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Content is King!

Entertain me!

Leise surren die Sitze und fahren langsam nach hinten. Sie fügen sich in eine lederbespannte Rückwand ein, bilden so eine entspannende Lounge, die den Fahrer zum Passagier macht. Die Navigationsdisplays wandern mit und zeigen wahlweise Apps oder Filme an. Mobile Utopie? Nein, in naher Zukunft werden Menschen so die Route von A nach B in autonom fahrenden Autos verbringen können. Und dann vielleicht sogar etwas länger als heute. Laut McKinsey verbringen wir im Schnitt täglich 50 Minuten im Fahrzeug. Nicht Exterieur und Interieur an sich sind dann mehr Kauf-, Leasing- oder Nutzungs-Argument, sondern insbesondere das, was das Auto an Info- und Entertainment bietet.

Kampf um Aufmerksamkeit

Der Pkw wird zum „Third Place“ – einem weiteren Lebensmittelpunkt neben Büro und Zuhause. Wenn der Mensch sich demnächst im selbstfahrenden Auto nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren muss, dann wird er sich vollends anderen Dingen widmen. Die spannende Frage ist, ob die Autohersteller selbst zum Content Provider reifen. Denn der Wettstreit um die inhaltliche Hoheit über die potenzielle Zielgruppe von rund 1,2 Milliarden Personen jedweder Art hat längst begonnen. Third-Party-Anbieter wie die Internet-, Unterhaltungs- und Werbeindustrie drängen verstärkt auf die Armaturenbretter der neuen Autogeneration. Aus einem guten Grund. Für Vermarkter ist das Fahrzeug nüchtern gesehen ein Daten generierender Touchpoint und damit Fortsetzung der berühmten Customer Journey. Wenn der PKW das Versprechen als Third Place tatsächlich erfüllt, dann wird der Kunde diesem Ort in Zukunft seine volle Aufmerksamkeit schenken.

Raus aus dem faradayschen Käfig.

Vorbei sind die Zeiten, in denen der Fahrer mit dem Zuziehen der Seitentür nur noch über die Einwegkommunikation der Billboards am Straßenrand oder über das Autoradio ansprechbar war. Längst sind die Insassen Teil der realen und digitalen Welt. Die Vernetzung mit dem Internet senkt die Sende- und Empfangsschwelle entscheidend. Die Passagiere sind zudem geradezu erwartungsvoll und offen für jegliche Art von Unterhaltung, die sie kurzweilig zum Ziel bringt. Davon zeugen längst die Fond-Entertainmentsysteme im Oberklassesegment. Doch diese werden den Anschein nicht los, dass sie lediglich nach dem dritten „Sind wir bald da?“ für Ruhe auf den Rücksitzen sorgen sollen. Ein “technisches Valium” gegen Langeweile und akuten “Pipi-Druck” der Kinder.

Allgemein liegt der Trend großer Hersteller und Zulieferer in der ständigen Optimierung technologischer Gimmicks zum Bespielen des Innenraums mit dem Internet als nicht versiegende Quelle für Audio, Bewegtbild und Co. Schon heute können Insassen ihre persönlichen Newsfeeds und Smartphone-Inhalte via Android Auto, MirrorLink oder Apple CarPlay einsehen, damit E-Mails abrufen und Apps verwenden. Immer komfortabel wird die Bedienung durch immer größer werdende Displays, die sich neuerdings per Sprache und Gesten steuern lassen.

Das Streben nach Inhalten.

Allen voran die Tech-Giganten Alphabet und Apple tauchen über ihre Smartphone-Schnittstellen tief in das digitale Innenleben des Fahrzeugs ein. Doch in Sachen Content sind auch sie nur Mittler. Tut sich hier die berühmte Achillesferse auf? Gadgets, Apps, soziale Netzwerke und Plattformen dienen der Datengenerierung und Kommunikation. Doch die Nutzer sind auch immer Publikum – und das sehnt sich nun mal nach „Brot und Spielen“. Egal ob auf dem heimischen Sofa oder auf dem Autositz. Wie immer geben sich die Apple-Strategen geheimniskrämerisch, aber es ist gemeinhin bekannt, dass das Unternehmen künftig mit eigenen Serien- und Filmangeboten starten will. Vor Kurzem erschien der erste Trailer zur Show „Planet of the Apps“. Der ZEIT-Autor Eike Kühl hat eine lesenswerte Rezension darüber geschrieben. Darüber hinaus sucht das Unternehmen nach Partnerschaften mit Hollywood-Größen. Das Ziel: Direkt nach dem Kinostart soll der On-Demand-Verleih von Spielfilmen über iTunes möglich werden.

The Queen buys the king.

Welchen ultimativen Stellenwert Content hat, zeigt die besiegelte Übernahme von Time Warner durch AT&T. Die Elefantenhochzeit ist vorläufiger Höhepunkt in der Übernahmewelle von Content-Produzenten in den USA. Apple kokettierte 2016 selbst mehrmals mit einer Übernahme des Medien- und Unterhaltungsgiganten. AT&T hatte zuletzt mit wegbrechenden Einnahmen im klassischen Transport von Inhalten zu kämpfen. Über den Zukauf von Time Warner werden Sahnestücke wie HBO, CNN und das legendäre Hollywood-Studio Warner Bros akquiriert. Kommt danach etwa der große Coup mit dem „Kanal“ Auto?

Man muss ja nicht gleich einen Hersteller kaufen. Warum nicht einer werden? Das zeigt ein radikales Beispiel aus Asien: Mit LeEco avanciert erstmalig ein veritabler Content-Anbieter zum Autobauer. Der chinesische Konzern entwickelt derzeit das futuristisch anmutende Elektroauto „LeSee“ in Eigenregie. Es soll zum mobilen Kino werden, selbstverständlich mit exklusivem Zugriff auf die hauseigenen Serien, Filme und Musikkanäle der Unterhaltungssparte. Ein spannendes Unterfangen, das jedoch einen langen Atem braucht, wenn man an die ungewisse Zukunft von Projekten wie Waymo oder dem iCar denkt.

Sinnige Kooperationen.

Die tektonischen Verwerfungen im Automobilsektor haben neue Geschäftsmodelle hervorgebracht, frische Konstellationen und zuvor undenkbare Partnerschaften ins Leben gerufen. Volvo hat gemeinsam mit Eriksson die Bandbreitenlösung Concept 26 entwickelt, um Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime Video in HD-Qualität im Auto zu streamen. Ihr Erfolgsrezept: Eigenproduktionen auf höchstem Niveau und smarte Rechte-Einkäufe. Dafür kooperieren sie weltweit mit bekannten Filmstudios und Regisseuren. Warum nicht auch irgendwann mit einem Autohersteller? In 10.000 Metern Höhe sind Kooperationen solcher Art längst Usus – wohlgemerkt ist der Autopilot hier längst etablierter Standard. Die Fluglinie Jetblue beispielsweise ist eine Kooperation mit Amazon Prime eingegangen.

Fluggäste können am persönlichen Monitor mit kostenlosem Internetzugriff ihre Filme und Serien nach Lust und Laune abrufen. Und wer noch nicht Abonnent ist, kann selbstverständlich per Klick einer werden. Zudem stehen Magazin-Inhalte von VICE oder dem TIME Magazine sowie der Stream SiriusXm Radio zur Verfügung. Ergebnis: maximale Entspannung bei exklusiver Auswahl. Was die Airlines heute schon können, sollten die Autos von morgen ebenso ermöglichen – wenn nicht sogar noch besser machen.

Autoren: Christian Geiss and Oliver Jesgulke