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Hands off, Brain on – wie autonomes Fahren das Arbeiten revolutioniert.

Wer braucht schon ein Büro?

Mobile Arbeitswelt.

Um das Jahr 1900 kamen auf hundert Industriearbeiter zwei oder drei Bürokräfte. Heute gehen zwei Drittel der Angestellten einer Bürotätigkeit nach. Und die Digitalisierung wird die Grundordnung der Arbeitswelt weiter grundlegend verändern. Heute gibt es ein wachsendes Heer an mobilen Arbeitsnomaden, die projektweise, ortsungebunden und nicht mehr zu festen Zeiten arbeiten. Statt in der schicken Firmendependance sind sie fast ausschließlich bei Kunden, im Café oder im Coworking-Space, in der Bahn oder der Flughafenlounge anzutreffen. Tablet und Smartphone erlauben uns, selbst den Aufenthaltsort im Urlaub auf einer fernen Insel rasch in einen Arbeitsplatz zu verwandeln. So verschmelzen Arbeit und Freizeit nahezu unmerklich immer mehr.

Die Bürogebäude sind darum vielfach Kulissen, die verschleiern, dass wir längst zu mobilen Büros konvertiert sind. Sogar am konventionellen Dienstwagen nagt der Zahn der Zeit. Er gilt vielerorts als rollender Leistungsnachweis seines Fahrers. Aber ist es auch ein Ort der Produktivität, wie der Name „Dienstwagen“ vermuten lässt?

Dienstwagen bedingt geeignet.

Zwar lassen sich heute schon Telefonkonferenzen per Freisprechanlage abhalten, E-Mails können vorgelesen und diktiert werden, über Android Auto und Apple CarPlay lassen sich Apps sowie Sprachassistenten abrufen – aber ganz befreiend ist das nicht. Eine Studie der Universität Sussex hat nachgewiesen, dass sogar Gespräche per Freisprecheinrichtung den Fahrer maßgeblich ablenken. Mercedes-Benz schafft zumindest ein wenig Abhilfe und hat sich für einen Office-Dienst mit Microsoft zusammengetan. Das Angebot soll den Fahrer bei Büroaufgaben intelligent unterstützten und damit das Smartphone überflüssig machen. Den geschäftlichen Terminkalender kennt es in- und auswendig, wählt sich automatisch in die nächste Telefonkonferenz ein und speist das Navigationssystem mit den Daten zum Treffpunkt für das nächste Meeting.

Wie ein digitaler Sekretär. Doch neben der Erledigung rein kommunikativer Aufgaben klafft immer noch eine große Lücke. Qualitatives Arbeiten im Auto ist weiterhin nicht möglich.

Das Car Office kommt.

Licht am Ende des dunklen Tunnels naht. Denn das autonome Auto wird zum „Third Place“, einem adaptiven und dem vielleicht wichtigsten Raum neben Büro und Zuhause. Mit faszinierenden Interieur-Konzepten wie beim XiM17 von Yangfeng Automotive Interiors oder der von Daimler vorgestellten Konzeptstudie F 0151 entsteht ein neues produktives Zeitfenster. Die vorderen Sitze lassen sich um 180 Grad drehen, über Monitore können die Passagiere via Gesten oder Touchpad mit dem Fahrzeug interagieren, Tische mit Tablet-Oberfläche können ausgefahren werden, und die Scheiben werden zu Bildschirmen.
Der Effizienzgewinn beginnt bereits mit der Anfahrt: Eine To-do-Liste wird aufgerufen und weist dem Fahrer Aufgaben zu, die er während der prognostizierten Fahrzeit absolvieren kann. So beginnt der Arbeitstag nicht erst auf dem Bürostuhl, sondern bereits beim Einsteigen ins Auto. Und da wir schließlich zum simplen Passagier degradiert werden, haben wir einen Gewinn an Zeit, Ruhe und Konzentrationsvermögen.

Der Effizienzgewinn beginnt bereits mit der Anfahrt: Eine To-do-Liste wird aufgerufen und weist dem Fahrer Aufgaben zu, die er während der prognostizierten Fahrzeit absolvieren kann. So beginnt der Arbeitstag nicht erst auf dem Bürostuhl, sondern bereits beim Einsteigen ins Auto. Und da wir schließlich zum simplen Passagier degradiert werden, haben wir einen Gewinn an Zeit, Ruhe und Konzentrationsvermögen.

Ein Mehr an Quality Time.

Wir können Texte und Konzepte verfassen, programmieren, Präsentationen und Kampagnen gestalten oder an einer Videokonferenz teilnehmen. Und wenn der Blick durch die Fensterscheibe nicht genügend inspiriert, wählt man eine rein virtuelle dreidimensionale Kulisse mit Atmosphäre, die die entsprechende Stimmung unterstützt. Darüber hinaus können Weiterbildungsangebote und Sprachkurse in Anspruch genommen werden, mit der Projektion des Sprachlehrers in der Scheibe oder als Hologramm. Je nach Bedarf können Fahrzeuge auch eine Art Cluster bilden und temporär zu einer Arbeitsstätte zusammenschließen. Ebenso wird das Auto zum diskreten Meeting Point für Beratungsgespräche und Vertragsunterzeichnungen. Relevante Informationen werden direkt via Augmented Reality ins Fahrzeug projiziert.

Microtasking als digitaler Nebenjob im Auto.

Das mobile Arbeiten im Auto wird auch für das Crowdworking an Bedeutung gewinnen. Die Konnektivität integriert Angebote von Plattformen wie Clickworker oder Mechanical Turk. Solche Anbieter haben sich darauf verlegt, Projekte in kleine Arbeitspakete zu splitten und diese von Menschen auf der ganzen Welt erledigen zu lassen – und die Ergebnisse dann wieder zusammenzufügen. Microtasking nennt man das. Derartige Aufgaben dauern zwischen fünf Sekunden bis zu mehrere Stunden. Im autonomen Auto entscheiden sich die Passagiere dann anhand der angegebenen Fahrzeit, ob sie während der Fahrt von A nach B einen Mikroauftrag annehmen und ausführen können. Während man beispielsweise einen Car- oder Ridesharing-Dienst nutzt, könnte so gleich der Fahrtarif „abgearbeitet“ werden.

Büro- und Geschäftsräume auf vier Rädern.

Und was passiert in der Mittagspause? Wie wär’s mit Powernapping, Fitnessübungen oder einem neuen Haarschnitt? Das alles wird künftig im Auto möglich sein. Wir werden vermutlich mobile Friseure und Visagisten sehen, die zu ihren Kunden steigen oder selbst einen Salon auf Rädern betreiben. Ebenso wie Trainer, Masseure und Coaches aller Art. So werden Büroräume oder Geschäftsläden mit dem autonomen Fahren in Teilen überflüssig, weil sie sich flexibel auf die Straße verlagern lassen. Der Wagen wandelt sich dann sogar vom Third zum Second Place

Autoren: Christian Geiss und Oliver Jesgulke