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Tiefer einatmen.

Luft ist Luxus.

Schon vor 2.000 Jahren filtrierten und veredelten die Menschen Wasser: Subtile Aromen sollten die Lebensgeister wecken und den Körper verjüngen. Ein Prinzip an dem sich bis heute nicht viel geändert hat – außer die Vermarktung.

Die heilenden Eigenschaften des kühlen Nass werden auch der Atemluft zugeschrieben: Saubere Luft ist gesund und dient der Entspannung. Wohlgerüche sollen den Menschen beflügeln und ihm helfen, den Alltag zu vergessen. Allerdings ist Frischluft rar geworden, wohnt man nicht gerade in einem Luftkurort an der See oder tief im Wald. Aus diesem Grund ist Luft ein Lifestyle-Produkt, ähnlich wie Mineralwasser. Heute kann man schon Frischluft in Flaschen kaufen. Und in Zukunft wird auch kein Ausflug in die Natur mehr nötig sein, um die Lungen mit bester Atemluft zu füllen. Alles, was man braucht, ist ein PKW – als rollende Sauerstoffdusche auf vier Rädern. Eine mobile Luftoase, in die man steigt, wenn man einfach mal tief durchatmen will.

Rush Hour in der Lunge.

Moderne Filter hindern mikroskopisch kleine Schmutzpartikel, Pollen und Bakterien sowie Gerüche daran, ins Innere des Autos zu gelangen. Eingebaut wurden solche Innenraumfilter erstmals von Saab Ende der 1970er Jahre. Doch noch immer hat die Luft im Auto nicht den besten Ruf. Forscher vom Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg begaben sich zwischen 2015 und 2017 mit einem mobilen Messgerät in den dichten Münchner Verkehr. Ihr Ergebnis nach 45 Kilometern: Im Innenraum des Wagens stieg die Menge an Stickstoffdioxid im Vergleich zum öffentlichen Stadtraum zum Teil bis auf das Dreifache an. Auch bei Tests in London lagen die Schadstoffwerte im Auto bei geschlossenen Fenstern rund 20 Prozent über denen auf dem Gehweg. Besonders an roten Ampeln, auf Autobahnen und bei zähflüssigem Verkehr zur Rush Hour leiden Autoinsassen stärker unter dicker Luft als Fußgänger und Radfahrer. Gegen die wenige Nanometer großen Feinstaubpartikel können selbst Innenraumfilter wenig ausrichten – erst recht nicht, wenn mit offenen Fenstern gefahren wird. Auch so genannte Wunderbäume am Rückspiegel helfen da wenig. Die Raumbedufter für Autos wurden vor rund 60 Jahren von einem entwickelt, der die Nase gestrichen voll hatte. Den New Yorker Milchauslieferer Julius Sämann störte der vergorene Milchgeruch in seinem Transportwagen. Kurzerhand tränkte er ein rauhes Papier mit Kiefernöl und hängte es in seinen Milchwagen. Seine “Little Trees” sollten ab 1954 die Welt erobern. Heute sorgen über 60 verschiedene Düfte für Wohlgerüche in den unterschiedlichsten Innenräumen.

Dass das Auto jedoch auch zur hermetisch abgeschlossenen Frischluft-Blase werden kann, zeigt ein Extrem-Beispiel: Beim Test mit einem Tesla Model X wurde ein Angriff mit Bio-Waffen simuliert. Dazu stellten die Forscher das Fahrzeug unter eine Dunstglocke und setzten es hochgradig kontaminierter Luft aus. Binnen zwei Minuten reduzierten die HEPA-Filter im Innenraum den Schmutz in der Luft auf einen nicht mehr messbaren Wert.

Almluft to go.

Mehrere Unternehmen und Start-ups setzen alles daran, Autos in Frischluftoasen zu verwandeln. Ein Ziel, das umso verlockender wird, seitdem das Pendeln für viele Menschen zum Alltag gehört. Allein in Deutschland sind über 18 Millionen Berufspendler täglich mehrere Kilometer unterwegs, fast 70 Prozent davon sitzen im Auto. Gelingt es, die im Fahrzeug verbrachte Zeit durch Frischluft-Kuren aufzuwerten, könnten Autos tagtäglich zur Gesundheit von Millionen Menschen beitragen.

Gängige Luftfiltersysteme für das Auto sind portabel. Sie werden im Innenraum des Autos platziert und können jederzeit nachgerüstet werden. Die neuen Luftaufwerter absorbieren zusätzlich Partikel, die am Innenraumfilter vorbei durch offene Fenster und Türen gelangen. So reinigt Philips GoPure die Innenluft dreimal pro Stunde und reagiert automatisch, wenn es im Stau stickiger wird. Mit dem Zulieferer Faurecia hat Philips zudem einen Luftfilter entwickelt, der in die Instrumententafel, die Sitzverkleidung oder die Rückenlehne eingebaut wird. An eine Nackenrolle erinnert dagegen Airbubble. Der handliche Luftreiniger wird einfach an der Kopfstütze befestigt – ab 2018 ist er erhältlich. Auf die Desinfektion der Luft setzt AnoKath mit einem Air-Clean-Diffuser. Angedockt am Zigarettenanzünder versprüht er ein Mittel, das Keime, Sporen und Geruchspartikel in der Luft vermindert – ein Wunderbaum 2.0.

Luft lässt sich ebenso mit elektrischer Energie säubern. So genannte Ionisierer polen dabei ungeladene oder positiv geladene Moleküle in Negativ-Ionen um. Und die binden kleinste Schadstoffe, Pollen, Milben und Keime, die wiederum an feinen Stäben des Ionisierers haften bleiben. Je mehr negative Ionen, desto sauberer die Luft. Das Ergebnis kann sich riechen lassen – eine Luft wie am Meer oder im Gebirge. Neben tragbaren Ionisier-Luftreinigern gibt es bereits im Auto integrierte Lösungen, wie zum Beispiel im Air Balance-Paket von Mercedes Benz.

Saubere Luft zeigt den Weg.

Luft ist wie Lärm unsichtbar. Doch während laute Geräusche sofort vom Ohr erfasst werden, sind Feinstaub, Keime und Pollen mit der Nase nicht so leicht zu erkennen – sie machen sich erst bei starkem Smog, Gestank oder durch eine Allergie bemerkbar. Wo der menschliche Geruchssinn nicht ausreicht, helfen heute Apps und Tracker der menschlichen Nase auf die Sprünge. Die digitalen Helfer liefern Echtzeitdaten zur Luftbelastung in der unmittelbaren Umgebung. Das US-Unternehmen iBlades stattet seine Smartphone-Hüllen mit dem Envirosensor aus, der vor Ort die Luftqualität prüft. Atmo Tube, Clean Space und PlumeLabs verbinden ihre Apps mit eigenen Gadgets, die vom Rucksack oder der Mittelkonsole aus die Luft checken. Bislang lieferten nur wenige öffentliche Luftmessungsanlagen derartige Daten. Bald könnten es Millionen sein.

Das israelische Start-up Breezometer beispielsweise verarbeitet pro Stunde 1,6 TB Daten aus verschiedensten Quellen, um die Luftqualität an 420 Millionen geografischen Punkten zu überprüfen. Auf der Air Quality Index Map kann man auf einen Blick die Luftbelastungen bestimmter Regionen oder Straßen anhand eines Farbrasters ablesen. In einem Beitrag nennen die Gründer den Mehrwert dieses Luft-Monitorings für die Autoindustrie: Insassen und im Auto eingebaute Filtersysteme können dank der Daten frühzeitig vor verschmutzter Luft gewarnt werden und reagieren – etwa eine saubere Route einschlagen, automatisch die Fenster schließen oder zusätzliche Luftreiniger und Filter anschalten. Mit so genannten Luftgütesensoren funktioniert dies bereits heute in Autos. Big-Data-Analysen könnten sie gut ergänzen.

Eine Dosis Blue Mountains, bitte.

Der Superlativ von sauberer Luft ist Duft. Er spielt eine entscheidende Rolle beim so genannten Emotional Branding. Ein olfaktorischer Reiz gelangt direkt in das limbische System im Gehirn und erreicht so ungefiltert das Unterbewusstsein. Damit ist der Geruchssinn ein äußerst empfindliches Instrument, das bei Markenwahl und Kaufverhalten mitentscheidet. Kein Wunder, dass Düfte im Marketing immer wichtiger geworden sind. Die Innenräume von Hotels, Shops oder Flugzeugen werden inzwischen olfaktorisch optimiert. Produkte erhalten speziell duftende Verpackungen. Und Automobilkonzerne wie Audi oder Mercedes-Benz lassen sich für ihre Modelle so genannte Signature Fragrances entwerfen. Am Anfang eines solchen Duftes steht die Vision des Experten, die anschließend von traditionellen Duftmanufakturen und innovativen Aroma-Fabriken umgesetzt wird. Ein solches Produkt ist beispielsweise das Air Balance-System von Mercedes-Benz. Hier wählt der Passagier zwischen mehreren Duftnoten aus, die auf Knopfdruck den Innenraum beduften.

Mit Duftsystemen könnte das Fahrerlebnis im Auto ganz neue Dimensionen erreichen: In den smog-geplagten Metropolen Chinas sind derzeit Gasflaschen mit konservierter Luft aus Australien der Renner. Für rund 20 US-Dollar kann man die frische Luft der Blue Mountains und Gold Coast genießen – 130 Atemzüge lang. Im Auto ließe sich etwa die eintönige Heimfahrt auf der Autobahn in einen Duftausflug an die Nordsee oder auf eine Alpenwiese verwandeln. Daneben kommt es aber auch auf die Luftqualität im Innenraum des Autos an. Immer mehr Hersteller setzen auf allergiefreie Innenausstattungen.

Emissionsarme Materialien.

Nicht zuletzt setzen Materialforscher auf der ganzen Welt alles daran, ihren Teil zu sauberer Luft im Auto beizutragen. Ihr Hauptziel: Schadstoffemissionen von industriell verarbeiteten Materialien auf ein Minimum zu senken. Denn Kunststoffe dampfen flüchtige organische Verbindungen aus – kurz VOC für Volatile Organic Compounds. Diese breiten sich auch im Innenraum aus, ganz besonders wenn das Autoinnere im Sommer zur Sauna wird. Zulieferer Dupont nutzt daher emissionsärmeres Polyoxymethylen für Zahnräder, die in Sitzverstellungen und dem Lenkrad eingesetzt werden. Auch bei Dichtungen und Klebstoffen zum Befestigen von Bauteilen im Armaturenbrett wird immer häufiger auf Low-Emissions-Materialien geachtet.

Mobil und gesund.

Das Auto der Zukunft ist mehr als ein Transportmittel. Es ist ein mobiler Assistent, der seine Nutzer stets mit der besten Luft versorgt. So unterstützt es sie darin, die eigene Gesundheit zu erhalten. Interessant ist das nicht nur für den Individualtransport. Auch im öffentlichen Nahverkehr lassen sich die Vorteile nutzen. Schon heute gibt es in China Haltestellen, die Menschen mit Sauerstoff versorgen. Bald könnten sich auch Busse, Züge oder Flugzeuge in mobile Tankstellen für Frischluft verwandeln. Denn es wird immer deutlicher: Luft ist ein unsichtbarer Luxus. Zumindest dort, wo sie sauber und wohlriechend gehalten wird.

Autoren: Christian Geiss und Jens Wollweber