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  • Abseits ausgetretener Pfade: Mit dem 350 SE in Südafrika.
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    Abseits ausgetretener Pfade: Mit dem 350 SE in Südafrika.

    Gastbeitrag

    Text und Fotos: Philipp Wente

Metropole inmitten eines Nationalparks.

Südafrika. Südlichstes Land des Kontinents, auf dem die Menschheit ihren Ursprung nahm. Motherland. Direktflug in die einzige Metropole, die inmitten eines Nationalparks liegt. Kapstadt ist mit knapp vier Millionen Einwohnern nach Johannesburg die zweitgrößte Stadt des Landes. Und Traum-Reiseziel seit Generationen. Schon der Landeanflug auf Cape Town International (CPT) ist ein Erlebnis: rechts das türkisfarbene Meer, zur Linken Tafelberg und Lion’s Head, an die sich Kapstadt lehnt. Zwei Wochen lang werde ich von hier aus durch die Western Cape Region fahren. Ohne festes Ziel. Genauer: ohne festes Reiseziel. Das Ziel: zu reisen.


W 116 in Silbergrün Metallic.

Am Flughafen bin ich verabredet mit Marcus Hoelper, einem Deutschen, der davon lebt, über seine Firma Retro Rentals klassische Mercedes-Benz an Touristen, Fotografen, Einheimische zu vermieten. Er wartet bei seinem 350 SE (W 116) in Silbergrün Metallic, muss aber schnell weiter zur nächsten Übergabe. Kurz daher seine Einweisung: Links fahren, ist klar. Rechtslenker, ebenfalls. „Schon mal links gefahren?“ „Ja, ja, bin England-Freund, war in Indien.“ „Gut. Reserverad ist im Kofferraum. Öl auch. Schau bitte regelmäßig nach dem Kühlwasser. Noch Fragen? Nein? Fein. Dann hab eine spannende Zeit. Allzeit gute Fahrt. Und bis in zwei Wochen.“


Souverän und elegant, fast mondän.

Da stehen wir nun, der 350 SE und ich. Ich sehe ihn mir an, ganz genau, aus allen Perspektiven. Seine Linien: klar. Die Flächen gegenüber modernen Karossen fast simpel strukturiert. Chromzierrat, Aluminium, die Barockfelgen, der wunderbar dezente Farbton – all das lässt ihn auch nach 38 Jahren noch souverän und elegant, fast mondän wirken. Ich verstaue meinen Koffer im kellergroßen Kofferraum, gehe zur Fahrertür … ups, das war die Beifahrertür. Gehe also zur Fahrertür, nehme Platz im sesselgleichen Sitz, stelle die Spiegel ein. Und starte den V8, der kurz vernehmlich faucht, dann dezent und nahezu vibrationsfrei vor sich hin brubbelt. Blinker rechts, unser Abenteuer beginnt.


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Der V8 macht die Rhythmusgruppe.

Nelson Mandela Boulevard, M2, raus aus Kapstadt. Vorbei an Woodstock. Palmenwedel im Wind erinnern mich an die fliegenden Haare der Hippies während eines Janis-Joplin-Konzerts. Der V8 macht die Rhythmusgruppe. Monotones Surren, unterbrochen durch kurze Soli bissigen Fauchens beim Überholen. Das Thema dazu: Rauschen der Palmen im Wind. Die Ausfahrt Stellenbosch lasse ich links liegen. Vielleicht fahre ich später noch in die Winelands. Im Moment genieße ich den Geruch frisch abgebrannter Felder. Eine angenehme Barriquenote liegt in der Luft.


Bei Strand nehme ich die R44 Richtung Betty’s Bay. Links die Berge, steil aufragend bis weit in den Himmel. Sie entspringen dem türkisblauen Ozean rechts. Dazwischen verläuft eine der schönsten Straßen der Welt, die sie die Whale Coast Route genannt haben. Breite Strände, menschenleer, schwarze Flaggen mit skizzierten Haien. Am Horizont, weit hinter dem Blau des Atlantik, das Kap der Guten Hoffnung und die Zwölf Apostel im Dunst des Tages. Bis bald, Kapstadt.


Im Flimmern der Straße.

Baboons, so heißen die Paviane hier, hocken am Straßenrand. Die Alten schauen stoisch Richtung Felsen. Das Meer ist wohl nicht so ihr Ding. Meines schon. Immer weiter fahre ich, Berge links, Meer rechts. Nach Tagen, geprägt von Sand und Meer, von Weiß und Türkis, zieht es mich ins Hinterland. Viel Wein-, viel Obstanbau, immer wieder auch karg und braun. Von der Tradaouw-Passhöhe geht es steil bergab nach Barrydale. Automatik auf „N“, die Schussfahrt kann beginnen. Der 350 SE rollt. Und wird richtig schnell. Die engen Kurven lassen maximal 120 km/h zu. Ein kurzer Geschwindigkeitsrausch. Angekommen im Tal: „D“. Drive and Dream at around 70 km/h. Gefühlt ewig fahre ich, ohne auch nur einen Menschen zu sehen. Im Flimmern der Straße lösen sich die Gedanken auf.


Eine der hinreißendsten Straßen.

„Fahr früh los“, hat man mir geraten. Die Täler noch dunkel, höchste Kuppen werden gestreichelt vom ersten Licht des Tages. Links ab geht es zum Swartbergpass in Richtung Prins Albert. Schotter. Der ganze Weg, bergauf, bergab, Schotter. 27 Kilometer lang. Vögel stehen belanglos auf der Straße herum, daneben dösende Dassies. Gemsböcke erschrecken, weil hier um diese Zeit sonst nie ein Auto fährt. Letzte Wolken zerfließen an der Bergkette. Der Himmel, von nun an pur blau. Es ist kühl hier oben. Archaische Gebirgs-Landschaft, rau, karg, braun-schwarz nur, pur. Von einfacher, fast erschlagender Schönheit. Steile Zickzackkurven, mal mit steinernen Seitenbegrenzungen, mal gänzlich ohne. Und immer wieder diese Aussicht. Sicherlich eine der hinreißendsten Straßen, die der Mensch je gebaut hat.


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Mit Stern auf der Haube ins Licht.

In Prins Albert genieße ich ein ausgiebiges Frühstück in der aufgehenden Sonne. Kapholländische Häuser aus dem 18. Jahrhundert zieren die Hauptstraße des kleinen gemütlichen Ortes. Bevor ich mich auf den Rückweg mache, fahre ich zur einzigen Tankstelle. Hier in Afrika gilt die Regel: Starte nur mit vollem Tank, mit Öl und mit mindestens 5 Litern Wasser. So zurück auf den Swartbergpass.


Am Eerste Water, einem Fluss mit kristallklarem kaltem Bergwasser, mache ich eine Pause. Die handtellergroßen Süßwasser-Krabben und die vielen kleinen Fische, endemisch, lassen sich durch meine Füße nicht stören. Bergauf fahre ich direkt ins Gegenlicht: Der Stern auf der Haube scheint mit dem grauen Schotter zu verschmelzen. Ich genieße jeden Moment.


Alle Aussagen in diesem Artikel sind persönliche Meinungen und Eindrücke des jeweiligen Autors und stellen mitunter nicht die der Daimler AG dar.