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Senkrecht durchstarten.

Utopien realisieren.

Fliegende Autos gehören fest zum Repertoire vieler Science-Fiction-Filme. Doch die Regisseure müssen sich bald etwas Neues einfallen lassen. Denn fliegende Autos sind nicht länger eine kühne Vision. Sie sind Realität und stehen kurz davor, die urbane Mobilität der Zukunft um eine 3. Dimension zu ergänzen. Weltweit ist ein Wettlauf um das erste serienfähige Flugobjekt im Gange, das Menschen durch die Luft transportiert.


Der Pioniergeist ist groß, und die Aufbruchsstimmung erinnert an die Zeit vor über 100 Jahren. Damals unternahmen Otto Lilienthal, die Gebrüder Wright und andere Erfinder die ersten Flugversuche auf holprigen Feldern und Wiesen. Vielfach wurden sie belächelt. Zu visionär schien um 1900 die Vorstellung eines Flugzeugs. Es kam bekanntlich anders. Und jetzt ist auch der urbane Verkehr bereit für die Luft.

VTOL als Lösung.

Die Idee des fliegenden Autos erlebt gerade einen wahren Innovationsschub. Mit unterschiedlichen Ansätzen konkurrieren Entwickler auf der ganzen Welt um ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Sie treffen sich auf süddeutschen Sportflughäfen, auf einem See in North Carolina oder vor dem chinesischen Nachbau der Pariser Oper und lassen ihre Visionen in die Lüfte steigen.


Viele dieser Konzepte sind weniger vom Auto inspiriert als von Helikoptern und Drohnen. Unternehmen wie Carplane, Terrafugia und AeroMobil arbeiten zwar an Hybriden, die auf der Straße fahren und Flügel zum Fliegen ausfalten können. Die aktuell vielversprechenden Prototypen setzen jedoch auf Rotoren und VTOL – vertical take-off and landing.

Neue Mobilität ohne neue Straßen.

Der Vorteil ist offensichtlich: Wo hybride Flugzeuge und Flugautos lange Start- und Landebahnen zum Abheben benötigen, können Drohnen nahezu überall senkrecht auf- und absteigen. Auf Hochhausdächern, neben Kreuzungen oder direkt am Strand. Ein paar Dutzend Quadratmeter reichen aus. Besonders in dicht besiedelten Ballungsräumen wie Tokio, Shanghai, Mumbai und Mexiko-Stadt können die Personendrohnen ihre Stärken ausspielen.

Emissionsfrei und autonom.

Was die Drohnenkonzepte eint: Sie nutzen Elektro-Motoren für eine leise und emissionsfreie Mobilität. Das macht sie leichter und kleiner als Helikopter – ganz zu schweigen von der Handhabung und technischen Komplexität. Die neuen ”fliegenden Autos“ sollen zudem in Zukunft autonom unterwegs sein. Passagiere können einfach einsteigen, das Ziel angeben und schon geht’s los. Dadurch sollen in Zukunft Unfälle durch menschliche Fehler verhindert und die Kosten für Pendler reduziert werden.

Mehr Weitblick in der Luft.

Für die Revolution des autonomen ”Fahrens“ ist die Luft sogar prädestinierter als die Straße. Über den Dächern gibt es weniger komplexe Situationen, die eine Software nach und nach lernen muss – beispielsweise spielende Kinder am Straßenrand, landesspezifische Verkehrsregeln, Einbahnstraßen oder undurchsichtige Situationen an Kreuzungen.


Außerdem haben die bereits heute bewährten Kamera- und Radar-Systeme von autonomen Autos am Himmel einen weiteren Einblick. Dort stören keine Hecken oder parkenden Autos das Sichtfeld – Baustellen und Tunnel: Fehlanzeige. Allein das Erkennen von und Ausweichen vor anderen Flugobjekten und hohen Häusern muss reibungslos funktionieren – im Gegensatz zum Auto kann eine Drohne einem Hindernis dreidimensional ausweichen. Und natürlich beweist der täglich eingesetzte Auto-Pilot-Modus von Flugzeugen, dass man in der Luft ohne menschliche Kontrolle sicher unterwegs ist. Dafür sorgen umfangreiche Flugsicherheitssysteme: Kommen sich zwei Flugzeuge in der Luft zu nahe, warnt beispielsweise das Traffic Alert and Collision Avoidance System, kurz TCAS, die Piloten automatisch vor einer drohenden Kollision. Hochwertige Kamera-Drohnen können sogar selbstständig Bäumen, Laternen und anderen Drohnen ausweichen. Mehrere Sensoren bieten einen Rundumblick, der die nähere Umgebung nach möglichen Hindernissen scannt und bei Gefahr die Richtung ändert.

2019 ist der Volocopter erhältlich.

Weit vorn bei der Entwicklung neuer Flugauto-Konzepte sind zwei deutsche Start-ups. Beim Volocopter erinnert die Form an einen Helikopter. Er hat Kufen, eine Kabine für zwei Personen und ein rundes Gestänge mit 18 kleinen Rotoren. Acht würden auch reichen. Mit 18 ist es aber sicherer und leiser. Schon seit 2011 wird die Idee immer weiter verfeinert. Mit Elektromotor schafft der Volocopter 100 km/h Spitze, kann bis zu 30 Minuten in der Luft bleiben und rund 30 Kilometer weit fliegen. Er eignet sich daher für kurze innerstädtische Flüge. Die bisherigen Tests verliefen erfolgreich, in zwei Jahren soll der Volocopter auf den Markt kommen. Auch Daimler ist davon überzeugt und investierte zusammen mit anderen Investoren insgesamt 25 Millionen Euro. Damit soll das Volocopter-Team um 30 Mitarbeiter erweitert und die Serienfertigung vorangetrieben werden.

Schwenkbare Flügel.

Das bayerische Start-up Lilium sorgt mit einem anderen Ansatz für Furore: einer Mischung aus Jet und Drohne mit Platz für zwei Passagiere. Herzstück sind schwenkbare Flügel mit 36 integrierten Düsen. Dadurch soll es möglich sein, senkrecht zu starten und in der Luft die Propellerflügel in die Horizontale zu drehen, so dass der elektrisch betriebene Lilium-Jet wie ein normales Kleinflugzeug mit bis zu 300 km/h 300 Kilometer weit wegdüsen kann. Damit ließe sich auch weit über Stadtgrenzen hinauskommen.


Der unbemannte Jungfernflug klappte, wobei allerdings im Video der Übergang vom Aufsteigen in den Flugmodus nicht zu sehen ist. Namhafte Unterstützer hat das Start-up jedenfalls gefunden. Lilium wird u.a. von der Europäischen Weltraumbehörde sowie mit 10 Millionen Euro von Atomico, der Investfirma des Skype-Mitbegründers Niklas Zennström, unterstützt. Ehemalige Experten von Tesla, Airbus und Gett konnten dadurch angeheuert werden. Wann der Lilium-Jet zu kaufen sein wird, ist aber noch unklar.

Die Drohnen-Olympiade läuft.

Die Herausforderer aus China heißen Ehang. Ihr 184 AAV absolvierte Ende 2015 seinen Testflug. Die Ein-Personen-Drohne befördern acht Rotoren nach oben. Über ein Tablet wird das Ziel auf einer Karte eingetippt, und schon geht’s autonom fliegend los. Mit einer Flugzeit von maximal 25 Minuten wird die Ehang-Drohne wie der Volocopter im urbanen Verkehr zum Einsatz kommen. In Japan wird das genau beobachtet. Dort arbeitet ein Team von Toyota an SkyDrive. Mit drei Rädern, vier Rotoren und kompakten Maßen soll der Einsitzer das kleinste fliegende Auto sein. Im Sommer 2018 ist mit dem ersten Prototyp zu rechnen. Und wenn alles funktioniert, soll mit dem SkyDrive die Flamme der Olympischen Spiele 2020 in Tokio entzündet werden.


Mit Airbus mischt auch ein Luftfahrtriese kräftig mit. Im Silicon Valley entwickelt ein Team gleich mehrere Studien. Während Vahana mit schwenkbaren Flügeln und Rotoren an die Lilium-Idee anknüpft, geht das Projekt Pop.Up komplett neue Wege. Eine Passagierkapsel kann in wenigen Minuten zum autonomen Elektro-Fahrzeug oder zur Drohne werden. Möglich macht dies ein modulares System aus Chassis und einem aufsetzbaren Element mit vier Rotoren. Nicht weit von Airbus arbeiten zwei weitere Start-ups an ihren Visionen: Kitty Hawk hat eine Art fliegendes Motorrad im Sinn, Zee.Aero fokussiert sich auf ein schmales VTOL-Fluggerät. Beide begeisterten Google-Gründer Larry Page so sehr, dass er privat 100 Millionen US-Dollar investierte.

Dream-Team Uber und Dubai.

Volocopter, Ehang, Airbus und Lilium sehen ihre Konzepte vor allem als neue Option für Taxi- und Sharing-Services, die sich via App buchen lassen. Bei voraussichtlichen Drohnen-Preisen im sechsstelligen Bereich dürfte die On-Demand-Nutzung tatsächlich den Weg in die Luft ebnen. Uber treibt dies ebenfalls voran. Mit seinem Elevate-Programm möchte der US-Fahrdienst ab 2020 einen Luft-Taxi-Service in Dubai und Dallas-Fort Worth testen. Starke Partner – wie Bell Helicopter, Pipistrel Aircraft und Aurora Flight Sciences – hat Uber überzeugt und auch personell NASA-Know-how ins Haus geholt. Nun engagiert sich das Unternehmen für den Ausbau der urbanen Infrastruktur. Spezielle Ports zum Starten, Landen und Aufladen sollen entstehen. Und noch wichtiger: Zertifizierungen, Flugsicherungssysteme und Regularien für den Verkehr mit VTOL-Fluggeräten möchte Uber gemeinsam mit den Agenturen für Flugsicherheit der USA und Europa erarbeiten. Preislich und zeitlich klingt die Rechnung von Uber attraktiv: Für die 90 Kilometer zwischen San Francisco und San José braucht ein Flugtaxi nur 15 Minuten und kostet langfristig 20 Dollar – deutlich weniger als ein herkömmliches Taxi.
Dubai spielt nicht nur im Plan von Uber eine besondere Rolle. Die Metropole möchte bis 2030 ein Viertel des Personentransports autonom gestalten und tut schon heute viel dafür. Mit Volocopter sind Testphasen vereinbart, die noch in diesem Jahr starten sollen.

Nur eine Frage der Zeit.

Die Evolution dieser Flugobjekte geht in atemberaubendem Tempo voran. Zwar liefern die aktuellen Batterien wie beim E-Auto meist nur Power für Spritztouren. Hinzu kommt, dass der Senkrechtflug viel Energie braucht – beim Lilium-Jet so viel wie ein Super Car. Ein Blick zurück verrät aber: Innerhalb weniger Jahre gelangen den Flugpionieren um 1900 große Fortschritte. Dauerten die ersten erfolgreichen Flüge der Wright-Maschine im Dezember 1903 nur wenige Sekunden, blieben die Nachfolger fünf Jahre später bis zu zwei Stunden in der Luft. Im Sommer 1909 überquerte der Franzose Louis Blériot erstmals den Ärmelkanal. Heute ist Fliegen ganz selbstverständlich. 2016 waren fast vier Milliarden Menschen mit dem Flugzeug unterwegs.


Und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Drohnen den ganzen Tag mit einer Batterieladung Menschen transportieren. Auch wenn es noch schwer vorstellbar ist. Doch selbst Wilbur Wright zweifelte anfangs: ”Ich gestehe, dass ich 1901 zu meinem Bruder sagte, dass in den nächsten 50 Jahren kein Mensch fliegen wird.“ Nur zwei Jahre später gelang es den Brüdern dann doch.

Autoren: Christian Geiss und Jens Wollweber