Stilikonen.

Wie Concept Cars die Welt verändern.

Der 24. Buchstabe im Alphabet ist das X. Es ist mehr als nur ein Schriftzeichen. Es ist ein Symbol. In der Mathematik steht das X steht für eine unbekannte Größe, und auf den Schatzkarten der Piraten verspricht es eine lohnende Beute – doch der Weg dorthin ist ein Abenteuer. Hinter jedem X steckt ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Auch bei der Entwicklung neuer Autos steht das X häufig für einen geheimen Prototyp, der vor den neugierigen Augen der Öffentlichkeit geheim gehalten wird. Im Gegensatz zum Prototyp ist ein Concept Car eine Designstudie, die öffentlich präsentiert wird. Es soll den Betrachter emotional ergreifen und begeistern. Das Concept Car ist ein Statement: „Schau her, das ist die Zukunft. Dies wirst du erleben, wenn das X, das große Unbekannte, Wirklichkeit wird.“

Nicht hoffen – testen.

1938 präsentierte der Amerikaner Harley Earl das erste Concept Car: den „Buick Y-Job“. Es war eine Zeit, in der in den USA die Wirtschaftskrise tobte, die Automobilbranche kämpfte ums Überleben und auf Automessen wurden nur Serienfahrzeuge vorgestellt. Von vielen wurde der Y-Job deshalb als pure Verschwendung wahrgenommen. Warum baut man ein Auto, wenn man es nicht verkaufen kann? Was für eine Vergeudung von Material, Personal und Geld!

Aber Earl hatte schon einen Schritt weitergedacht. Warum ein Auto in Serie bauen, wenn es am Ende keiner kaufen will? Statt zu hoffen, dass das Buick-Modell ein Kassenschlager wird, ging es darum herausfinden, wofür das Herz des Kunden schlägt. Und so war der Y-Job eine atemberaubende Erscheinung: chromierte Kotflügel, ein scheinbar überdimensionaler Fahrzeugrumpf, der flach über den Boden zu gleiten schien. Dazu besaß der Y-Job alle technologischen Raffinessen, die man sich zu dieser Zeit nur wünschen konnte: elektrische Scheibenwischer, klappbare Frontscheinwerfer und jede Menge PS. Kurzum: Der Y-Job war ein Traum, ein Dream Car, ein Fahrzeug wie aus einer anderen Zeit. Ein Automobil zwischen Möglichkeit und Realität.

Earl Harley hat mit seinem Y-Job vieles vorweggenommen, das heute selbstverständlich erscheint: Crowdsourcing, Fail-Fast-Kultur, Minimum-Viable-Products – und das Verständnis, dass Mobilität nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch des Designs ist. Auch wenn der Y-Job nie in Serie ging, so war er doch eine Stilikone, welche die beiden folgenden Jahrzehnte prägte.

Concept Cars vs. Moonshots.

Concept Cars stellen gesellschaftliche Konventionen infrage. Sie sollen den Status quo überwinden und das Unvorstellbare möglich machen. Der Buick Y-Job ist in dieser Hinsicht ein Beispiel für die Neudefinition von Design- und Marketing-Konventionen. Die Überwindung technologischer Grenzen gelingt dagegen nur in extremen Ausnahmefällen. Das technische Verständnis von Automobilität wird gegenwärtig vor allem durch drei Ausnahme-Fahrzeuge geprägt: den Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 (1886), den tzero (1997) und den Google Firefly (2015). Jedes dieser Fahrzeuge stellt eine realisierte Utopie dar. Mit dem Patent-Motorwagen beginnt der Siegeszug des Automobils. Der tzero war der erste rein elektrisch angetriebene Sportwagen, der mit modernen Sportwagen mithalten konnte. Die Grundlagen seiner Technologie stecken heute in jedem Tesla. Das eiförmige Vehikel Firefly von Google stellte das erste Auto ohne Lenkrad dar, das tatsächlich autonom und sicher fuhr. Sie sind das, was bei Google X als Moonshots bezeichnet wird. Innovationen, die die Welt radikal verändern. Sie brechen mit dem Bekannten und ersetzen es mit dem bisher Unmöglichen: Der Verbrennungsmotor ersetzt das Pferd, der elektrische Antrieb den Verbrennungsmotor und der Computer den Fahrer.

Designed in Germany.

Der Erfolg sowohl von Concept Cars als auch von Serienfahrzeugen ist abhängig vom Design. Zu Beginn der Automobilgeschichte stellten die Fahrzeughersteller die Chassis und die Motoren her, um schließlich die Außenhaut und das Interieur von Karosserie-Schneidern und Sattlern gestalten zu lassen. Auch Harley Earl war der Sohn eines Karosserie-Designers. Inzwischen hat sich dieses Verhältnis fast vollständig umgekehrt. Die Gestaltung des Fahrzeugs wird nun vor allem durch die eigenen Design-Schmieden der Automobilhersteller übernommen, während vielfach bereits Zulieferer die Montage des Fahrzeugs übernehmen. Die Apple-i-sierung der Fahrzeugbranche hat begonnen. Aus „Made in Germany“ wird immer häufiger „Designed in Germany“.

KI-Car-Design.

In Zukunft könnte aber eine neue kreative Kraft an der Gestaltung von Fahrzeugen mitwirken: künstliche Intelligenz (KI). 2013 gewann das rumänische Wunderkind Ionuț Budișteanu den Intel-Award für den Vorschlag, kostengünstige Fahrzeuge mithilfe von künstlicher Intelligenz entwickeln zu lassen. 2015 stellten Hack Rod und Autodesk das erste Fahrzeug vor, das von einer KI gestaltet wurde. Diesem Trend folgen inzwischen Nissan, BMW und Toyota. Und nicht nur die Autobranche ist von diesem Trend betroffen. Die Co-Kreation von Konsumgütern durch künstliche Intelligenz dringt in alle Produktionsbereiche vor: Sony Pop Music made by KI, Adobe Webdesign made by KI, Kunst made by KI. Die Designer werden in der Zukunft nicht verschwinden. Stattdessen kann jeder sein eigener Designer sein – was man dann können muss, ist, die Vorschläge der KI zu kuratieren.

Haute Couture Cars.

Der Erfolg von Concept Cars ist aber nicht allein eine Frage des Designs, sondern auch der Inszenierung. Was die Fashion-Shows für die Modeindustrie, sind die Concours d'Elegance für die Automobilbranche: Haute Couture auf dem Laufsteg, polierte Hochglanz-Fahrzeuge auf der Bühne. Die Termine für diese alljährlichen Spektakel sind so unverrückbar wie das Weihnachtsfest. Gerüchte über neue Concept Cars werden vor der Messe medial gestreut. Manches wird angedeutet. Vieles ist noch geheim. Gespannt lauern Fans, Journalisten und Influencer vor den noch verdeckten Concept Cars. Lichtshows, Videoinstallationen und dramatische Musik heizen die Stimmung an. Bis schließlich in einem explosionsartigen Moment das Objekt der Begierde enthüllt wird, um von Tausenden Augen und Kameras verschlungen zu werden. Die Fotos und Videos einer Enthüllung sind exklusive Trophäen, die in den sozialen Netzwerken Likes und Anerkennung versprechen. Sie sind der Schlüssel zur medialen Verbreitung eines jeden Concept-Car-Mythos – der bis ins letzte Detail genauestens geplant sein muss. Ohne Inszenierung keine Stilikonen.

Noch treffen sich die Automobil-Enthusiasten an realen Orten, aber es ist sicher nur eine Frage der Zeit, bis Automobilmessen im virtuellen Raum stattfinden. Man stelle sich vor, wie eine Technologie wie Facebook Spaces genutzt werden könnte: Statt das Concept Car nur zu betrachten, könnte man sofort einsteigen und losfahren.

Wider die Skepsis.

Dagegen ist die Bühne der Moonshot Cars die Straße. Anmut und Eleganz ist wichtig, aber zweitrangig. Es zählt allein die Leistung. Der Beweis, dass die technologische Grenze tatsächlich überschritten wurde. Immer wieder müssen Kilometer um Kilometer gefahren werden, um zu beweisen, dass motorisierte Mobilität kein Traum ist. Immer längere Strecken müssen zurückgelegt werden, um das Potenzial von Elektromobilität zu belegen. Und schließlich muss ein blinder Mann Auto fahren, um den letzten Beweis zu erbringen, dass autonomes Fahren unfallfrei möglich ist. Das Moonshot Car ist erst erfolgreich, wenn die Welt das neu definierte Extrem als normal empfindet. Für das Concept Car ist Funktionalität zweitrangig. Es muss vor allem den Traum vom Fahren aufs Neue in den Menschen wachrufen. Das Gefühl von Freiheit immer wieder aufs Neue darstellen. Es ist eine Brücke, über die die Vision des Designers auf den Betrachter übertragen wird. Es ist eine Stilikone, wenn dieser Traum nie zu Ende geht.

Autoren: Christian Geiss und Jean-Paul Olivier