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Game Changer Blockchain.

Was ist Blockchain? Und wird es wirklich die Welt verändern?

Zyklus der Hysterie.

Menschen neigen gelegentlich fast zu Hysterie, wenn neue Technologien entwickelt werden, die scheinbar disruptiv sind. So auch beim Auftauchen des Bitcoins und der Blockchains. Dieselben Menschen neigen allerdings auch dazu, sehr bestürzt zu sein, wenn sie feststellen, dass diese Technologien nicht zwangsläufig die Welt über Nacht verändern. Diese modellhafte Beschreibung über das Verhalten von Menschen gegenüber neuen Technologien nennt das Forschungsunternehmen Gartner “Hype Cycle”. Haben Blockchains bereits ihren Zenit erreicht? Oder erobern sie gerade lautlos die Welt, ohne dass die Menschen die Bedeutung von Blockchains begriffen haben?

Die Mutter aller Blocks.

Um ein Verständnis dafür zu haben, was Blockchains leisten, muss man nicht unbedingt im Detail verstehen, wie sie funktionieren. Man muss vielmehr begreifen, welches Bedürfnis sie befriedigen. Ein Blockchain wird häufig mit dem Kassenbuch eines Girokontos verglichen. Dieses wurde im 16. Jahrhundert in Italien erfunden – dem Silicon Valley der Renaissance. Ziel war es, an zwei geografisch voneinander getrennten Orten über eine bestimmte Menge Geld zu verfügen. Statt also auf einer Reise immer eine Schatztruhe voller Geldmünzen mit sich führen zu müssen, konnte man über das Girokonto Geld in Schuldscheine umtauschen und umgekehrt. Aber das ist nur die Betrachtung der Methode. Das zugrundeliegende Bedürfnis bestand darin, das düstere Mittelalter zu überwinden, die Welt mithilfe der Wissenschaft zu verstehen und sie zu erobern. Ohne das Girokonto wäre die Entdeckung der “Neuen Welt” und der Handel über die Seidenstraße nicht möglich gewesen. Ohne den Handel mit Schuldscheinen wären die Konzerne des Mittelalters – die Monarchien – nicht in der Lage gewesen, ihre Missionen durchzuführen. Ohne das Girokonto wäre die Kommunikation über die Grenzen der Kontinente und Kultursysteme nicht möglich gewesen.

Blockchains sind im Wesentlichen ein digitales Register von Geld- bzw. Datentransfers, die die Bedürfnisse der digitalen Gesellschaft befriedigen sollen. Sie sollen den Austausch von Daten und Währungen dezentral organisieren. Sie sollen die Geschwindigkeit der Transfers beschleunigen, sodass jeglicher Service in Echtzeit abgewickelt werden kann. Und sie sollen zu 100 % sicher sein.

Ist da auch Blockchain drin?

Dass Blockchains erfolgreich eingesetzt werden können, hat die Kryptowährung Bitcoin bereits bewiesen. Bei ihrer Einführung 2009 lag ihr Wert bei rund einem US-Dollar. Heute wird ein Bitcoin mit einem Wert von ca. 8.325 US-Dollar gehandelt. Das Besondere am Bitcoin ist nicht nur seine extreme Wertsteigerung, sondern das Vertrauen in seine Verlässlichkeit und Sicherheit. Lassen sich diese Eigenschaften auf andere digitale Geschäftsbereiche übertragen? Ja, und wie.

Die 'Car eWallet'-Plattform von ZF ist Blockchain basiert. Sie ermöglicht nicht nur das Öffnen des Fahrzeugs, sondern auch das automatische Bezahlen von Park- oder Tankgebühren. Services wie “CHARK.me” oder “smart ready to“ wären ohne Blockchains nicht möglich. Der dezentrale Stromhandel basiert auf Blockchains. Er ermöglicht den Erzeugern von Strom und den Besitzern von Energiespeichern, ihren Strom an andere zu verkaufen. Blockchains werden genutzt, um die Privatsphäre, Geschäfts- und Fahrzeugdaten zu schützen. Blockchains ermöglichen die Logistik 4.0 zu Wasser, zu Land und in der Luft. Mithilfe der Blockchain-Technologie lässt sich in Berlin ein Kaffee kaufen und in Russland ein Flugzeug-Ticket. Vielleicht ist Blockchain heute nur ein Hype – aber in Zukunft vielleicht die alles entscheidende Technologie, um die Sharing-Ökonomie weltweit durchzusetzen.

Blockchains in Zahlen.

Dass Blockchains auf dem Vormarsch sind, belegen auch die Marktzahlen. 2016 wurde der globale Blockchain-Markt mit einem Wert von rund 216 Millionen US-Dollar bewertet. Davon stammen 40 % aller Einnahmen, die mithilfe dieser Technologie gewonnen werden, aus Nordamerika. Weltweit soll das Marktvolumen bis zum Jahr 2024 auf 9,6 Milliarden US-Dollar wachsen und sich bis zum Jahr 2027 verzehnfachen: Dann rechnet man mit Einnahmen von bis zu 45 Milliarden US-Dollar. Zu den Hauptakteuren auf dem globalen Markt gehört IBM mit einem Marktanteil von 10 %. Natürlich interessieren sich auch andere Schwergewichte wie Intel oder Microsoft für diesen Markt – vor allem aber eher unbekanntere Konzerne wie Chain Inc., Accenture Plc., Eris Industries, Blockchain Tech Ltd., Digital Asset Holdings oder Earthport.

Technologiegetriebene Mobilität.

Die Technologie wird auch den Automobilsektor innerhalb kürzester Zeit sowohl in wirtschaftlicher als auch in technischer Hinsicht beeinflussen. Natürlich lässt sich auf der einen Seite der Lebenszyklus von Fahrzeugen optimieren: Von der Produktion bis hin zum Fahrzeugkauf, von der Reparatur über maßgeschneiderte Versicherungs- und Finanzierungsangebote bis hin zu der Bereitstellung von Ersatzteilen. Aber der vielleicht viel spannendere Teil ist es, den Ansprüchen der Nutzer gerecht zu werden, die nicht mehr ein eigenes Auto besitzen wollen. Jene, die Mobilität als einen Service verstehen, bei dem der Zugang zu einem Fahrzeug nur die Basis für eine Vielzahl weiterer Services ist. Jenen Menschen, die je nach Laune und Notwendigkeit ein ganz bestimmtes Auto fahren wollen. Blockchains ermöglichen nicht nur, dass sich die Fahrzeugtüren diverser Modelle öffnen. Sie sind die Grundlage dafür, dass andere Services im Auto bereitgestellt werden können. Für den Nutzer ist das Auto in dieser Hinsicht eher eine Plattform, ein sogenanntes Interface. Auf dessen Oberfläche lassen sich individuell gespeicherte Voreinstellungen in Echtzeit abrufen: Für Musik, Sitzeinstellung, Navigationspräferenzen oder andere Vorlieben. Hinter diesem Interface aber agieren diverse Blockchains. Sie garantieren Echtzeit-Interaktionen sowie die Sicherheit der persönlichen Daten. Der Status eines Fahrzeugs obliegt dann nicht mehr seiner Leistung oder Zylinderzahl, sondern der Rechenleistung, mit der Blockchains verarbeitet werden.

Umgekehrt können die Fahrzeughersteller die durch die Blockchain-Technologie gewonnenen Daten nutzen, um ihre Services zu verbessern. Das ist auch zwingend notwendig, wenn man bedenkt, dass schon in 13 Jahren fast die Hälfte aller Fahrzeuge nicht besessen, sondern geteilt werden. Allein in Großbritannien werden es bis zum Jahr 2030 36 % aller Fahrzeuge sein – einschließlich aller autonom fahrender PKWs. In China sind es dann bereits 46 % aller PKWs.

War die Hysterie berechtigt?

Natürlich sollte man für neue Technologien schwärmen dürfen. Warum auch nicht einmal etwas bejubeln, was man eigentlich nicht genau versteht: Etwa die genaue Funktionsweise von Blockchains. Aber ganz ehrlich: Die meisten Menschen fliegen in Flugzeugen, ohne zu begreifen, welche Kräfte die Flügel heben; die meisten Menschen nutzen Smartphones, ohne erklären zu können, wie aus einer Funkverbindung ein Telefonat wird. Vor allem eines ist wichtig: Was kann man mit einer bestimmten Technologie alles erreichen?

Autoren: Christian Geiss und Jean-Paul Olivier