe und zur Autofähre nach Sierpe klettern
die Temperaturen schnell auf 28 Grad. Sonne und Regen im raschen Wechsel. Die Kleidung klebt am Körper, die Klassiker erweisen sich auch jetzt als tropentauglich. Nur der Fahrtwind bringt etwas Abkühlung. Der Adrenalinspiegel bleibt hoch. Und das bleibt er auch, als die Piste plötzlich endet. Irgendwo im Nirgendwo – an einem von Mangrovenwäldern gerahmten Flussufer. „Das soll der Fähranleger sein?“, fragt Norberto ungläubig. „Scheint so“, antwortet Inga und schaut hinüber ans andere Ufer. Eine Viertel­stunde geschieht gar nichts. Dann wählt Ingo eine Telefon­nummer. Doch das „Fährbüro“ ist anscheinend unbesetzt. Nach weiteren 20 Minuten tut sich endlich was. Die ebenso wacklige wie rostige Mangrovenfähre setzt sich in Bewegung und nimmt kurz darauf die wertvolle Ladung an Bord. Die beiden Roadster, die Limousine und das Coupé passen gerade so gemeinsam drauf.

Norberto bekommt einen Anruf von seiner Enkelin Daniela. „Geht es unserem Rápido-Rápido auch gut?“, fragt die 13-Jährige, die so gerne bei diesem Pistenabenteuer dabei gewesen wäre, doch der Schule wegen nicht durfte. „Dem Auto geht es sehr gut“, beruhigt Norberto seine Enkelin. „Uns übrigens auch.“ Sie sei so gespannt auf die Geschichten von unterwegs, die ihre Groß­eltern ihr erzählen werden, erwidert Daniela. Und beim nächsten Mal müsse sie unbedingt mit! Ab Sierpe geht es nur noch über asphaltierte Straßen weiter. Ananasfelder, Bananen-, Palmen- und Kaffeeplantagen, auch der Río Grande de Térraba, der längste Fluss Costa Ricas, liegen am Wegesrand in Richtung Cordillera de Talamanca, deren höchster Berg der Cerro Chirripó mit 3 820 Metern ist. Bevor es hoch hinauf geht und auch der Gigant in Sichtweite kommt, fahren die Roadster mit geschlossenem Verdeck. Ein kluger Entschluss, denn im Hochgebirge fällt die Temperatur rapide. „Von knapp 30 auf zehn Grad innerhalb von wenigen Stunden, das habe ich noch nie erlebt“, kommentiert Alexander bei der nächsten Pause, 50 Kilometer vor San José. Als wenig später der Verkehr dichter und die Weiterfahrt im Verbund schwierig wird, trennen sich die Wege der sieben Sterne-Aficionados.

„Schön war es“, sagt Ingo, zurück auf der Hacienda und auf dem Sofa vor dem Panoramafenster mit Blick auf die Hauptstadt relaxend. „Sehr schön“, erwidert Inga und blickt dabei hinunter auf die funkelnden Lichter von San José. Die beiden SL stehen wieder wohlbehalten im Carport – bereit für die nächsten Abenteuer.