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  • Mercedes-Simplex auf einer Küstenstraße.
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    Die Ära Mercedes-Simplex.

    Luxus, Lifestyle, Sportlichkeit.

Der Konkurrenz auf und davon.

Im April 1902 flog der Mercedes-Simplex 40 PS beim prestigeträchtigen Bergrennen von Nizza nach La Turbie geradezu die steile und kurvenreiche Strecke hinauf. Das Ergebnis war ein legendärer Sieg. Der Hochleistungssportwagen war die Weiterentwicklung des ersten Mercedes, der 1901 den Automobilbau revolutionierte.

Sieger des Bergrennens Nizza–La Turbie 1902: E. T. Stead auf Mercedes-Simplex 40 PS.

Sieger des Bergrennens Nizza–La Turbie 1902: E. T. Stead auf Mercedes-Simplex 40 PS.

Motor des Mercedes-Simplex 40 PS.

Mechanik als Kunstwerk: Der Motor des Mercedes-Simplex 40 PS.

Kraftreserven.

Noch heute ist eine Fahrt mit dem legendären Wagen ein Erlebnis. Auf jedem Meter sind die Kraftreserven spürbar, und mühelos erklimmt das weiße Fahrzeug aus dem Jahr 1903 die Steigungen. Selbst bei moderatem Tempo beeindruckt es, denn auf dem Weg nach La Turbie, dem legendären Zielpunkt des Bergrennens, das in Nizza gestartet wurde, schöpfen wir die Kraft des Ur-Oldtimers nicht voll aus. Schließlich ist der weiße Sportwagen eine Preziose, die locker einen siebenstelligen Euro-Betrag erzielen würde.

Volle Konzentration.

Simplex – diesen Beinamen erhielt der Mercedes aufgrund seiner vergleichsweise einfachen Bedienung. Vor rund 115 Jahren setzte er damit Maßstäbe. Jedoch, wir sind es nicht gewohnt, und so verlangt beispielsweise das Hochschalten volle Konzentration: Fuß vom Gas, kuppeln, Gang auf Neutral, Kupplung lösen, wieder kuppeln und den nächsthöheren Gang einlegen. Bis das flüssig von Hand und Fuß geht, ist Vorsicht geboten. Doch es ist Teil des Erlebnisses, einen rollenden Meilenstein zu bewegen.

Schön und fordernd zugleich: Die Pedalerie.

Schön und fordernd zugleich: Die Pedalerie.

Starke Steuerbefehle gewünscht: Ein Lenkrad zum kräftigen Zupacken.

Starke Steuerbefehle gewünscht: Ein Lenkrad zum kräftigen Zupacken.

Eine Lenkung, die ganzen Körpereinsatz verlangt.

Der Simplex hat alles: einen langen Radstand, einen niedrigen Schwerpunkt, einen leichten und leistungsfähigen Motor, H-Schaltung und mehrere unabhängige Bremsen, die über einen Handhebel sowie je ein Pedal links und rechts aktiviert werden. Die Lenkung verlangt ebenfalls vollen Körpereinsatz. Sobald es auf der Bergstrecke um eine der vielen Kurven geht, greift man am dicken Holzkranz kräftig zu und gibt die Richtung vor. Dazu gehört auch die Verlagerung des Körpergewichts. Doch das Fahren mit dem Simplex ist mehr Handwerkskunst denn Schwerarbeit: Schon bald stellt sich große Zufriedenheit ein.

Gedenktafel für den Werksfahrer Wilhelm Bauer.

Motorsport in den Frühtagen des Automobils war eine gefährliche Angelegenheit. Schon in der ersten Kurve nach dem Startpunkt in Nizza, an dem sich heute ein Busbahnhof befindet, erschauert man innerlich. Dort hängt eine Gedenktafel für den Werksfahrer der Daimler-Motoren-Gesellschaft, Wilhelm Bauer. Beim Rennen des Jahres 1900 wich er an dieser Stelle Zuschauern aus, die auf die Strecke gelaufen waren, kollidierte mit der Felswand und erlag einen Tag später seinen Verletzungen.

Opfer des frühen Motorsports: Wilhelm Bauer.

Opfer des frühen Motorsports: Wilhelm Bauer.

Viel Gefühl erforderlich: Die Verstellung des Zündzeitpunkts.

Bei der heutigen Fahrt geht die Hatz auf der legendären Strecke weiter. Vorn unter der Motorhaube mit der Form eines Dachgiebels arbeitet der mächtige 6,8-Liter-Vierzylinder. Jeder Verbrennungstakt ist ein Manifest der urtümlichen Antriebstechnik, und jeder Gasstoß treibt den Automobil-Veteranen vehement voran. Die gebotenen 40 PS reichen aus, um den weißen Boliden in der Ebene bis auf mehr als 110 km/h zu beschleunigen. Bergauf ist es aber immer noch flott: Beim Bergrennen im Jahr 1902 betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit des Mercedes-Simplex 40 PS von Nizza nach La Turbie 55,9 km/h.


Um bei steigender Drehzahl möglichst viel Drehmoment aus dem mächtigen Motor herauszuholen, ist am Lenkrad ein Hebel angebracht, der mit einer feinen Rasterung verstellt werden kann. Damit wird der Zündzeitpunkt nach vorn verschoben – idealerweise findet die Frühzündung kurz vor dem oberen Totpunkt des Kolbens statt. „Dazu braucht es sehr viel Gefühl“, sagt Oldtimer-Fan und Ex-Formel-1-Fahrer Jochen Mass und legt den Simplex in die nächste Kurve. Er scheucht den Urvater heutiger Supersportwagen die Serpentinen so souverän hoch, als gäbe es kein Morgen mehr.


Mercedes-Aimplex 40 PS auf einer Küstenstraße.

Von Nizza nach La Turbie – im Jahr 1902 mit Schotterpiste statt Asphalt.

Eine Schotterpiste.

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Strecke von Nizza nach La Turbie noch nicht asphaltiert, sondern eine Schotterpiste. Abhänge gähnten ohne Leitplanke. Die Gefahr, von der Strecke abzukommen, war ein ständiger Begleiter. Dennoch jagten die tollkühnen Männer im Streben nach Ruhm ihre Motorfahrzeuge unerschrocken um die Kurven. Selbst wohlhabende Zeitgenossen wie etwa Mitglieder der Rothschild-Familie liebten diesen Nervenkitzel. „Hut ab“, meint Ex-Formel-1-Fahrer David Coulthard anerkennend, der mit einem weiteren Mercedes-Simplex den Berg bezwingt. „Das war tatsächlich ganz großer Motorsport.“

„Win on Sunday, sell on Monday.“

Emil Jellinek war es, der die frühen Fahrzeuge der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) mit großem Erfolg an die Schönen und Reichen jener Zeit verkaufte. Der visionäre Geschäftsmann verstand schon Anfang des 20. Jahrhunderts den Marketing-Grundsatz „Win on Sunday, sell on Monday“ und nutzte die Rennen als Schaufenster für die Leistungsfähigkeit der Mercedes-Autos. Schließlich liebte seine Kundschaft den mondänen Ort an der Côte d’Azur als ein Paradies, das im Winter mildes Wohlfühlklima bot.

Emil Jellinek mit Familie vor seinem Mercedes-Simplex 60 PS am Hafen von Nizza.

Emil Jellinek mit Familie vor seinem Mercedes-Simplex 60 PS am Hafen von Nizza.

Genialer Chefkonstrukteur der Daimler-Motoren-Gesellschaft: Wilhelm Maybach, hier im Jahr 1903 auf dem Beifahrersitz eines Mercedes-Simplex 18/22 PS.

Genialer Chefkonstrukteur der Daimler-Motoren-Gesellschaft: Wilhelm Maybach, hier im Jahr 1903 auf dem Beifahrersitz eines Mercedes-Simplex 18/22 PS.

Abschied von der Pferdekutsche.

Emil Jellinek gab dem genialen DMG-Chefkonstrukteur Wilhelm Maybach auch den entscheidenden Impuls, einen ganz neuen Wagen zu konstruieren, der nicht mehr wie eine motorisierte Pferdekutsche aussah. Der Schwerpunkt wanderte nach unten, der von Grund auf neu entwickelte Motor wurde leichter und leistungsfähiger, und ein geschlossenes Kühlsystem, der sogenannte Bienenwaben-Kühler, hatte endlich auch die Hitzeentwicklung der mächtigen Aggregate im Griff.

Markenname Mercedes.

Jellinek schlug außerdem einen Namen für den innovativen und luxuriösen Hochleistungswagen vor: „Mercedes“, den Vornamen seiner Tochter. Der Visionär nutzte ihn selbst als Pseudonym bei Autorennen. Wenn Jellinek sich in Nizza zeigte, raunte das Publikum: „Schau, da kommt Monsieur Mercedes!“

Zeitzeugen einer Epoche: Vier Mercedes Simplex Modell mit bis zu 60 PS.

Zeitzeugen einer Epoche: vier Mercedes-Simplex Modelle mit bis zu 60 PS.

Merceds-Simplex 40 PS vor einer Häuserfront.

Der Mercedes-Simplex beeindruckt bis zum heutigen Tag.

Wichtiger Meilenstein.

Der Mercedes-Simplex war ein wichtiger Meilenstein der Automobilentwicklung. Der französische Journalist Paul Meyan brachte es 1901 auf den Punkt: „Wir sind in die Ära Mercedes eingetreten.“ Damals warnte die französische Presse vor den übermächtigen Fahrzeugen aus Deutschland, die die automobile Rangordnung auf den Kopf stellten. Heute lachen die Bewohner von La Turbie und winken begeistert, als die beiden Simplex das Ziel des einstigen Bergrennens erreichen.