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Segway to Heaven?

Der erste Segway war aus Holz.

Micro Mobility ist aus der Not geboren. Als Missernten zu steigenden Haferpreisen führten und das Halten von Pferden zum Luxus wurde, stellte der Forstbeamte Karl Drais der Öffentlichkeit seine Laufmaschine vor: ein Laufrad aus Holz.

Die Not der Gegenwart ist der Mangel an Zeit. Zeit ist ein luxuriöses Gut. Niemand möchte sie verplempern. Micro Mobility soll den Menschen individuelle Lösungen bieten, kurze Strecken schnell, sicher und entspannt zu überwinden. Wer sich umschaut, stößt überall auf Mikronauten: etwa Anzugträger auf Tretrollern oder Touristen auf Segways.

Das Gegenteil von sexy.

Diese Beispiele verdeutlichen ein wesentliches Problem von Micro Mobility. Sie ist alles andere als cool. Das war schon 1817 so, als man Karl Drais wegen seines Holz-Esels verspottete. Vielleicht liegt es daran, dass Mikrovehikel eher wenig komfortabel sind. Häufig muss man einen Helm tragen, man ist der Witterung ausgesetzt, sie sind langsam, ihre Akkuladezeit ist nicht gerade brillant - und wenn man Pech hat, kommt das Ding noch nicht einmal über die Bordsteinkante. Daneben gibt es sicher viele Menschen, die in solchen Fahrzeugen eher ein Sportgerät oder ein Spielzeug sehen als eine ernstzunehmende Transportlösung. Und schließlich ist da noch die Sache mit dem Design: Im Gegensatz zu einem richtigen Auto verschwindet der Fahrer nicht hinter der zauberhaften Fassade einer Karosserie, wenn er ins Auto steigt und die Tür schließt. Stattdessen wird er für die Außenwelt besonders exponiert dargestellt, als stünde er wie ein Zirkustier auf einem Podest in der Manege.


Ungeachtet dieser mangelnden Akzeptanz werden jedes Jahr eine Vielzahl von Fahrzeugen vorgestellt, die das Problem der letzten Meile lösen sollen.

Was ist eigentlich Micro Mobility?

Zunächst einmal soll es hier um Fahrzeuge in Leichtbauweise gehen, die elektrisch angetrieben werden. Sie dienen der individuellen Fortbewegung in urbanen Räumen. Sie sollen Ressourcen schonen, Platz sparen und ein Angebot für Menschen sein, die eine sinnvolle mobile Ergänzung auf Kurzstrecken zu ihrem Auto suchen.

Man kann zwei verschiedene Arten unterscheiden. Auf der einen die tragbaren Vehikel, die kleinste Strecken überwinden wie etwa den Weg zwischen Parkplatz und Büro. Auf der anderen Seite die Kleinstwagen oder Roller, die kurze Strecken im Straßenverkehr bewältigen müssen, um etwa ihre Passagiere von der Wohnung am Stadtrand zu einem urbanen Knotenpunkt transportieren.

Die Neudefinition des Wortes Rollkoffer.

Rollkoffer sind ein beliebtes Accessoire von Reisenden. Jeden Tag ziehen Tausende Menschen diese hinter sich her, um Flughäfen oder Bahnhöfe zu durchkreuzen. Das Modobag verwandelt den Koffer in einen fahrbaren Untersatz. Mit 12 km/h befördert er eine Person über ebene Untergründe und lädt dabei auch noch die mobilen Endgeräte. Wer doch lieber zu Fuß unterwegs sein möchte, kann sich stattdessen von seinem Gepäck verfolgen lassen, beispielsweise vom Ford CarrE. Diese Variante eines mobilen Warenträgers ist schon längst in vielen Logistikzentren unterwegs und befördert Regale zum Dispatcher. Das Ford-Modell transportiert stattdessen Person oder Gepäckstücke. Mit maximal 18 km/h folgt diese rollende Abstellfläche der Ortung eines Smartphones und gibt dem Nutzer die maximale Freiheit für seine Hände. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert der Smartbe: der erste Kinderwagen, der von selbst dem Nutzer folgt.

Schöner Schweben.

Seit dem Film “Zurück in die Zukunft” träumt man von echten Hoverboards. 2015 schien es gelungen zu sein, solch ein Skateboard ohne Räder zu bauen. Doch das Lexxus Board, das in einem Werbevideo auftauchte, schwebt nur mithilfe von elektromagnetische Feldern. So wie beispielsweise die Hendo Hover oder eine Magnetschwebebahn. Doch für den Alltag eines Kurzstreckenpendlers ist magnetische Levitation eben leider noch nichts.

Stattdessen werden seit 2013 E-Boards, elektrisch motorisierte Rollbretter, unter dem Schlagwort Hoverboards verkauft. Es handelt sich dabei um selbstbalancierende Plattformen auf zwei Rädern. Ein Gyroskop in den Trittflächen erkennt, wenn der Fahrer das Körpergewicht nach vorn, hinten oder zu den Seiten hin verlagert, und veranlasst entsprechende Steuerungsbefehle an die Nabenmotoren. Ursprünglich stammt diese Technologie vom Segway. Inzwischen gibt es aber etliche Segway-Clone anderer Hersteller, wie etwa den Winglet von Toyota. Mit einer Geschwindigkeit von 20 km/h und einer Reichweite von rund 40 Kilometer haben sich die Segway-Modelle viele Einsatzgebiete im Außenbereich erobert: als Patrouillenfahrzeuge, als Golfcart oder zum Polospielen.

Daneben gibt es auch Segway-Mutationen, die nur auf einem Rad dahinrollen. Eine weitere Abwandlung des Segway-Prinzips ist der Uni-Cub von Honda. Dieser Elektro-Hocker eignet sich für den Einsatz im Innenbereich etwa auf Messen, in weitläufigen Bürokomplexen oder bei künstlerischen Performances: In einem Musikvideo der Band OK GO ist das 8 km/h schnelle Sitzrad das zentrale Element einer beeindruckenden Massenchoreographie mit Regenschirmen. Einen weiteren Vertreter intelligenter Stühle stellte Nissan 2015 vor. Der ProPilot Chair ist nicht nur ein fahrbarer Untersatz, sondern auch ein autonom handelnder Roboter. Einmal programmiert, erkennt er, wann er nicht mehr gebraucht wird, und fährt sich selbst zur Ausgangsposition zurück. Auf diese Weise kommt er in Wartezimmern bei Ärzten oder in Restaurants zum Einsatz.

Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit.

Es gibt immer wieder Versuche, diese Mikrovehikel als cool oder besonders schlau zu inszenieren. Während der Dotcom-Blase Anfang 2000 waren es die Tretroller, gegenwärtig sind es die E-Boards. Aber im Vergleich mit dem Smartphone sind keine der genannten Mikrovehikel eine Selbstverständlichkeit geworden. Sie sind weder Konkurrenz zum Fahrrad noch zum Auto. Und das, obwohl Steve Jobs dem Segway eine Zukunft als das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts vorhersagte.


Da hilft es auch nicht, dass viele Autohersteller ihre Mikrofahrzeuge in Kombination mit einem richtigen Wagen anbieten. Als Add-on im Auto integriert, soll der Roller, das Skateboard, das Bik.e oder der CarrE immer mitgeführt werden können, um dann zum Einsatz gebracht zu werden, wenn man mit dem Pkw nicht mehr weiterkommt. Eine der vielleicht absurdesten Ideen tauchte 2015 auf. Ford stellte ein Patent vor, bei dem das Hinterrad eines Pkw in ein einrädriges Mikromobil verwandelt werden sollte. Die Idee war gut, aber die Welt noch nicht bereit.
Im zweiten Teil dieser Serie geht es dann um Micro Mobility im Sub-A-Sektor.