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Neuro Devices: Der Blick in die Zukunft.

Mehrwert für die Sinne.

Die Entwicklung der menschlichen Sinne wurde in den vergangenen Jahrhunderten maßgeblich von der Medizin getrieben. Die Brille schafft es seit 700 Jahren, den Blick auch bei abnehmender Sehstärke zu schärfen. Und mit dem Hörgerät verlieren auch schwerhörige Menschen nicht den auditiven Draht zu ihrer Umgebung. Doch es ist mehr möglich: Heute sorgen digitale Technologien und neue Materialien zunehmend dafür, dass unsere Sinne um weitere Dimensionen und Informationen angereichert werden. Oder um Befehle zu steuern, für die bisher Tastaturen oder Touchscreens nötig sind. Die Zeit ist reif für sogenannte Neuro Devices.

Das Auge als Wissensplattform.

2008 war es Wissenschaftlern der Universität Washington gelungen, eine Kontaktlinse mit eingeprägten elektrischen Schaltkreisen zu entwickeln – die Smart Contact Lens. Seit diesem technologischen Durchbruch forschen gleich mehrere Unternehmen wie Sony, Samsung, EPGLMed oder Google an einer marktreifen Variante, die eine neue Form des Sehens ermöglichen soll. Mit ihr entsteht ein Werkzeug, das dem Menschen zu einer besseren Gesundheit verhilft und ihn in Echtzeit mit dem gesamten Wissen der Welt verbindet: Googeln mit dem Auge.

Integrierte Augmented Reality.

Den Austausch von Informationen zwischen der Smart Lense und dem Netz gewährleistet die sogenannte Interscatter Communication. Die Technologie entstand im Jahr 2016. Und sie ermöglicht es, die von der Kontaktlinse gesendeten Bluetooth-Signale in WiFi-Signale zu verwandeln. Im gleichen Jahr meldeten Sony und Samsung Patente für intelligente Linsen an, die in der Lage sein sollen, Fotos zu schießen und Filme aufzunehmen. Darüber hinaus sind sie Augmented-Reality-fähig (AR), um das, was man mit dem Auge sieht, mit zusätzlichen Informationen aus dem Netz zu ergänzen. Erst im Mai 2017 wurde mit Google Lens eine Technologie vorgestellt, die AR-Einblendungen tatsächlich zu ermöglichen scheint. Durch sie wird die Kamera eines Smartphones in eine Suchmaschine verwandelt. Beim Schaufensterbummel scannt dann beispielsweise die Google Lens die Ladenzeilen und lässt von einer künstlichen Intelligenz die Bildinformationen auslesen. Daraufhin blenden sich in Echtzeit Informationen über die Geschäfte oder sekundenaktuelle Angebote auf dem Display des Flaneurs ein.

Den Nordpol spüren.

Neben weiteren Informationsebenen für das Auge wird der Mensch künftig auch auf gänzlich neue Sinne zurückgreifen können, um seine Welt noch vielschichtiger wahrzunehmen. Der Brite Liviu Babitz ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Mit seiner Firma Cyborg Nest entwickelt er künstliche Sinne. Mit diesem sogenannten Biohacking möchte Babitz Phänomene erfahrbar zu machen, die für Menschen nicht wahrnehmbar sind – beispielsweise Magnetfelder und Geräusche außerhalb des Hörbereichs. Er selbst ließ sich den „North Sense“ mit zwei Brustpiercings befestigen und empfängt nun ein Vibrieren, sobald er zum magnetischen Nordpol ausgerichtet ist. Auf diese Weise kann etwas auf den Menschen übertragen werden, das beim Auto als Cross-Sensorik bekannt und als neue Form der Synästhesie zu sehen ist.

Farben hören.

„North Sense“ ist nicht die einzige bereits verfügbare Art für den Menschen, seine Umgebung neu zu erleben. Warum nicht auch Farben hören? Für Neil Harbisson, den ersten selbstbetitelten Cyborg, ist dies seit 2004 Realität. Von Geburt an ist er farbenblind, doch mithilfe des in seinem Kopf implantierten Eyeborgs, einer Mischung aus Farbsensor, Mikrofon und und Kopfhörer, ist er in der Lage, 360 verschiedene Farben zu „hören“. Mittlerweile ist Harbissons Gehirn darin so konditioniert, dass er ganz selbstverständlich Farben realisiert, obwohl er mit seinen Augen die Welt nur in Graustufen wahrnimmt.

Mit Gedanken steuern.

Nicht zuletzt liegt in der digitalen Vernetzung von Sinnen und der Verbindung der kognitiven Prozesse des Menschen ein großes Potenzial zur Steuerung von Geräten. Mit dem sensorischen Stirnband „Muse“ etwa lassen sich bereits heute simple Computerspiele mit Gedanken lenken. Noch ist der Prozess rudimentär, aber er funktioniert. Auch Facebook arbeitet an einem Interface, das Tippen und Swipen künftig überflüssig macht. Mittels Brain Typing lassen sich dann Buchstaben per Gedanken an den Computer übermitteln. Tastaturen oder Touchscreens bräuchte es dann nicht mehr. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis jeder ein Neuro-Implantat besitzt, das mobile Endgeräte ersetzt und das ebenso selbstverständlich erscheint wie die Spracherkennung von heute.

Neue Materialien für neue Sinne.

Möglich machen dies enorme Fortschritte in der Materialforschung. Erst im Juni 2017 wurde in den USA ein Metamaterial entwickelt, das so flach wie ein Blatt Papier ist und dennoch wie eine Linse fungiert. Es besteht aus einem Muster von Millionen winziger Säulen aus Titanoxid, die gerade mal 600 Nanometer hoch sind – das entspricht ungefähr der Höhe von fünf aufeinandergestapelten Wasserstoffatomen. Daneben lassen sich schon heute mithilfe von 3D-Druck so kleine Linsen plotten, die auf einem Chip von der Größe einer Cent-Münze Platz haben. Ein technologisches Wunderwerk, das mit bloßen Händen nicht reproduzierbar wäre.

Auslaufmodell Smartphone.

Einst war es die Brille, die das Leistungsvermögen und die Produktivität der Menschheit steigerte. Heute sind es Smartphones und Smart Glasses, die die Umwelt in eine digitale Wunderkammer verwandeln und den Nutzer mit dem Wissen seiner Zeit verbinden. Wie wird sich dieses Potenzial erst steigern lassen, wenn man diese Prozesse allein mit dem Auge steuert und um neue künstliche Sinne ergänzt. Schreiten die technologischen Fortschritte weiter so rasant voran, ist das Zeitalter der Smartphones womöglich schneller vorbei, als man „WiFi“ sagen kann. Dann reicht ein kleiner Fingerdruck gegen die Schläfe, und schon zoomt das Auge mit 3-facher Vergrößerung, stellt die Kontraste scharf und sorgt dafür, dass man immer in 32K sieht. Lange wird es nicht mehr dauern: Die genannten Technologien sind bereits an der Grenze der Kommerzialisierung angekommen.

Autoren: Christian Geiss und Jens Wollweber