Mercedes-Benz C 111.

Experimentalfahrzeug, Supersportwagen und Stilikone.

  • Mercedes-Benz C 111

  • Experimentalfahrzeug, Supersportwagen und Stilikone.

    Frankfurt, September 1969: Die Erwartungen sind hoch. Schon lange kursieren Gerüchte, dass Mercedes-Benz auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) eine Sensation präsentieren wird. Doch was der Stuttgarter Hersteller dann enthüllt, übertrifft die kühnsten Erwartungen. Vor den Journalisten steht ein Supersportwagen mit Flügeltüren und Wankelmotor. Schnell avanciert das Forschungsfahrzeug zu dem Traumwagen der siebziger Jahre schlechthin.

    Forschung und Innovation.

    Bereits Ende 1967 machen sich die Entwicklungsingenieure von Mercedes-Benz an die Arbeit. Auch wenn das Resultat immer wieder Anlass für Spekulationen gibt, es sollte ein Nachfolger für den legendären 300 SL „Flügeltürer“ geschaffen werden, ist das Ziel ein anderes. Der C 111 ist von Anfang an als reines Erprobungsfahrzeug geplant. Es gilt, unter anderem den Einsatz von Karosserien aus glasverstärkten Kunststoff zu erproben. Außerdem soll ein neues Motorenkonzept getestet werden: der von Felix Wankel erdachte Kreiskolbenmotor.

    Technik und Design.

    Es ist das Gesamtkonzept, dass den C 111 zu dem Traumwagen der siebziger Jahre macht. Die Technik hält, was das futuristische Design von Bruno Sacco verspricht. Sowohl der 1969 vorgestellte C 111-I mit Dreischeiben-Wankelmotor (206 kW/280 PS), als auch der 1970 präsentierte C 111-II mit Vierscheiben-Wankel (257 kW/350 PS) überzeugen mit souveränen Fahrleistungen. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 270, beziehungsweise 300 km/h. Der C 111-II beschleunigt aus dem Stand in 4,9 Sekunden auf 100 km/h. Doch auch wenn die Entwickler von Mercedes-Benz aus dem Wankelmotor herausholen, was das Konzept hergibt, genügt das Resultat nicht den hohen Standards von Mercedes-Benz hinsichtlich Zuverlässigkeit und Lebensdauer. Erschwerend hinzu kommt die schärfere Abgasgesetzgebung in den Vereinigten Staaten.

    Serienfertigung bleibt ein Traum.

    Nicht allein die Nachteile des Rotationskolbenmotors führen schließlich zur Entscheidung, den C 111 nicht in Serie zu bauen. Anfang der siebziger Jahre beginnt die passive Sicherheit eine immer größere Rolle in der Fahrzeugentwicklung zu spielen. Die Kunststoffkarosserie des C 111 hat da prinzipbedingt Nachteile gegenüber einer klassischen Stahlblechkarosserie. So beschließt Mercedes-Benz 1971, dass der Sportwagen nicht in Serie gehen wird. Viele Autofans reagieren entsetzt. Mancher hatte zuvor sein Glück versucht und zusammen mit einer Bestellung einen Blankoscheck nach Untertürkheim geschickt – vergeblich.

    Zweite Karriere als Rekordwagen.

    Wenn schon nicht auf den Landstraßen und Boulevards, so brilliert der C 111 auf Versuchstrecken. Nicht zuletzt die Ölkrise 1973 macht deutlich, dass verbrauchsgünstigen Motoren eine immer größere Bedeutung zukommt. Gute Chancen für sparsame Diesel. Um zu beweisen, dass der Selbstzünder alles andere als undynamisch und zu laut ist, stattet die Versuchsabteilung den C 111-II mit einem Dreiliter-Fünfzylinder-Dieselmotor aus. Der nun intern C 111-II D genannte Versuchswagen holt aus dem Serientriebwerk OM 617 LA (59 kW/80 PS) – das sonst im 240 D 3.0 der Baureihe W 115 („Strich-Acht“) arbeitet – dank Turboaufladung und Ladeluftkühler 140 kW (190 PS). Auf der Teststrecke im italienischen Nardò überzeugt der C 111-II D im Juni 1976: Vier Fahrer holen in 60 Stunden 16 Weltrekorde, davon 13 für Dieselfahrzeuge sowie drei für Autos aller Motorisierungen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 252 km/h – ein Diesel von Mercedes-Benz kann also auch sprinten.

    Es sollten nicht die einzigen Rekorde bleiben. Der Nachfolger C 111-III - nun mit 169 kW/230 PS starkem Diesel – fährt 1978 neun weitere Weltrekorde ein. Die letzte Version – der C 111-IV mit 4,8-Liter-V8-Benziner (368 kW kW/500 PS) bricht 1979 mit 403,978 km/h den Rundstreckenrekord.

    Mercedes Enigma.

    Das Jahr 1969 ist ein besonderes für Mercedes-Benz. Bereits seit langem brodelt die Gerüchteküche, dass der Erfinder des Automobils eine Sensation entwickelt. Zur Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main wird das Geheimnis gelüftet – mit einem Paukenschlag: dem C 111, einem Supersportwagen mit Flügeltüren und Wankelmotor. Die Fachwelt ist verblüfft, die Presse überschlägt sich und das Publikum ist begeistert. Kurz darauf debütiert im Frühjahr 1970 die noch attraktivere und leistungsstärkere Variante des Experimentalfahrzeugs C 111, die schnell zum unerreichbaren Traumauto einer ganzen Generation wird.

    Zitat aus: Autocar, 11. September 1969

    Der „Knüller“ der IAA ist unverkäuflich.

    Zitat aus: Trierische Landeszeitung, 23. August 1969

    Ein exklusiver Wankel-Torpedo.

    Herausragendes Gesamtkonzept. Der C 111 steht für die besondere Innovationskraft und Leidenschaft der Mercedes-Benz Designer und Ingenieure. Ihr Ziel: ein Sportwagen der Superlative. Dazu entwickeln sie eine Karosserie aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die mit einem stählernen Rahmenboden vernietet und verklebt ist. Diese Technologie ermöglicht es, das Fahrzeug sehr leicht und stabil zu bauen.

    Für eine satte Straßenlage sorgt das formeltaugliche Fahrwerk, das selbst Profirennfahrer überzeugt. Befeuert wird die 300 km/h schnelle zweite Version dieses Donnerkeils von einem 350 PS (257 kW) starken Vierscheiben-Wankelmotor. Seine turbinenartige Charakteristik und die unglaublichen Leistungswerte machen das Konzept perfekt. Ziel erreicht.

    Zitat aus: Linzer Volksblatt, 23. August 1969

    Das Auto, das den Atem nimmt.

    Richtungsweisendes Design. Mit den charakteristischen Flügeltüren schreibt Mercedes-Benz Automobilgeschichte. Als erster Sportwagen besitzt der 300 SL „Gullwing“ dieses spektakuläre Designmerkmal, das der C 111 weiterführt. Sein eigenständiges und markantes Erscheinungsbild ist unverwechselbar und noch heute modern. Zusammen mit der auffälligen Lackierung – die Farbbezeichnung lautet

    Weißherbstmetallic – spricht das Design die Sprache der Supersportwagen. Funktionaler, aber nicht unbedingt weniger auffällig geht es im Innenraum zu: konturierte Schalensitze, ein ausgerichtetes Armaturenbrett und zahlreiche Anzeigeninstrumente machen deutlich, dass hier der Fahrer den Ton angibt.

    Zitat aus: DAZ, 20/69

    Jetzt noch schneller, noch stärker.

    Beflügelte Erscheinung. Die Präsentation des C 111 und sein rasanter Aufstieg zur Stilikone locken schnell die Kunden an. Das Experimentalfahrzeug, mit dem Mercedes-Benz innovative Technologien erprobt und bis zur Serienreife entwickelt, verkörpert Sportlichkeit, Fortschritt und Zukunftsvisionen

    wie kein anderes Automobil seiner Zeit. Und die Aura dieses Supersportwagens strahlt bis in die Gegenwart – noch immer berichten Fachpresse und Lifestylemedien über diese automobile Ausnahmeerscheinung. Eines ist das Traumauto jedoch nicht und wird es nie sein: käuflich zu erwerben.

    Zitat aus: Motor-Rundschau + Kritik, 6/70

    Technische Daten.

    Typ Mercedes-Benz C 111/ II
    Baujahr 1970
    Motor Vierscheiben-Wankelmotor
    Gesamthubraum Kammervolumen 4 x 600 ccm
    Leistung 350 PS 257 kW bei 7000 /min
    Beschleunigung 4,8 s von 0 auf 100 km/h
    Höchstgeschwindigkeit 300 km/h
    Radstand 2.620 mm
    Länge x Breite x Höhe 4.440 x 1.800 x 1.120 mm
    Drehmoment 40 mkg bei 4000 - 5500 /min

    Shapely Sports Machine.

    Zitat aus: The Evening Post (Wellington), 21. August 1969

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