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Flexibilität, Zusammenhalt und Kreativität.

Sie sind 1993 als Teil der internationalen Nachwuchsgruppe zur damaligen Daimler-Benz AG gekommen. Seitdem hat sich vieles verändert, die Branche erlebt gerade einen bedeutenden Wandel. Auf welche Entwicklungen der letzten Jahre sind Sie besonders stolz?

Wir haben es erfolgreich geschafft, uns strukturell und strategisch neu auszurichten – als ein Pure-Play-Unternehmen mit vollem Fokus auf Dekarbonisierung und Digitalisierung. Das ist uns parallel zu den Herausforderungen der vergangenen zwei Jahre gelungen: von der Covid-19-Pandemie bis hin zu den Auswirkungen des erschütternden Kriegs in der Ukraine. Das Team von Mercedes-Benz hat jedes Mal aufs Neue mit Flexibilität, Zusammenhalt und Kreativität reagiert. Darauf bin ich stolz.

Neben den vielen Kolleginnen und Kollegen gilt mein Dank auch unseren Kundinnen und Kunden für ihre Geduld und Treue. Ich bedanke mich insbesondere für das Verständnis, falls sich die Auslieferung ihrer neuen Fahrzeuge angesichts der herausfordernden Lage verzögert.

Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz AG.

Zukunft bringt Herausforderungen mit sich.

Welche Themen werden Sie in den nächsten fünf Jahren besonders beschäftigen?

Als ich bei Mercedes-Benz angefangen habe, waren automatisiertes Fahren sowie vollelektrische und vernetzte Autos reine Science-Fiction. Heute ist das alles Realität und wir arbeiten an der Weiterentwicklung dieser Themen. Wir wollen E-Antriebe weiter über das gesamte Portfolio ausrollen, die Softwareentwicklung beschleunigen und Mercedes-Benz als führenden Hersteller von Luxus-Pkw und Premium-Vans weiter stärken. Kurz: Wir wollen die begehrenswertesten Automobile der Welt bauen – unabhängig von der Form des Antriebs.

Die Umstellung auf eine vollelektrische Zukunft bringt Herausforderungen mit sich, wie den veränderten Rohstoffbedarf. Wie begegnen Sie solchen Situationen?

Im Zuge des weltweiten Mangels an Halbleitern haben wir unsere gesamte Wertschöpfungskette gründlich durchleuchtet und optimiert. Mit dem Übergang zur Elektromobilität wird beim Rohstoffbedarf noch sehr viel mehr in Bewegung geraten. Eine Konsequenz ist für uns, dass wir unsere Lieferketten noch mehr diversifizieren werden, um unser Risiko weiter zu minimieren. Deshalb haben wir kürzlich zum Beispiel eine Absichtserklärung mit der kanadischen Regierung unterzeichnet, um die Zusammenarbeit in der gesamten automobilen Wertschöpfungskette zu vertiefen. 

Synthetische Kraftstoffe – einige sehen sie als Chance, andere betrachten sie kritisch. Welche Antriebsalternativen zum Elektromotor sind für Mercedes-Benz besonders reizvoll?

Aktuell ist die Batterie der Brennstoffzelle bezüglich einer großvolumigen Markteinführung überlegen. Die höhere Energiedichte bei der Batterietechnologie hat den Reichweitenvorteil der Brennstoffzelle im Pkw verringert. Und auch die Effizienz hat riesige Fortschritte gemacht: So haben wir beim EQS einen Wirkungsgrad von rund 90 Prozent. Das bedeutet, dass bis zu 90 Prozent der in der Batterie gespeicherten Energie an den Rädern ankommt. Zum Vergleich: Bei einem Fahrzeug mit einem effizienten Verbrennungsantrieb sind es etwa 30 Prozent. Was den Einsatz von Brennstoffzellen betrifft, beobachten wir den Markt weiterhin und halten uns die Option offen, die Technologie zu gegebener Zeit ebenfalls anzubieten. 

Wie sieht Mobilität im Jahr 2055 aus?

Stichwort Nachhaltigkeit: Die Mercedes-Benz Group AG unterstützt die EU-Klima-Initiative „Fit for 55“ – wie sieht Mobilität im Jahr 2055 aus?

Wie der Stand der Technik genau sein wird, das lässt sich aus heutiger Sicht natürlich nicht verlässlich sagen. Das Automobil wird sich in den nächsten zehn Jahren noch mehr und noch schneller verändern als in den vergangenen Jahrzehnten.

Vor rund 70 Jahren hat man von Autos mit Kernreaktor als Energiequelle und einer Reichweite von 8 000 Kilometern geträumt. Das zeigt: Die Frage nach der Zukunft der Mobilität hat schon lange Konjunktur, aber solche Vorhersagen waren selten akkurat. Ich hoffe, dass die Menschheit 2055 in so vielen Weltregionen wie möglich zu 100 Prozent nachhaltig unterwegs ist. Wir bei Mercedes-Benz wollen das Ziel der CO2-Neutralität entlang der gesamten Wertschöpfungskette in der Neufahrzeugflotte ab 2039 erreichen und schon 2030 überall da zu 100 Prozent elektrisch werden, wo es die Marktbedingungen zulassen. 

Inwiefern gibt der VISION EQXX hier einen Ausblick auf die Zukunft?

Besonders bemerkenswert ist, dass wir in nur 18 Monaten mit einem weltweiten bereichsübergreifenden Team den effizientesten Mercedes aller Zeiten vom sprichwörtlichen weißen Blatt Papier auf die Räder gestellt haben. Wir wollten im realen Straßenverkehr über 1 000 Kilometer mit einer einzigen Batterieladung fahren – angetrieben von einer Batterie, die in einen Kompaktwagen passt. Bei der Fahrt von Stuttgart nach Silverstone, Großbritannien, hat der VISION EQXX dann sogar 1 202 Kilometer geschafft. Das war für alle Beteiligten natürlich ein sehr großer Erfolg. Unsere Kundinnen und Kunden können sich jetzt schon auf viele Innovationen freuen, die wir in die Serienproduktion überführen werden.

„Moments That Matter.“

Diese Rubrik heißt „Moments That Matter“. Welche Momente sind das für Sie?

Beruflich zählen für mich dazu vor allem die Momente, wenn wir ein neues Fahrzeug präsentieren. Denn bis es so weit ist, arbeiten unzählige Kolleginnen und Kollegen teilweise über Jahre extrem hart daran, das Auto in der gewohnten Mercedes Qualität und Perfektion auf die Straße zu bringen. Deshalb ist so eine Weltpremiere der verdiente Lohn für alle Beteiligten und definitiv ein „Moment That Matters“.

In Ihrer Position als Vorstandsvorsitzender haben Sie enorm viel Verantwortung – was erdet Sie abseits des Berufsalltags? 

Was mich am meisten erdet und mir beim Abschalten hilft, ist meine Familie. Inzwischen sind die Kinder aus dem Haus. Umso mehr genieße ich es, wenn meine Frau und ich Zeit mit ihnen verbringen. Darüber hinaus spiele ich gerne Tennis. Und auch wenn ich in diesem Leben wohl kein Roger Federer mehr werde, ist der Sport ein Ausgleich für mich. Das gilt ebenso für ein gutes Buch oder einen spannenden Film.

Eine letzte Frage: Wie haben Sie sich als Kind Automobile in der Zukunft vorgestellt?

Mit Stern auf der Motorhaube [lacht]. Im Ernst: Ich hatte leider weder als Kind noch jetzt als Erwachsener annähernd das Designtalent, das unser Chefdesigner Gorden Wagener und sein Team haben. Für mich hatte ein Auto damals vier Räder, ein Lenkrad und einen Auspuff. Die neue Generation zeichnet ihre Autos mittlerweile wahrscheinlich ohne Auspuff. Daran arbeiten wir ganz konkret, abseits jeder Kinderfantasie.