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Für immer offline?

Das Nummernschild im digitalen Zeitalter.

Kennzeichen auf Lebenszeit?

Auf den deutschen Straßen sind aktuell rund 55 Millionen Fahrzeuge unterwegs. Je nach Fahrzeugtyp, Halter und Nutzung braucht man ein Kennzeichen, das sich aus einem der 18 Grundtypen herleitet. Die Nummernschilder werden über die örtliche Zulassungsstelle zugeteilt und kontrolliert. Ein Prinzip, das 1907 eingeführt wurde und an dem sich bis heute wenig geändert hat. Noch immer ist das Kfz-Kennzeichen ein Code, über den sich der Halter eines Fahrzeugs ermitteln lässt. Aber wäre es nicht vorstellbar, dass man beim Erwerb des Führerscheins ein Fahrzeugkennzeichen auf Lebenszeit erhält? Dieses könnte dann über ein digitales Nummernschild eingeblendet werden, ganz egal mit welchem Fahrzeug man gerade fährt – oder gar fliegt.

Eine Art Google Adsense für Fahrzeugflotten.

Wie so ein digitales Kennzeichen aussehen könnte, wurde 2017 auf der North American International Auto Show vom Start-up Reviver vorgestellt. Das sogenannte rPlate ist einerseits ein entspiegeltes LCD-Display, welches das Nummernschild anzeigt. Andererseits ist das Gerät mit GPS, Beschleunigungssensor, Hochfrequenz-Sensoren und einem CAN-Bus-Zugang ausgerüstet, um mit der Umwelt zu kommunizieren. So steht das rPlate im Echtzeit-Austausch mit der jeweiligen Zulassungsbehörde und teilt über Einblendungen auf dem Display mit, wenn das Fahrzeug gestohlen wurde, wenn dem Fahrer der Führerschein entzogen wurde oder wenn die Zulassung abgelaufen ist. Darüber hinaus soll die Anzeige als eine Art visuelle Hupe fungieren und die Kommunikation zwischen Passanten und Fahrzeugen ermöglichen. Eine Idee, die bereits von Start-ups wie Drive.ai und Humanising Autonomy vorangetrieben wird. Das digitale Kennzeichen soll außerdem als eine Art Google Adsense für Fahrzeuge fungieren. Wird das Auto geparkt, verwandelt sich das Schild in eine Werbetafel. Mittels Geofencing-Technologie lässt sich der genaue Standort des Fahrzeugs ermitteln und mit den Werbeangeboten umliegender Geschäfte verknüpfen.
Steht der Wagen beispielsweise auf dem Parkplatz eines Baumarkts, würde das rPlate das Warensortiment oder Sonderaktionen der Filiale bewerben. Über dieses Screen-Sharing könnte der Fahrer im Gegenzug für jede ausgestrahlte Werbung Geld dazuverdienen. Übertragen auf eine Carsharing-Flotte wie car2go wäre dies eine mögliche Einnahmequelle, wenn das Fahrzeug nicht benutzt wird. Damit wären die interaktiven Kennzeichen Teil eines Digital-Signage-Ökosystems, in das auch Smartglass-Hersteller wie Corning und Gauzy, sowie das Start-up car2ad vordringen möchten.

Daneben könnten digitale Nummernschilder eine sinnvolle Unterstützung für Flottenmanagement-Systeme wie den Digital Vehicle Scan sein. Zum einem übermitteln sie in Echtzeit Daten über die Fahrer und ihrer Fahrzeuge. Zum anderen ermöglichen sie eine automatische Registrierung bei den Zulassungsbehörden und stellen darüber hinaus eine Plattform bereit, über die eine drahtlose Zahlung von Straßenmaut, Parkplatzgebühren und Spritkosten möglich wäre.

Identität & Mobilität.

In den USA testen zurzeit vier Bundesstaaten das digitale Kennzeichen. Die kalifornische Verkehrsbehörde schätzt, dass sie damit jährlich bis zu 20 Millionen US-Dollar sparen könnte. Aber hat das digitale Nummernschild wirklich eine Zukunft? Zum Vergleich: Früher waren Navis kleine Add-ons, die man sich in die Frontscheibe klebte. Heute gehören sie zur fest installierten Standardausstattung. Ist das rPlate nicht auch so ein telemetrisches Add-on, nur für die Stoßstange? Werden in Zukunft überhaupt noch Kfz-Kennzeichen nötig sein? Was das rPlate an Kommunikations- und Werbemöglichkeiten bietet, übernehmen wahrscheinlich die intelligenten Glasscheiben. Drahtlose Zahlungen werden auch schon heute von e-Wallet-Anbietern wie Slock.it, PayPal oder Apple Pay angeboten. Die telemetrische Tracking-Technologie steckt womöglich bald serienmäßig in jedem Fahrzeug. Schließlich werden die Mobilitätsanbieter von morgen die Nutzer- und Fahrzeugdaten nicht aus der Hand geben wollen. Denkt man noch einen Schritt weiter, landet man bei den fliegenden Autos. Sehr wahrscheinlich werden diese über eine digitale Kennzeichnung verfügen, wie sie heute schon von Start-ups wie DJI, AirMap und DigiCert für Drohnen angedacht werden.

Eine digitale ID für alles.

Das Start-up Reviver hat mit seinem rPlate vor allem eines deutlich gemacht: Zurzeit befindet sich die Kennzeichnung von Fahrzeugen in einem Zustand einer Art digitalen Workarounds um ein analoges Artefakt. Was das Nummernschild aus Blech heute leistet, lässt sich durchaus in eine digitale Form überführen und durch vielseitige Services ergänzen. Im Zeitalter, in dem man das Fahrzeug über biometrische Daten öffnet und startet, ließe sich die Fahrzeug-ID mit der Fahrer-ID koppeln. Eine Kennzeichnung über den Fahrzeughalter wäre überflüssig, und somit könnten alle mobilen Services direkt über die jeweilige Person abgerechnet werden. Ob dies aber mittels einer digitalen Anzeige an der Front und am Heck des Fahrzeugs umgesetzt wird, bleibt offen. Sicher ist, dass es gerade für die Mobilitätsdienstleistungen der Zukunft einer eindeutigen Kennzeichnung von Fahrzeugen und Fahrern bedarf.

Autoren: David Menzel und Jean-Paul Olivier