Großer Preis von Frankreich in Reims, 4. Juli 1954. Hans Herrmann (Startnummer 22) am Steuer des Mercedes-Benz Formel-1-Rennwagen (W 196 R) mit Stromlinienkarosserie.

„Hans im Glück“ wird 85.

Hans Herrmann – ein Leben für den Rennsport.
  • „Hans im Glück“ wird 85.

  • Den Schutzengel immer mit an Bord.

    Das nennt man Augenmaß: Als Hans Herrmann aus der unübersichtlichen Rechtskurve kommt, sieht er die geschlossene Bahnschranke. Der Rennfahrer zögert nicht lange, haut auf den Helm seines Beifahrers Herbert Linge, damit auch dieser auf Tauchstation geht – dann rasen beide mit Tempo 160 millimetergenau unter dem Hindernis hindurch. „Eigentlich hätte dort ein Funktionär mit einer Fahne stehen müssen, um uns zu warnen“, erinnert sich Herrmann, aber es klingt nicht wirklich nachtragend. Die Anekdote, die sich 1954 während der Mille Miglia zugetragen hat, schildert der Schwabe so lebendig, als sei es gerade erst passiert. „Ich hatte wirkliches Glück damals“, resümiert er. Nicht nur bei dem legendären italienischen Straßenrennen, auch ansonsten hatte der Sportler offenbar stets einen Schutzengel mit an Bord. Am 23. Februar wird „Hans im Glück“, wie ihn Freunde tauften, 85 Jahre alt.

    Hans Herrmann in Reims 1954.
    Hans Herrmann in Reims 1954.

    „Rennsport ist mein Leben“, sagt Hans Herrmann – dass er sein Leben nicht an den Rennsport verlor, hat er unter anderem seiner Frau zu verdanken.

    ans Herrmann (rechts) mit seinen Mercedes-Benz Rennkollegen Karl Kling (links) und Juan Manuel Fangio in Reims 1954.
    Hans Herrmann (rechts) mit seinen Mercedes-Benz Rennkollegen Karl Kling (links) und Juan Manuel Fangio in Reims 1954.

    Ein Kindheitstraum wird wahr.

    Berühmt wurde Hans Herrmann als Werksfahrer für Mercedes-Benz in den Jahren 1954 und 1955 unter dem legendären Alfred Neubauer, Leiter der Mercedes-Benz Rennabteilung. Damit wurde ein Kindheitstraum wahr: „Schon als kleiner Junge in der Schule wollte ich Rennfahrer werden“, sagt der gebürtige Stuttgarter, der nahe der Rennstrecke Solitude aufwuchs.

    Zunächst absolviert der junge Hans Herrmann aber eine Konditorlehre und übernimmt nach Kriegsende ein Café in Stuttgart – bevor ihn seine Leidenschaft wieder packt und er 1952 bei der Hessischen Winterfahrt mit einem privaten Porsche 356 startet.

    Überzeugendes Talent.

    Der junge Mann beweist Talent – unter anderem holt er 1953 auf Porsche einen Klassensieg bei der Mille Miglia – so dass ihn schließlich Alfred Neubauer entdeckt. „Der Dicke“, wie der charismatische Rennsportchef wegen seiner Leibesfülle genannt wird, bildet 1953 ein Team für den Wiedereinstieg von Mercedes-Benz in den Grand-Prix-Sport nach dem Krieg. „Ich durfte als junger Bursche eine Testfahrt am Nürburgring absolvieren und habe ihn offenbar überzeugt“, sagt Herrmann. Bei Neubauer klingt das damals so: „Herrmann ist unbedingt ein Naturtalent und ein sehr ausdauernder Fahrer.“ Das Problem: Der Nachwuchspilot hat Porsche per Handschlag auch für die Saison 1954 zugesagt. Neubauer macht eine Ausnahme, und der junge Nachwuchsfahrer darf eine Zeitlang am Tag mehrere Rennen in verschiedenen Wagen fahren – oder sogar während eines Rennens vom Porsche 550 Spyder auf den W 196 umsteigen. „Heute undenkbar“, lacht Herrmann.

    Immer noch gefragt: Hans Herrmann samt 300 SL Rennsportwagen (W 194) 2012 im Mercedes-Benz Classic Magazin.
    Immer noch gefragt: Hans Herrmann samt 300 SL Rennsportwagen (W 194) 2012 im Mercedes-Benz Classic Magazin.

    Schnellste Rundenzeit beim Silberpfeil-Debüt.

    Es war nicht das einzige Mal, dass der „väterliche, aber strenge“ Neubauer beide Augen zudrückte. „Ich war nicht so ein hochdisziplinierter Mensch“, räumt Hans Herrmann schmunzelnd ein. Dafür begnügt er sich neben den Stars Juan Manuel Fangio und Karl Kling – 1955 stößt noch Stirling Moss zur Equipe – mit der Rolle des dritten Manns. „Ich war halt immer der Kleine“, sagt Herrmann bescheiden. Und er rechtfertigt das Vertrauen: Schon zur Premiere der neuen Silberpfeile beim Großen Preis von Frankreich 1954 in Reims fährt er die schnellste Rundenzeit. Außerdem erringt er Podiumsplatzierungen beim Großen Preis der Schweiz 1954 und beim Avusrennen 1954, wo er jeweils den 3. Platz einfährt. 1955 wird er bei einem Trainingsunfall in Monaco schwer verletzt und liegt wochenlang im Krankenhaus.

    Hans Herrmann mit der Startnummer 22 in Reims 1954.
    Hans Herrmann mit der Startnummer 22 in Reims 1954.

    „Wäre nicht zufällig ein Stuttgarter Arzt, ein Spezialist für Herz- und Kreislauferkrankungen, als Rennbesucher in Monaco gewesen, wäre ich gestorben“, sagte Herrmann später in seinem Buch „Ich habe überlebt“. Wieder ist der Schutzengel zur richtigen Zeit am richtigen Platz.

    achsimpeln: Hans Herrmann mit seinem ehemaligen Teamkollegen Sir Stirling Moss beim Goodwood Revival.
    Fachsimpeln: Hans Herrmann mit seinem ehemaligen Teamkollegen Sir Stirling Moss beim Goodwood Revival.

    Triumph in Le Mans 1970.

    Den größten Triumph seiner Rennsportkarriere erlebt Hans Herrmann mit dem Sieg in Le Mans 1970 auf Porsche, nachdem Mercedes-Benz bereits 1955 sein Engagement im Motorsport beendet hat. Der Höhepunkt ist zugleich das Ende: Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören, sagt ein Sprichwort. Der Schwabe tut es und zieht sich mit 42 Jahren aus dem aktiven Geschehen zurück.

    Dem Motorsport und der Marke mit dem Stern bleibt er treu: Unter anderem als Markenbotschafter von Mercedes-Benz Classic nimmt der Schwabe noch heute an zahlreichen Klassik-Veranstaltungen teil und sitzt dabei am Steuer „seiner“ historischen Rennwagen.

    Hans Herrmann mit Lewis Hamilton im Jahr 2007 in Berlin. „Er bot mir an, die Wagen zu tauschen.“
    Hans Herrmann mit Lewis Hamilton im Jahr 2007 in Berlin. „Er bot mir an, die Wagen zu tauschen.“

    „Ich schaue jedes Rennen.“

    Auch das aktuelle Formel-1-Geschehen verfolgt die Motorsport-Legende mit Begeisterung: „Ich schaue jedes Rennen im Fernsehen“, sagt Herrmann, der sich vom Wechsel Lewis Hamiltons zum Formel 1-Rennstall von MERCEDES AMG PETRONAS und dem Engagement seines alten Kumpels Niki Lauda einen „Ruck“ für das Team verspricht. „Früher war der Rennsport ein Abenteuer“, vergleicht Herrmann, der nach wie vor mit vielen jungen Fahrern in Kontakt ist. Viele seiner Kollegen in den fünfziger bis siebziger Jahren haben das Abenteuer mit dem Leben bezahlt. Auch wenn der Motorsport heute weit weniger gefährlich ist, fasziniere nach wie vor die Jagd nach Rekorden und Erfolgen die Menschen. Hans Herrmann indes ist nicht mehr auf der Jagd nach Erfolgen, aber Stillstand bleibt weiterhin ein Fremdwort für ihn: Jeden Tag ist er im Büro seines Sindelfinger Handelsunternehmens für Autozubehör anzutreffen – wenn es der Terminkalender zulässt.

    Ein Wink des Schicksals?

    Dass er seinen 85. Geburtstag gesund und munter feiern kann, hat Hans Herrmann wahrscheinlich nicht zuletzt seiner Ehefrau zu verdanken: „Mit ihr hatte ich ebenfalls Glück, wir sind seit über 50 Jahren verheiratet. Sie hat oft auf mich eingeredet und mich ermahnt, vorsichtig zu sein“, erzählt der sympathische und entwaffnend bodenständige Schwabe. Seine Frau schließlich ist es auch, die ihm vor dem Aufbruch nach Le Mans 1970 das Versprechen abnimmt, im Falle eines Sieges aufzuhören. Der brave Ehemann sagt kurzerhand zu, aus einem Bauchgefühl heraus. „Vielleicht ein Wink des Schicksals.“

    Hans Herrmann mit seiner Frau 2012 im Mercedes-Benz Museum. Foto: Leo Höld
    Hans Herrmann mit seiner Frau 2012 im Mercedes-Benz Museum. Foto: Leo Höld

    Der Rest ist Rennsportgeschichte: Hans Herrmann siegt gemeinsam mit Richard „Dickie“ Attwood und erklärt schließlich seinen Rückzug. Auch einen Schutzengel soll man schließlich nicht überstrapazieren.

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