Regenzeit in Thailand.

Vor zwei Tagen noch ergoss sich der Himmel über Bangkok, die Straßen dampften, auf den Highways stand das Wasser. Die Tuk-Tuk-Fahrer suchten Schutz unter den Brücken, die Garküchen zwischen Chinatown und dem Partyviertel Sukhumvit versteckten sich unter Planen. Keine wirklich guten Bedingungen, um perfekt restaurierte Klassiker spazieren zu fahren. Bangkok kann sich zu dieser Jahreszeit blitzschnell in einen tropischen Hexenkessel verwandeln. Automobile Raritäten stehen darum jetzt besser in der Garage: gut geschützt vor der heißen Monsunluft.

Nun ja, es sei denn, man heißt Kristy und Sayam Sethaputra – und kann seine Hände nicht von den Lenkrädern traumhaft schöner Autos lassen. Die beiden stehen vor einer wahrlichen Parade klassischer Mercedes-Benz Fahrzeuge, die schon auf europäischen Autoshows als Glanznummern durchgehen würden – im fernen Thailand aber so etwas wie Wunder sind.

Kristy und Sayam, der Clubpräsident ist, streicheln ihre Wagen, schreiten von einem zum anderen. Zehn Klassiker mit Stern nennen die beiden ihr Eigen. Da ist die leuchtend blaue 280 SL „Pagode“ von 1971. Der 170 V, Baujahr 1938. Da ist das 320 Cabriolet A, Baujahr 1939. Die Wagen blitzen, als hätten sie soeben vom Werk die letzte Politur vor der Erstauslieferung bekommen. Kristy, 47, sagt: „Diese hier, wohlgemerkt, sind alles meine Schätzchen.“ 

Ihr Ehemann Sayam, 56, schaut sichtlich stolz auf seinen nicht minder beeindruckenden Fuhrpark. Vor ihm stehen – neben anderen – ein 280 SE Coupé von 1969, eine 190 „Heckflosse“ aus den frühen 1960er-Jahren und ein 190 SL von 1957. Der Roadster ist in Hell­elfenbein lackiert, strahlendes Chrom, rotes Interieur. „An dem Wagen ist alles original“, sagt Sayam. Die Sitze sind in rotem MB-Tex ausgeführt, die Chromteile und das gesamte Armaturenbrett in einem Zustand wie am ersten Tag: Sogar der Verdeckstoff ist noch in bestem Zustand. 

Eine abenteuerliche Ausfahrt.

Die Autos scheinen über den Dingen zu schweben. Von allen epochalen Strömungen entkoppelt. Die Verlockung, sich auf der Stelle in eines der Traumautos zu setzen und Gas zu geben, ist groß – ungeachtet der sengenden Temperaturen draußen. Kristy und Sayam checken die Wetter-App. „Die nächsten Tage werden schön“, sagt sie. Segen statt Regen. Prompt wird eine spontane Spritztour einberufen. Und schon geht es los: Eine abenteuerliche Ausfahrt der Sonderklasse steht an – mitten hinein ins brodelnde Bangkok. Die beiden sitzen in ihren Roadstern – sie in der blauen „Pagode“, er im 190 SL – und steuern durch Rattanakosin Island, die Altstadt Bangkoks. Der Tempel Wat Pho zieht vorbei, der minzgrüne Park von Sanam Luang. Taxis hupen, Mopeds fräsen sich durchs Chaos. Die beiden Klassiker gleiten durch die heiße Kulisse wie Zeitmaschinen. Der Soundtrack: ein gutturales Blubbern vor sirrendem Thailand. Kristy und Sayam genießen die Fahrt, als sei um sie herum nicht viel los. Sie kennen das ja schon: Wenn die Menschen am Straßenrand wie verzaubert stehen bleiben, wenn Motorradfahrer in voller Fahrt ihre Handys zücken, um schnell ein paar Fotos von den altehrwürdigen Autos zu machen.

Eine „Pagode“ und ein 190 SL Roadster.

Kristy und Sayam navigieren ihre Preziosen durch ein bonbonbuntes Bangkok. Die beiden sind so etwas wie ein automobiles Traumpaar. Ein Duo fantastico in Sachen Klassiker – und auf der Welt wahrscheinlich eine einzigartige Konstellation. Kristys Vater war in den 1960er-Jahren aus den USA nach Thailand gekommen, sammelte schon früh Automobile von Mercedes-Benz. Zur Schule fuhr Kristy in einer Baureihe 107, schaute ihrem Vater als Teenager beim Restaurieren historischer Wagen über die Schulter. Ihr Faible für die Klassiker mit Stern wurde sie nie wieder los. Dann erbte sie die gesamte Sammlung des Vaters. Sayam lernte sie auf einer Autoshow kennen, da war sie 23. Auf dem Treffen waren die beiden die jüngsten Teilnehmer. Sayam, ebenfalls von seinem Vater in die Welt der Klassiker eingeführt, lehnte neben seinem Wagen, Kristys parkte nur ein paar Meter weiter. So kamen sie ins Gespräch. Und das muss sich in etwa so abgespielt haben: „Wie? Du fährst auch Mercedes?“ „Ja, schon lange.“ „Wie? Ihr habt noch mehrere solcher Wagen?“ „Ja, schon lange.“ „Wie kommt es, dass wir uns nicht längst kennengelernt haben?“ „Gute Frage!“

Es war kein Flirt. Eher eine chemische Reaktion. Da sind sich beide ziemlich sicher. Drei Jahre später die Hochzeit. Kristy erinnert sich noch an die Flitterwochen, die sie nach London und Frankreich führten: „Wir machten uns in Europa auf die Suche nach Teilen für unsere Wagen und auf dem Rückflug steckten in meiner Handtasche Chromblenden und Zylinderkopfdichtungen für den 280 SL Roadster.“ Bald danach kamen ihre beiden Kinder Tyna und Ty zur Welt. Und: Auch die gemeinsame Vorliebe für alte schöne Autos wuchs weiter. 

Vor etwa 15 Jahren gründete der Hauptstädter Sayam den Mercedes-Benz Club Thailand und fungiert seither als Präsident. Als Unternehmensberater und Betreiber einer Sicherheitsfirma haben er und Kristy zwar viel zu tun. Aber die Autos spielen die erste Geige, wann immer es möglich ist.

Weiter gehts durch Bangkok. Kokosnussstände,  Märkte voller Menschen und Wolkenkratzer ziehen vorbei, Straßenkreuzungen vom Feinsten. Das alles vor der Skyline der Zwölf-Millionen-Metropole, die sich hypnotisch in alle Himmelsrichtungen spreizt. 

Eine Garküche mit Michelin-Stern.

Die beiden halten am Abend vor einer Garküche im Ekkamai District. Dampfende Töpfe, brodelnde Blechpfannen. Reissäcke und Gewürztüten stehen in den Ecken, Neonröhren leuchten unter torkelnden Venti­latoren. Ein ganz normaler Imbiss, möchte man meinen. Und liegt damit völlig falsch. Das windschiefe Straßenlokal Wattana Panich existiert seit 110 Jahren, zählt zu den Top-Food-Locations in Asien und bekam schon zweimal einen Michelin-Stern verliehen. Typisch Bangkok. Eine Stadt wie eine Trickkiste. Undurchschaubar. Magisch. Nächster Stopp ein Noodle-Shop: Kristy und Sayam wählen Nudeln und Rind. Und erzählen. Das Thema am Tisch: Autos! Wie Kristys Vater früher unbedingt eine „Pagode“ mit Schaltung haben wollte – in Asien eine ausgemachte Rarität. Der Vater suchte jahrelang und weltweit. Vergeblich. Dann spazierten er und Kristy eines Tages die Straße hinter ihrem Haus hinunter und sahen ein Auto an einer verlassenen Tankstelle stehen. Nicht irgendeines: Es war genau die gesuchte „Pagode“, Baujahr 1971 – und mit Schaltung! Der Besitzer war bereit zu verkaufen, unter einer Bedingung: eine Million Baht, cash und noch am selben Abend. Kristy erinnert sich: „Drei aufregende Stunden später haben wir das Schmuckstück abgeholt.“

Einen anderen Wagen fanden sie nach zehn Jahren Detektivarbeit nahe Buenos Aires: das elegante 320 Cabriolet A. Der Wagen brauchte zwar eine Totalsanierung – war jedoch unwiderstehlich. Sie ließen das Cabriolet nach Los Angeles verschiffen, dann nach Deutschland. Über Umwege und ordentlich zerlegt kam der Klassiker schließlich nach Thailand. Sayam: „Ein echtes Projekt, wir müssen aber noch viel daran arbeiten. Ob der Wagen eines Tages wirklich wieder über die Straßen rollen wird?“ Die beiden schauen sich in die Augen. „Aber sicher!“, sagt sie. „Und dann wird es eine gigantische Party geben!“

Der nächste Morgen. Kristy und Sayam haben längst den Flurfunk aktiviert: Ein paar Freunde wollen mit ihren Wagen dazustoßen und ebenfalls eine Runde drehen. Vor einem Boutique-Hotel steht dessen Betreiber Montri Jitjaruk, 64, der vier Mercedes Klassiker besitzt, darunter einen 500 SEL in Gold. Seine beiden Töchter sind auch da, Frayya, 20, und Fairy, 26. Auch in Thailand ist die Klassiker-Leidenschaft längst an die junge Generation weitergegeben und gilt es als höchst schick, als junger Mensch einen alten Wagen zu fahren. Und ein alter Mercedes-Benz ist die Königsklasse.

Auch Sayams Neffe Seth, 27, kommt hinzu. Er fährt ebenfalls „Pagode“, hat Jura studiert, wollte eigentlich als Anwalt in Bangkok arbeiten. Aber Seth hat hingeschmissen – und lieber einen Lackiersalon für klassische Automobile eröffnet. Freunde und Clubmitglieder sind jetzt seine Kunden. Und Seths Lebensmotto kommt aus vollem Herzen: „Lieber traumhafte Autos lackieren als vor staubtrockenen Paragrafen sitzen!“

Ein Grandseigneur der Lebenslust.

Und dann biegt auch noch dieser Herr um die Ecke. Er sitzt in einem kupferfarbenen 280 SE Coupé von 1969, wobei er genau genommen in drei Fahrzeugen kommt. Zwei weitere Wagen nämlich sind auch noch mit von der Partie und der Herr springt von einem in den anderen. Gestatten: ein schwarzer 300 SL „Flügeltürer“ und ein 300 SL Roadster im Farbton Elfenbein. Baujahre: 1954 und 1957. Die Wagen sehen aus wie wahr gewordene Halluzinationen. Die automobile Endstation Sehnsucht. Und auf den weißen Polstern, in türkisen Stiefeletten, mit Cowboy-Gürtel und gelb gestreiftem Jackett, sitzt er: eine der wohl schillerndsten und bekanntesten Persönlichkeiten Thailands. Sein Name: Sawasdi Horrungruang, 82.

Seine Eltern waren einst als chinesische Auswanderer nach Thailand gekommen – und ihr Sohn startete durch. Horrungruang wurde zum Stahltycoon, zum Immobilienmogul, zum enorm erfolgreichen Multi-Unternehmer, der sogar das Silicon Valley Thailands mit aufgebaut hat. Auf die Frage, wie viele Autos er sein Eigen nennt, antwortet er lächelnd: „Um die 160, alles Klassiker, darunter mindestens 20 Mercedes-Benz.“ 60 seiner Wagen seien ständig einsatzbereit, 40 Fahrer und Mechaniker würden sich um seine Automobile kümmern. 

Ein großes Thema: Die Sterne auf der Straße!

Sawasdi Horrungruang steigt in sein auffälliges Coupé und gibt Gas. Er ist ein wirklicher Grandseigneur der Lebenslust. Die Klassiker steuern weiter durch Bangkok. Vorbei am Democracy Monument, durch das bunte Khaosan. Weiter über die Dinso Road, wo in den 1950er-Jahren der erste offizielle Mercedes-Benz Händler Bangkoks eröffnete. Die besondere Beziehung zwischen Stuttgart und Thailand allerdings begann schon lange vorher: Das erste Fahrzeug mit dem Stern wurde bereits im Jahr 1904 an den König von Siam ausgeliefert.

Kristy, Sayam und die anderen cruisen weiter. Über die Rama VIII Bridge, eine mächtige Schrägseilbrücke, die über den Chao Phraya River führt. Dann kommt Chinatown in Sicht. Neonreklamen blinken, Menschen wuseln vor Geschäften und Straßenständen, in denen Pfannen voller Köstlichkeiten brutzeln.

Am Abend folgt ein weiteres Highlight, diesmal im Wortsinn. Die Autos parken tief unten vor dem 250 Meter hohen State Tower, einem der höchsten Gebäude Asiens. Im 54. Stockwerk führen blau beleuchtete Treppen noch höher. Dann tritt man ins Freie, wandelt über Glas zu einer offenen Lounge, gelegen mitten im Himmel über Bangkok.

In der Sky Bar des Hotels Lebua sitzt man unter Palmen, Wasser plätschert, Jazz perlt in die Luft. Ein Dutzend weitere Clubmitglieder sind eingetroffen. Es gibt kühle Drinks, als sich über der Stadt lilafarben die Sonne verabschiedet. Bangkok gleicht nun einem Ozean funkelnder Juwelen, derweil sich am Himmel das nächtliche Firmament ausbreitet wie ein feines Knistern. Kristy, Sayam und all die anderen aber kennen mal wieder nur ein großes, sie alle verbindendes Thema: Nicht die funkelnden Sterne am Firmament, sondern die auf der Straße!