Back
Back

Reif für den Friedhof.

Warum der Fahrer zum Totengräber des Autoschlüssels wird.

Apps statt Schlüssel.

Türen öffnen, ohne vorher suchen zu müssen. Den Motor starten, ohne am Zündschloss herumzufummeln. Fahrer aktueller Fahrzeuge brauchen ihren Autoschlüssel mit Keyless Go im Grunde nur noch in der Jackentasche zu haben, ein mechanisches Schloss hat die moderne Variante ohnehin noch nie von innen gesehen. Hier schlummert aber auch seine ärgste Konkurrenz: das Smartphone. Apps haben den Schlüssel technisch eingeholt, ja überholt. Mit dem Remote Service von BMW lässt sich aus der Ferne via Smartphone oder Wearables die Klimatisierung im Innenraum steuern, das Fahrzeug verriegeln. Diese bequeme Form nutzen auch längst Kunden der beiden größten Carsharing-Anbieter car2go und DriveNow, um ein Auto zu finden, zu reservieren und einzusteigen. Mercedes-Benz ist mit der E-Klasse Baureihe 213 sogar schon einen Schritt weiter: Über Mercedes me kann der Wagen losfahren, der Schlüsselsatz bleibt daheim deponiert.

Volvo wagt den Exit.

Volvo propagiert, bei seiner künftigen Fahrzeugflotte ganz auf den Autoschlüssel verzichten zu wollen. Besitzer erhalten ähnlich wie beim Erwerb einer Software dann lediglich einen digitalen Product-Key. Einmal eingetippt in die Volvo-App, schon kann man losfahren. Ein weiterer Clou: Der digitale Fahrzeugschlüssel lässt sich beliebig teilen, wenn zum Beispiel das Auto einem Freund überlassen wird. Dazu genügt ein Klick und die Zugangsberechtigung wird an das Gerät des Empfängers übertragen. So wird jeder Volvo der globalen Community zugänglich – markenkonformes Carsharing leicht gemacht.

Schlüssel im Survival-Modus.

Der Schlüssel kämpft gegen den weiteren Bedeutungsverlust an und entwickelt sich immer mehr zum multifunktionalen Design- und Accessoire-Objekt. Das treibt das Berliner Unternehmen Noblekey auf die Spitze: Dazu werden lediglich Bart und elektronische Innereien des Originals übernommen und dann je nach Wunsch mit Gold, Brillanten oder Edelhölzern zu einem individuellen Schlüssel verarbeitet – für bis zu 30.000 Euro. Es geht auch massentauglicher. Wir erinnern uns: Ein Spruch von Michael Knight in die Armbanduhr genügte, schon bog K.I.T.T. um die Ecke.


Was das Publikum in der TV-Serie “Knight Rider” begeisterte, hält nun zumindest in ersten Schritten bei Jaguar Einzug. Der britische Traditionalist bietet seinen Kunden mit dem Activity Key ein Desiderat für Stilikonen an: Wer bei Freizeitaktivitäten ungern den Schlüssel mit sich führen will, erhält ein wasserabweisendes Band im Stil eines trendigen Fitness-Armbandes mit einem integrierten Transponder als Ersatz.

Display-Schlüssel – das letzte Aufbäumen

Der Schlüssel versucht sich indes in einem Mehr von Funktionen. Eine Bezahlfunktion und ein Alkoholsensor sind schmucke Add-ons. Aber auch die Speicherung elektronischer Daten wie Bahntickets oder reservierter Hotelzimmer lässt sich einprogrammieren. Entsprechend viel Publicity hat der Display-Schlüssel für den i8 und die neue 7er- sowie 5er-Generation von BMW entfacht. Induktiv geladen wird der Schlüssel, wenn er in der dafür vorgesehenen Mulde der Mittelkonsole liegt. Highlight ist der 2,2-Zoll-Touchscreen, der über Füllstand des Tanks und aktuelle Reichweite informiert, und das Fahrzeug ein- und ausparkt. Herausgekommen ist aber kein Schlüssel, sondern eine Fernbedienung, die kaum noch in die Hosentasche passt, wie die immer größer werdenden Smartphones. Großes Kino versus Komfort.

My Key is my Castle.

Schauen wir zurück: Sicherheit war der eigentliche Ursprungsgedanke für den Schlüssel. Wir sperren zu, was uns lieb ist. Und das schon seit der Bronzezeit. Vor Missbrauch, vor Diebstahl, vor Vandalismus. Der Schlüssel ist ein bewährter Anachronismus für Besitztum, Zugang und Authentifizierung. Seine Nachfahren haben eklatante Schwächen. Experten sehen mit dem Aufkommen von Auto-Apps gefährliche Einfallstore für digitale Gangster. Wie mehr Sicherheit schaffen? Biometrische Lösungen sind die ultimative Alternative und der Sargnagel für die bisherigen Zugangssysteme. Schließlich sind Augen, Venenstruktur, Fingerabdrücke und Gesicht unverwechselbar. Es gibt beispielsweise keine Menschen mit identischem Fingerabdruck. Und man trägt ihn stets bei sich.

Ich bin der Schlüssel.

Zugangssysteme auf Basis biometrischer Elemente existieren bereits. So soll der Fahrer in diesem Fall erst mit der Authentifizierung durch einen Fingerprintsensor den Motor zünden können. Dessen Elektroden erfassen in Sekundenbruchteilen zweifelsfrei die Linien-Enden, Verzweigungen und Wirbel der Fingerkuppen und vergleichen diese mit gespeicherten Datensätzen. Eine Innenraumkamera erkennt das Gesicht des Fahrers, aktiviert individuelle Einstellungen wie Sitz- und Spiegelposition, Musik, Temperatur oder Navigation. Wie gesehen beim FF 91 von Faraday mit einer Kamera in der Mittelsäule.
Verquickt mit modischer Grundausstattung könnte die Biometrie beispielsweise auch in die Schuhsohle Einzug halten. Ein in die Sohle integriertes Sensorsystem erkennt dazu während des Laufens die Gewichtsverlagerung und identifiziert darüber den Träger des Schuhs. Denn auch die Gangart eines Menschen ist unnachahmlich. Einmal auf die Fußmatte gesetzt, könnte der Schuh den Motor zum Starten bringen. Natürlich nichts für Barfuß-Fetischisten.

Mein Haus, mein Boot, mein Auto – ein Gedankenschlüssel für alles.

Der Zugang zum Auto per Gedankenübertragung wäre der nächste Schritt: Warum nicht Sensoren zur Messung von Gehirnströmen nutzen, welche bioelektrische Wellenmuster für Steuerbefehle wie “auf”, “zu” und “losfahren” unterscheiden können. Und das am besten für alle Schließanlagen – für daheim, für das Büro, für die Jacht, für die Garage. Sozusagen ein biometrisch-digitaler Universalschlüssel für alle Lebenslagen. Womit wir auch endlich das Schlüsselbund zu Grabe tragen würden. R.I.P.

Autoren: Christian Geiss and Oliver Jesgulke