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Telepathie statt Telefonie.

Vormarsch der Neuro-Devices.

Denken statt schreiben.

Im Auto sind wir daran gewöhnt, dass analoge Technik durch digitale Sensoren kontinuierlich verbessert wird. Auch im Sport sind Wearables nicht mehr wegzudenken und die Quantified-Self-Bewegung wächst täglich. Daneben gibt es inzwischen immer mehr Devices, welche die Gehirnaktivitäten des Menschen nicht nur verfolgen, sondern auch analysieren und manipulieren möchten. Mit dem sensorischen Stirnband “Muse” etwa lassen sich einfache Computerspiele per Gedanken lenken. Der Prozess ist noch rudimentär, aber er funktioniert. Auch Facebook arbeitet an einem Interface, das Tippen und Swipen künftig überflüssig macht. Mittels Brain Typing lassen sich dann Buchstaben per Gedanken an den Computer übermitteln. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis uns das ebenso selbstverständlich erscheint wie die Spracherkennung von heute.

Fähigkeiten erweitern.

Theodore Berger, Neurotechnologe an der University of Southern California, geht in seiner Forschung noch einen Schritt weiter. Er arbeitet seit über zehn Jahren an der Entwicklung eines Implantats zur Steigerung der Speicherkapazität des Gehirns. Der künstliche Hippocampus könnte bei Menschen zum Einsatz kommen, die Probleme mit der Verarbeitung von Informationen und Erinnerungen haben. An der Queen Mary Universität in London testeten Forscher derweil eine elektrisch geladene Kappe, mit deren Hilfe die menschliche Kreativität gesteigert werden soll. Womöglich könnten in Zukunft gerade solche Neuro-Devices dabei helfen, die Weiterentwicklung von bestehenden Technologien zu beschleunigen.

Telepathie und Glückshormone.

In Elon Musks Zukunftsvision ist es möglich und normal, die Gehirnaktivitäten zu manipulieren. In gewisser Weise ist das heute schon machbar: Das Start-up Nervana lockt mit dem, was jeder haben möchte – Glück. Das Unternehmen stellt eine Hardware her, die das Gehirn stimuliert, das Glückshormon Dopamin auszuschütten. Dem Start-up Thync gelingt es ebenfalls mit einem Wearable, die Stimmung des Nutzers zu steuern. Das kleine Gerät wird an die Stirn geklemmt, und per App kann ein gewünschter Gemütszustand zwischen Erregung und Entspannung gewählt werden. Reicht den Menschen in der Zukunft etwa nur ein Knopfdruck, um entspannt und glücklich zu sein? Wird man tatsächlich auf diese Weise effektiver und leistungsfähiger?

Manipulierte Erinnerung.

Ebenso faszinierend wie beunruhigend ist das Projekt eines Forscherteams der Harvard Universität, dem es gelang, Mäusen fremde Langzeiterinnerungen einzupflanzen. Die Technologie in Form einer drahtlosen Prothese lässt sich auch auf den Menschen übertragen. Bei der Behandlung von Schädel-Hirn-Traumata könnten dadurch Gedächtnisverluste überwunden werden. Der an der Forschung Beteiligte Bryan Johnson, Gründer und CEO des Tech-Unternehmens Kernel, möchte jedoch noch einen Schritt weiter gehen. Er will den Gedächtnis-Chip aus Silizium nicht nur in der Therapie einsetzen, sondern für jedermann als kognitive Erweiterung frei erhältlich machen.

Biohacking und Cyborgs.

Zu den Menschen, die ihre neue Technik an sich selbst anwenden, gehört z. B. auch Liviu Babitz. Er entwickelt für seine Firma Cyborg Nest künstliche Sinne. Ziel seines sogenannten Biohacking ist es, Phänomene, die für Menschen nicht wahrnehmbar sind – wie Magnetfelder und Geräusche außerhalb des Hörbereichs –, erfahrbar zu machen. Er selbst ließ sich den “North Sense” an zwei Brustpiercings befestigen und empfängt nun ein Vibrieren, wenn er zum magnetischen Nordpol ausgerichtet ist. Das wasserdichte, per USB aufladbare Gerät ist für 350 US-Dollar erhältlich. Es ist also möglich, dass etwas, das vom Auto als Cross-Sensorik bekannt ist, auch auf den Menschen übertragen werden kann und als eine neue Form der Synästhesie bezeichnet werden könnte. Das erfährt auch der farbenblinde Neil Harbisson, der erste selbstbetitelte Cyborg. Mithilfe einer in seinen Kopf implantierten Antenne ist er in der Lage, 360 verschiedene Farben zu „hören“. Dass die Technik und sein Gehirn sich mittlerweile vollständig vereint haben, sieht Harbisson darin bestätigt, dass er die Farben sogar träumt.

Neuronaler Optimierungsdruck.

Publizistin Miriam Meckel berichtete in ihrem Vortrag auf der diesjährigen re:publica in Berlin von ihren persönlichen Erfahrungen mit den neuesten technischen Errungenschaften zur Verbesserung der Gehirnkapazitäten. Zugleich rät sie aber auch zur gesunden Skepsis. Denn die Manipulation der menschlichen Hirnleistung, für die mittlerweile keine Zwischengeräte mehr benötigt werden, ist erst der Anfang einer neuen Ära: Der Vermischung und Verschmelzung von Mensch und Maschine. Aus der Medizin kennt man schon heute Beispiele, in denen Maschinen die Funktionen von Organen unterstützen. Das Implantieren von Herzschrittmachern zählt zu einem Standardeingriff. Warum sollte diese Entwicklung nicht auch bei Neuro-Devices möglich sein? Und besitzt in Zukunft vielleicht jeder ein Neuro-Implantat, das mobile Endgeräte ersetzt, seine Leistung steigert oder seinem Fahrzeug sagt, wohin es fahren soll? Neuro-Telepathie statt Spracheingabe?


In der Zukunftsvision von Elon Musk kommt der Mensch ohne solche künstlichen neuronalen Erweiterungen nicht mehr aus. Wer dann in Job und Gesellschaft mithalten will, wird gezwungen sein, Erweiterungen für sein Gehirn zu nutzen bzw. zu kaufen. In der Zukunft entscheidet vielleicht die erweiterte Leistungsfähigkeit des Gehirns über den sozialen Status. Und die genannten Technologien sind bereits an der Grenze der Kommerzialisierung angekommen. Laut Miriam Meckel bewegen wir uns mit Brainhacking möglicherweise schon auf eine neue Gesellschaftsform, den Neurokapitalismus, zu. Bis es jedoch so weit ist, rät sie, mit unserem Gehirn das zu tun, was wir am besten können – nämlich zu denken. Und uns genau zu überlegen, was wir wollen. Und was wir nicht wollen.

Autoren: Christian Geiss und Bettina Krause