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Glänzende Aussichten.

Mehr als Farbe – Hightech

Farbliche Straßen-Tristesse.

Psychologen, Neurobiologen und Werbeberater versuchen immer wieder über Studien zur individuellen Farbwahl direkt in die Psyche von Kunden zu schauen. Schwarz sei eine Farbe der Macht, Besitzer eines weißen Autos wären angeblich pflichtbewusst, und Rot oder Gelb stehen für Dynamik und Sportlichkeit. Farbdesigner jedenfalls müssen angesichts der Präferenzen hiesiger Autokunden verzweifeln. Denn auf deutschen Straßen herrschen vorrangig düstere Töne: 2016, so eine Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts, wurden rund 55 Prozent aller Neuzulassungen in Grau und Schwarz ausgeliefert. In der großen weiten Welt geht es auch nicht gerade bunter zu. Farbliche Langeweile wäre in den 1970er und 1980er Jahren undenkbar gewesen. Damals schillerten die Autos in Gelb, Orange und Rot, waren mit Streifen und Mustern verziert. Man wollte weg von den konservativen gedeckten Lacken der Nachkriegszeit und sich abheben.

Es werde Lack.

Bei den statistisch eher irrelevanten Sportwagen sah es schon immer etwas dekorativer und bunter aus. Die Farbwahl ist meist exotisch: Bicolor, Knallorange oder changierend – alles geht. Denn hier gilt nur eine Prämisse: Auffallen um jeden Preis. Audi hat beispielsweise den Lackierprozess für seine R8-Linie erweitert, um individuelle Signets auf der Karosserie anzubringen. Doch bevor es dazu kommt, beginnt der Lackierprozess in der Regel mit einem Bad: Im Becken der sogenannten kathodischen Tauchlackierung erhält die Karosse eine Grundierungsschicht. Es folgt der Füller-Lack zum Schutz vor Steinschlag und UV-Strahlung, dann der Basislack aus Farbpigmenten und Effektstoffen für die Farbgebung. Zum Schluss versiegelt der Klarlack die Schutzhülle der Karosserie, die am Ende gerade mal 0,1 bis 0,2 Millimeter dick ist. Bei Audi wird nun die oberste Schicht wenige Tausendstel Millimeter mit einem Spezialpulver angeraut, so dass bei Lichteinfall Schriftzüge und Figuren sichtbar werden.

Nanotechnologie revolutioniert Lacke.

Lack ist am schönsten, wenn er blitzblank poliert ist. Der Alltag macht ihm aber schwer zu schaffen. Straßenschmutz und Witterung stören das Gesamtbild. Doch Abhilfe naht. UltraTech International hat einen Nissan Note mit dem Nano-Lack “Ultra-Ever-Dry” auf eine Buckelpiste samt tiefen Schlaglöchern und Schlammlöcher geschickt. Dank einer besonderen Nanostruktur bildet sich eine Art Luftpolster auf dem Lack, das Matsch, Regentropfen und sonstigen Schmutz einfach abperlen lässt. Was zur Folge hat, dass man seltener in die Waschanlage muss, die für jeden Lack langfristig gesehen sowieso ein ziemlicher Glanzkiller ist. Doch was ist mit Kratzern durch rücksichtslose Verkehrsteilnehmer oder Vandalen? Führende Lackhersteller wie Akzo Nobel, BASF Coatings AG oder DuPont Performance Coatings suchen fieberhaft nach Antworten.
Versetzt werden die Lacke heute schon mit Nanopartikeln, um die Kratzfestigkeit zu erhöhen. Wird die Oberflächenstruktur durch Beschädigungen angerissen, könnten Mikroampullen im Lack zum Einsatz kommen, die mit aufgerissen werden. Sie setzen dann eine Substanz frei, die den Kratzer wieder schließt. Der Mechanismus ist leider nicht wiederholbar. Forscher der Universität des Saarlandes haben dafür eine Lösung: Lack auf Maisbasis. Dessen Moleküle können aufgrund einer Perlenketten-Struktur binnen weniger Tage zusammenfließen und so die Kratzer und Risse immer wieder versiegeln. Und vielleicht wird uns der Lack sogar irgendwann im Cockpit auf einer Anzeige berichten, wo er gerade Blasen bekommt, Kratzer hat oder Vogelkot und Baumharz ihm an den Kragen wollen.

Camouflage fürs Auto.

Trends kommen und gehen. Doch während man sich schnell neue Kleidung kaufen kann oder den Wänden der Wohnung einen anderen Anstrich verpassen, ist der Tapetenwechsel beim Auto nicht so leicht. Wer etwas verändern will, braucht aber nicht gleich eine teure Umlackierung. “Car Wrapping” heißt das Gebot der Stunde. Was seit Jahrzehnten Standard beim Bekleben von Taxen in Hellelfenbein oder dem Bundeswehr-Fuhrpark in Olivgrün ist, findet zunehmend beim Endkunden Anklang. Anbieter wie Foliocar und andere zertifizierte Werkstätten bieten die zweite Außenhaut in Camouflage, im gelb-schwarzen Follow-me-Car-Stil oder Schachbrettmuster an.

Aber zurück zum Lack: Der Graffiti-Künstler René Turrek hat eine Speziallackierung entwickelt, die sich immer wieder verändert. Lediglich aufgetragen per Sprühdosen und Marker, nimmt der Lack bei Kontakt mit Regen eine völlig andere Farbe an oder zeigt je nach Designwunsch surreale Figuren, Konterfeis oder Muster. Der Trick funktioniert auch unter wechselndem Temperatureinfluss. Die Idee kam Turrek durch die legendären Matchbox-Autos, die unter fließendem Wasser farblich changieren.

Farbwechsel auf Knopfdruck.

Doch wie wäre es, wenn man Lacke irgendwann auf Knopfdruck verändern könnte? Wer an einen Ferrari denkt, stellt ihn sich grundsätzlich rot vor. Die Farbe ist Reminiszenz an eine alte FIA-Regel zu Zeiten der Grand-Prix-Rennwagen, als die Blechboliden einen länderspezifischen Anstrich bekamen. Die Kennfarbe deutscher Autos war übrigens zunächst weiß, dann silbern – woher auch die inoffizielle Bezeichnung Silberpfeil stammt. Dank der fortschreitenden Nanotechnologie könnte man mit der Farbtradition spielend leicht brechen: Heute seriös in schwarz zum Geschäftstermin, morgen dann wieder in rot oder einfach mal in knallig gelb für die Fahrt ins Wochenende. Farbpigmente lassen sich durch elektrische Impulse immer wieder umstrukturieren. Die veränderte Lichtbrechung führt dazu, dass innerhalb von Sekunden der Lack in einer anderen Farbe erscheint.
Aber was ist, wenn man nachts unterwegs ist? Keiner sieht den schicken Lack so richtig. Nissan hat eine Lösung entwickelt, die tagsüber die einfallende UV-Strahlung der Sonne absorbiert und das Fahrzeug dann nachts bis zu zehn Stunden fluoreszieren lässt. Der japanische Autobauer profitiert vom Know-how des Start-ups Pro-Teq Surfacing, das mit dem “Starpath”-Konzept selbstleuchtende Gehwege ermöglicht. Der gleiche Prozess wie in einer Leuchtstoffröhre – hier mit nur einem Unterschied: Strom wird dazu nicht benötigt.

Solarzellen auf Rädern.

Energie wird der Lack bald auch selbst erzeugen können. Womöglich werden Solarmodule in einigen Jahren mehr dünnen Folien oder Lacken ähneln als jenen Paneelen, in denen Solarzellen aus Silizium heute verbaut werden. Mit ungeahnten Folgen: Millionen von Autos mutieren so zu kleinen Kraftwerken, um den eigenen elektrischen Antrieb zu unterstützen und überschüssige Energie ins Smart Grid abzugeben. So wird Lack zum absoluten Multitasker. Schon in wenigen Jahren wird man zwischen Lacken mit Solarfunktion und Lack mit Selbstreinigungsfunktion wählen können – und dazu die ganze Farbpalette für den täglichen Wechsel. So wird künftig beim Autokauf nicht mehr allein über Anmutung und Farbe des Lacks entschieden, sondern über Sinn und Können.

Autoren: Christian Geiss und Oliver Jesgulke