Die Faszination Automobil geht über Generationen hinaus.

Eine automobile Zeitreise mit der „Youngtimer-Rallye“ Creme 21.

Ein Erlebnisbericht von Jens Stratmann.
Fotos & Text: Jens Stratmann
  • Eine automobile Zeitreise mit der „Youngtimer-Rallye“ Creme 21.

  • Besser als Fußball.

    Ich bin ein Kind der 80er Jahre, musikalisch verdorben, aber gut behütet in einem automobilen Umfeld aufgewachsen. Während andere Kinder Fußball spielen wollten, habe ich in der Werkstatt vom Nachbarn gespielt. Geschraubt, erste Erfahrungen gesammelt, und es war für mich das Größte, auf dem Abschlepper mitzufahren.

    Mit 16 folgte die Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, nach der Ausbildung der Sprung in den Vertrieb von sportlichem Automobilzubehör. Die Begeisterung für das Automobil hat mich früh gefangen und nie wieder losgelassen. Meine Arbeit? Eine Berufung.

    In den Autos auf der Creme 21 spiegelt sich für Jens Stratmann der Zeitgeist der 80er Jahre wieder.
    Diesen Wagen fuhr Jens Stratmann bei der Creme 21.

    Automobile prägen.

    Während der Creme 21 Rallye musste ich mehrfach an meine Jugend denken, an die Musik der 80er und 90er Jahre, und diese Erinnerungen kamen ganz klar durch die Autos. Automobile prägen. Mit fast jedem Fahrzeug verbinde ich eine ganz persönliche Geschichte, und das geht vermutlich nicht nur mir so. Mein Fahrzeug bei der Creme 21: ein Mercedes-Benz 560 SEC. Der pure Luxus, elektrische Fensterheber, Schiebedach, elektrisch verstellbare Sitze, ja, selbst die Lenksäule lässt sich einstellen, und extra für die Creme 21 habe ich mir auch noch eine CD mit den guten alten Liedern meiner Jugend geholt. Der V8 unter der Motorhaube blubbert, die 4-Gang Wandlerautomatik übernimmt für mich die Schaltarbeit; und ich gleite mit Depeche Mode, Culture Club, den Pet Shop Boys und ihren musikalischen Zeitgenossen über die Straßen bis nach Mitternacht.

    Damals ist heute.

    Die „Youngtimer-Rallye“ Creme 21 ist eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit, in die eigene Kindheit. Sie steht für ein positives Lebensgefühl, bei dem nicht verbissener Siegeswille, sondern der Spaß an der Sache im Vordergrund steht. Am 17. September starteten gut 200 Fahrzeuge in Bremen. Mission: das Lebensgefühl der 70er Jahre transportieren. Die Route führte durch Nord-, West- und Ostdeutschland.

    Retrospektiv betrachtet ist die Creme 21 'Youngtimer-Rallye' eine Zeitreise in die Vergangenheit.

    Während ich inmitten der zahlreichen Zuschauer am Straßenrand stand und die vorbeifahrenden Fahrzeuge fotografierte, kam man schnell ins Gespräch über die „gute alte Zeit“. Oft hörte ich auch Sätze wie „So einen fand ich damals schon toll“ oder „Wenn man doch nur die Zeit zurückdrehen könnte“. Genau das tun die Cremisten, so nennen sich die Teilnehmer: Sie drehen die Zeit zurück und nehmen die Zuschauer mit.

    Was macht die „Youngtimer-Rallye“ Creme 21 unvergleichlich?

    Diese Rallye ist wahrlich nicht mit vielen anderen Klassiker-Veranstaltungen zu vergleichen. Bei der Creme 21 geht es nicht um Bestzeiten, sondern um die Freude am Fahren und an den Fahrzeugen. Der Wettkampfgedanke ist bei der Creme 21 nebensächlich, die gefahrene Fahrzeugmarke übrigens auch. Man hilft sich untereinander, und man hat das Gefühl, dass die Cremisten während der Rallye zu einem großen Freundeskreis zusammenwachsen. In der Marke getrennt, im Herzen vereint – denn die Liebe am (älteren) Automobil ist den Teilnehmern immer anzusehen. Auch so mancher Zuschauer schwelgt während der Rallye in Erinnerungen.

    Die Aufgaben forderten Kreativität und Teamwork der Teilnehmer.

    Wer letztendlich gewinnt, wird auch nicht hinter dem Lenkrad entschieden. Für den Platz ganz oben auf dem Podest benötigt man ein gutes Fahrzeug, einen noch besseren Co-Piloten und am besten ein Quäntchen Glück. Denn wo bei klassischen Rallyes Wertungsprüfungen à la Zeitfahren oder Gleichmäßigkeitsfahrten auf die Teams warten, muss man bei der Creme 21 Saugglocken werfen, Märchen erraten oder Filme anhand kurzer Sequenzen erkennen.

    Für Jens Stratmann ist der 590 SEC von Mercedes-Benz ein Traum auf Rädern.

    Herausforderungen meistern.

    Berühmt-berüchtigt, und das nicht ohne Grund, ist das tägliche Kofferspiel. Fahrer und Beifahrer dürfen für wenige Sekunden einen Blick in einen kleinen Koffer (gefüllt mit Gegenständen aller Art) werfen, und zwei- bis dreihundert Kilometer später werden dazu Fragen gestellt. „Welches Datum stand auf dem LeMans-Aufkleber?“. „Wie viele Reifen waren in den Lego-Verpackungen?“.

    Besonders schwierige Aufgabe: den Gesamtwert des Kofferinhaltes schätzen. Dann wurde noch gewürfelt, es galt Bleistifte aus einer vorgegebenen Höhe in Flaschen zu werfen oder innerhalb von einer Minute einen Haufen Geld zu zählen. Gezählt wurde natürlich die gute Deutsche Mark, den Euro gab es damals ja noch nicht.

    Liebe zum Detail.

    Ein Hindernis musste um-, ein Klingelbrett überfahren werden, und rückwärts sollten die Fahrer (dieses Mal auf sich alleine gestellt) auf ein Hindernis zurollen und den Abstand auf genau 1,5 Meter halten. Der Beifahrer durfte in dem Fall nicht helfen – ansonsten sind fast alle Spiele so ausgelegt, dass die Teamfähigkeit gefordert und gefördert wird. Eingespielte Teamarbeit ist gefragt; so ist es auch kein Wunder, dass so viele Paare bei der Creme 21 anzutreffen sind.

    Besonders viele Paare trifft man auf der Creme 21, denn Teamgeist schweißt zusammen.

    Da sind zum Beispiel Jörg und Brunhilde Schlachte aus Dortmund. In diesem Jahr zum ersten Mal dabei, und das in einem imposanten 1988er Mercedes-Benz 500 SL. Einmal mit den beiden ins Gespräch gekommen, wird schnell klar: Das ist ihr Ding, die Rallye genauso wie das Fahrzeug. Die Liebe zum Detail, zum 500 SL, wurde in beinahe jedem Satz offenbar.

    Der italienische Polizeiwagen ist in Wahrheit ein W123 T300 D von Mercedes-Benz.

    Kulissen.

    Ein Mercedes-Benz 560 SEC aus dem Jahre 1989. Zweifelsohne ein tolles Fahrgefühl und ja, ich muss es einfach so schreiben: Ich liebe alte Fahrzeuge. Rallye-Teilnehmer Carsten Reinmöller und Markus Asselborn haben ihren Mercedes-Benz W123 T 300 D in diesem Jahr in einen italienischen Polizeiwagen verwandelt. Lustige Anekdote: Einige andere Verkehrsteilnehmer halten sich plötzlich penibel an die Höchstgeschwindigkeiten. Nicht falsch verstehen: Diese Rallye ist kein Rennen, es ist eher eine Schnitzeljagd. Gespielt wird mit Automobilen, und gefahren wird auf öffentlichen Straßen. So werden Bewohner schnell zu Statisten und einige Orte zu wunderschönen Kulissen.

    Eine Auswahl der 195 Fahrzeuge auf der Creme 21.

    Capri-Sonne und Haribo-Bananen.

    195 Fahrzeuge aus 7 Nationen und 29 verschiedene Automarken gingen an den Start. Mit Begleitfahrzeugen und Fahrzeugen der Organisation waren über 30 Mobile aus dem Hause Mercedes-Benz bei der „Youngtimer-Rallye“ Creme 21 dabei und sorgten für einen guten Stern auf allen Straßen.

    Die Creme 21 ist in dieser Form einmalig, denn nicht nur die Strecken, sondern auch die zu gewinnenden Preise haben es in sich. Hier gibt es typische 70er Jahre Artikel zu gewinnen: eine orangene Lampe, ein alter Fernseher mit PONG-Spiel und vieles mehr. Zwischendurch wird man gut verköstigt, man trinkt Capri-Sonne, isst Haribo-Bananen und entflieht dem Alltag.

    Auch die kommenden Jahre bleibt die Tradition der jährlichen Creme 21 bestehen.

    Nächste Runde.

    Die Creme 21 führt traditionell über Land- und Stadtstraßen und macht Zuschauer und Teilnehmer gleichermaßen zu Nostalgikern. Einige Teilnehmer verkleiden sich sogar im Stil der 70er Jahre – ein rundum gelungener Auftritt. Und eben dieser Geist der 70er Jahre wird auch im kommenden Jahr wieder durch Deutschland rollen. Aktuell sieht es so aus, als würde die 14. „Youngtimer-Rallye“ Creme 21 vom 16. bis 20. September 2015 stattfinden.

    Wer dabei sein möchte, sollte sich im Januar 2015 sputen, denn die Plätze werden wie jedes Jahr sehr begehrt sein. Das Siegerfahrzeug 2014? Ein VW Golf 1 aus dem Jahr 1975. Der Co-Pilot (Robert Stephan, Hotelier aus Lübben) hat aber auch einen Mercedes-Benz W123 230 E, EZ 1981, in der Garage stehen. Letztes Jahr fuhr er noch selbst mit, dieses Jahr war er Beifahrer. Viele Cremisten sind Wiederholungstäter, und wir wissen nun auch, warum.

    Eindrücke einer außergewöhnlichen Rallye.

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