Die Fahrer im Mercedes Rennwagen bei den Indy 500.

Fliegende Runde einer Mercedes Legende bei der Indy 500.

Vor 100 Jahren siegte ein Mercedes bei der Indy 500 – Grund für eine Ehrenrunde.

Text: René Olma
Fotos: Royce Rumsey
  • Fliegende Runde einer Mercedes Legende bei der Indy 500.

  • Showdown vor 200.000 Fans.

    Für George Wingard geht heute ein Traum in Erfüllung. Gleich wird er seinen Mercedes Grand-Prix-Wagen von 1914 starten und eine Runde über das Oval des legendären Indianapolis Motor Speedway lenken. Und das Ganze vor 200.000 begeisterten Motorsport-Fans. Es ist Rennwochenende in der nordamerikanischen Stadt, die sich ganz unbescheiden als „Racing Capital of the World“ bezeichnet. Bald startet die Indy 500. Ein historischer Mercedes auf der ältesten und wohl bekanntesten Rennstrecke der Vereinigten Staaten? Nur auf den ersten Blick irritierend.

    Der Motor des Mercedes Grand-Prix-Wagens.

    Vor 100 Jahren, am 31. Mai 1915, siegt Ralph DePalma am Steuer eines Mercedes Grand-Prix-Rennwagens beim fünften „International 500-Mile Sweepstake Race“ in Indianapolis. Grund genug für eine Ehrenrunde des Rennwagens aus Untertürkheimer Fertigung im Vorprogramm der Indy 500 des Jahres 2015.

    „Ich bin kein guter Zuschauer“.

    Ein ganz besonderer Auftritt, denn Besitzer George Wingard steuert den Rennwagen selbst, während alle anderen historischen Rennwagen im Vorprogramm von Legenden wie Mario Andretti oder Al Unser pilotiert werden. Wingard ist der einzige Fahrer in diesem illustren Feld, der keinen Indy 500-Sieg vorweisen kann.

    George Wingard am Steuer seines Rennwagens.

    Damit nicht genug: Es ist auch das erste Mal, dass er beim legendären Rennen dabei ist. „Ich habe schon früh gemerkt, dass ich kein guter Zuschauer bin. Ich fahre lieber.“

    Mit 4,5 Liter Hubraum unterwegs: der weiße Mercedes Grand-Prix-Wagen.

    Der weiße Mercedes.

    Nach kurzer Vorbereitung und einem Dreh der Startkurbel läuft der 4,5 Liter große Vierzylinder. Deutlich hörbar rastet der erste Gang ein, dann rollt der weiße Mercedes auf die Piste. Der mit Flugmotoren-Technologie entwickelte Vierzylinder leistet gut 100 PS. Der Vierzylindermotor ist ein Beweis für die hohen Fertigkeiten der Daimler-Ingenieure bereits vor 100 Jahren. Jeder der einzelnen Zylinder aus gedrehtem Stahl verfügt über einen eigenen aufgeschweißten Kühlwassermantel. Eine obenliegende Nockenwelle steuert vier Ventile pro Brennraum. Gezündet wird das Gemisch von je drei Kerzen pro Brennraum. Den für damalige Verhältnisse kleinen Hubraum gleichen die Ingenieure durch höhere Drehzahlen aus: 3.000 bis 3.500 mal pro Minute rotiert die Kurbelwelle – für die damalige Zeit extrem hohe Drehzahlen. Zum Vergleich: Seine Vorgänger drehten kaum höher als 2.000/min.

    Dreifachsieg in Frankreich.

    Zugeschnitten auf das Reglement beim Grand Prix von Lyon 1914, beweist der Rennwagen mit einem Dreifachsieg in Frankreich seine Klasse. Das überzeugt auch den in Italien geborenen Rennfahrer Ralph DePalma (1882 bis 1956). Nach dem Rennen kauft der Italo-Amerikaner das Fahrzeug des zweitplatzierten Louis Wagner und bringt es gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die USA. Mit diesem Rennwagen soll sein großer Wunsch endlich in Erfüllung gehen.

    Begeisterte Zuschaueraugen: Die Rennfahrer schieben ihr weißes Mercedes Prachtstück auf der Rennstrecke.

    Bereits 1912 fährt er mit einem Mercedes auf Siegeskurs. Noch drei Runden vor dem Schluss führt er, dann wirft ihn ein Motorschaden in der vorletzten Runde zurück. Unter dem tosenden Applaus der rund 80.000 Zuschauer schiebt er seinen Mercedes mit seinem Copiloten Rupert Jeffkins die restlichen drei Meilen ins Ziel und wird so Elfter.

    Der Rennwagen aus Stuttgart überholt auf der Strecke einen Konkurrenten.

    Sieg nach 200 Runden.

    Drei Jahre später, im Mai 1915, holt DePalma mit Louis Fontaine als Beifahrer den Triumph nach. Er gewinnt nach fünf Stunden, 33 Minuten und 55 Sekunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 144,58 km/h (89,94 mph).

    Von der 135. Runde bis zum Ende des Rennens in der 200. Runde gibt er die Führung nicht mehr ab. Der Rennwagen aus Stuttgart beweist seine Stärke damit schon zum zweiten Mal.

    Ein Publikumsliebling: Der Mercedes Grand-Prix-Wagen auf der Rennstrecke.

    Mechaniker an Bord.

    100 Jahre nach DePalmas Triumph rollt nun wieder ein Mercedes Grand-Prix-Wagen auf dem Indianapolis Motor Speedway. Wingard und sein Schwiegersohn Pat Gould, der als Beifahrer („riding mechanic“) fungiert, winken den applaudierenden Rennsportfans zu, als der weiße Rennwagen seine Runde dreht. Seit 1981 besitzt der ehemalige Senator des US-Bundesstaates Oregon das Auto. Es ist der Wagen mit dem sich Christian Lautenschlager beim Grand Prix von Frankreich 1914 den Sieg gesichert hat. Wingard kennt buchstäblich jede Schraube, schließlich hat er ihn restauriert. Dass nicht der Original-Indy-Siegerwagen von 1915 am Start ist, hat einen einfachen Grund: DePalmas Fahrzeug ist irgendwann zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verschollen.

    Applaus für den weißen Stern.

    Den Massen auf den Tribünen ist es einerlei. Sie applaudieren dem weißen Klassiker und seiner Besatzung, als sie das 2,5 Meilen lange Oval befahren. Übrigens: Der Grand Prix-Wagen ist zwar der erste, nicht aber der einzige Indy 500-Siegerwagen mit dem dreizackigen Stern.

    Fahrer und Mechaniker des Mercedes Grand-Prix-Wagens.

    1994 gelingt Al Unser Junior im Penske-Mercedes PC 23 ebenfalls der Triumph beim wichtigsten Rennen der Vereinigten Staaten.

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