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  • Mercedes-Benz Classic bei Solitude Revival 2017.
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    Mercedes-Benz Classic bei Solitude Revival 2017.

    Rennsport-Feeling vor den Toren Stuttgarts.

S feiert Geburtstag.

So eine schwungvolle Geburtstagsparty würde man jedem Neunzigjährigen wünschen. Sein Name lautet knapp und einfach S. Davor gehört noch der Markenname Mercedes-Benz, und schon wird die Sache klar: 1927 stellt die Marke ihr neues sportliches Spitzenmodell vor, den Typ S. Er ist der erste Vertreter einer Reihe von Kompressorfahrzeugen, die als „Weiße Elefanten“ den Motorsport der späten 1920er-Jahre dominieren und darüber Weltruhm erlangen werden. Weiß, weil das die damalige Rennfarbe Deutschlands im Motorsport ist, bevor sie 1934 von Silber abgelöst wird.

1927 der Oberhammer und heute sowieso: Mercedes-Benz Typ S.

Sechszylinder mit Kompressor: Leistung satt in allen Lebenslagen.

Der Oberhammer.

Die weiteren Analogien zum Dickhäuter: Die enorme Größe des Typ S, und wenn losgelassen, stürmt er so mächtig voran, dass man sich ihm besser nicht in den Weg stellt. Erst recht nicht, wenn sich ein Trompeten ins Motorgeräusch des Sechszylinders mischt. Denn dann hat der Fahrer per Durchtreten des Gaspedals den Kompressor aktiviert, und der mechanische Lader liefert zusätzliche Kraft für zusätzliche Beschleunigung. Insgesamt 132 kW (180 PS) stellt der 6,8-Liter-Motor dann zur Verfügung. 1927 war das eine mehr als echte Ansage: Der Mercedes-Benz Typ S war schlichtweg der Oberhammer. Und entsprechend holte er bei internationalen Rennen Sieg um Sieg.

11,7 Kilometer feinste Strecke.

Quasi ein Hammer ist auch das Solitude Revival 2017 – ein ganz besonderes Festival rund um alte Motorfahrzeuge und insbesondere solche mit Rennsportbezug. „Wir stellen historisches Kulturgut auf einer historischen Strecke dar“, ruft der Streckensprecher durch die Lautsprecheranlage. Kenner nennen den Kurs vor den Toren Stuttgarts kurz „die Solitude“, und klar, sie heißt so nach dem nahen württembergischen Schloss. Ab 1903 wurden auf der Solitude zunächst Motorradrennen gefahren, später kamen Autorennen hinzu, und nach dem Zweiten Weltkrieg war sogar die Formel 1 zu Gast und brachte internationales Flair. 1965 war dann Schluss – zum großen Bedauern vieler Motorsportfans. Das Solitude Revival lässt die großartige Zeit von damals stimmungsvoll wieder aufleben. Auf der originalen, letzten Strecke von 11,7 Kilometer Länge, die jetzt für historische Rennfahrzeuge verschiedener Epochen geöffnet ist.

Fein ausgestattet: das Interieur des Typ S.

Den Querkräften trotzen: Der massige Mercedes-Benz rollt das Feld auf.


Mit 120 km/h im Wind.

Der Fahrtwind prallt vollkommen ungehindert auf Fahrer und Beifahrer. So also fühlen sich gut 120 km/h an, wenn sie pur sein dürfen. Es braust und zerrt und zaust. Sicher, beide Personen tragen Helme. Doch die Windschutzscheibe ist flachgelegt, wie es früher üblich war, um möglichst wenig Widerstand zu bieten. Jochen Mass arbeitet sich durch die Gänge des Typ S. Ehrfurcht vor dem fast 90 Jahre alten Auto mit der Startnummer 303? „Natürlich“, ruft er gegen das Brausen an, „man muss mit viel Gefühl und auch Achtung fahren. Aber es ist und bleibt ein Fahrzeug, das bewegt werden will.“ Spricht’s und tritt das Gaspedal voll durch, und mit seinem markanten Arbeitsgeräusch schaltet der Kompressor dazu.


Packende Bilder.

Vorher schon war der Hochleistungswagen nicht langsam unterwegs, doch in den weiten Kurven zurück in Richtung Start-Ziel-Gerade geht noch was. Der frühere Formel-1-Pilot und Le-Mans-Sieger will es hier ein wenig mehr wissen – und bleibt zum Wohle von Fahrzeug und Mitfahrern doch weit vor jeglichem Limit. Dennoch, der Beifahrer hält sich fest, und der Kameramann auf der Rücksitzbank stemmt sich ebenfalls tapfer gegen die erheblichen Querkräfte und dreht dabei noch packende Bilder.

Freie Strecke: Mit bis zu 120km/h durchs Mahdental.

Solitude Revival 2017: Das ist wieder einmal historischer Motorsport zum Anfassen.


Schnell und gezielt lenken.

Fast entspannt sieht es aus, wie Mass am riesigen Lenkrad sitzt und den langen Schalthebel bedient. Dabei ist es echter Sport, denn die aufzubringenden Kräfte sind erheblich, um den schweren Tourensportwagen sicher und zugleich flüssig durch alle Kurven und Kehren zu bringen. Und Mass ist Profi genug, um die Konzentration ständig voll im Gesamtgeschehen zu haben. Und das ist gut so. Denn auf der Rennstrecke sind die anderen Teilnehmer zwar alle zivilisiert unterwegs, doch manchmal wird halt doch knapp gefahren. So, wie an dieser Verzögerungsstelle, die Tempo herausnehmen soll.


Ein Routinier bei der Arbeit.

Alles läuft gut – bis vielleicht doch zwei, drei Rennflundern zu viel den massigen Typ S überholt haben und sich vor ihn gesetzt haben. Sein Bremsweg wird knapp. Mass zögert keine Zehntelsekunde und weicht mit schnellen und gezielten Lenkbewegungen über den einzigen und winzigen Ausweg aus und setzt den weißen Elefanten wieder sanft ins Feld. Wie gut, dass hier ein Routinier bei der Arbeit ist.

Routinier bei der Arbeit: Der ehemalige Formel-1-Rennfahrer und Le-Mans-Gewinner Jochen Mass pilotiert den „Weißen Elefanten“.

Ganz vorn: Der Mercedes-Stern zeigt damals wie heute seine zeitlose Ästhetik.


„Rund um die Solitude“ 1927.

Der Mercedes-Benz Typ S erlebt seine Rennpremiere im Juni 1927 auf dem Nürburgring. Beim Eröffnungsrennen der Eifelstrecke belegt er die ersten beiden Plätze. Kurze Zeit später gibt er in Stuttgart ebenfalls ein fulminantes Gastspiel: Im Wettbewerb „Rund um die Solitude“ am 18. September 1927 gewinnt Otto Merz die Klasse der Rennwagen über 3 Liter Hubraum und Willy Walb jene der Sportwagen über 5 Liter Hubraum. Das wird beim Solitude Revival 2017 gefeiert. Mögen die anderen Fahrzeuge rundherum jünger und schneller sein: „Unser“ Typ S, Baujahr 1928, ist zwar das älteste Auto im Feld, doch immens rüstig mischt es auf dem Rundkurs mit. Kein Berg ist ihm auf der anspruchsvollen Strecke zu steil und keine Kurve zu eng.


Sorgfalt und Sicherheit als Gebot.

Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht. Denn dass dieses Monument der Technikgeschichte so aktiv in seiner einstigen Domäne wildern kann, erfordert eine sorgfältige Wartung und sachkundigen Erhalt. Dafür steht das Mercedes-Benz Classic Center mit seinen begnadeten Mechanikern. Michael Plag ist einer von ihnen und seit vielen Jahren dabei, er checkt den Typ S umgehend in einer Solitude-Pause durch. „Alles in Ordnung“, sagt er zufrieden und schaut noch nach der Bremse. „Diese ist neben Lenkung und Rädern für die Sicherheit am wichtigsten, und wir gehen da keine Kompromisse ein.“ Diese Komponenten müssen stets absolut in Ordnung sein. „Lieber tauschen wir ein Teil früher als geplant, um keinerlei Risiko einzugehen.“ Eine gute Strategie, wie der kleine Zwischenfall eben auf der Strecke gezeigt hat.

Sorgfältige Wartung sind ein A und O: Michael Plag checkt den Typ S durch.

Begehrte Unterschrift: Gern erfüllt Dieter Glemser die Autogrammwünsche der Fans.


Rennfahrer erfreuen Fans.

Neben Jochen Mass hat Mercedes-Benz Classic noch zwei weitere Markenbotschafter mitgebracht: Dieter Glemser und Hans Herrmann. Herrmann hält einen nach wie vor gültigen Rundenrekord: „Am 12. Oktober 1953 bin ich auf exakt dieser Rundstrecke, die fürs Solitude Revival wiederbelebt wurde, bei Probe- und Trainingsfahrten mit dem 300 SL Rennsportwagen die schnellste Runde gefahren: 4 Minuten und 52 Sekunden für die 11,7 Kilometer“, berichtet Hermann. „Ich war schneller als erheblich erfahrenere Fahrer. Das hat mich endgültig qualifiziert, zur Saison 1954 ins Silberpfeil-Werksteam aufgenommen zu werden.“ Nach dieser brillanten Leistung notiert der damalige Rennleiter Alfred Neubauer: „Überraschend wiederum war die Fahrleistung unseres Nachwuchsfahrers Hans Herrmann, der Einzige, der die Fünf-Minuten-Grenze unterschritt und den offiziellen Rundenrekord von Motorradfahrer Kavanagh schlug.“


Rote Glanzstücke am Eingang.

Das Solitude Revival würdigt auch diese außergewöhnliche Schnellfahrt des Stuttgarter Rennfahrers Hans Herrmann. Mercedes-Benz ist eben eng mit dieser Strecke verbunden und nimmt als Sponsor bei diesem Klassiker-Event auch Sicherungs-Aufgaben wahr: Der Rennfahrer Jan Seyffarth pilotiert ein originales Safety Car der DTM aus der Baureihenfamilie Mercedes-AMG GT (Kraftstoffverbrauch kombiniert: 11,4-9,3 l/100 km, CO2-Emissionen kombiniert: 259-216 g/km*). Ohnehin, AMG: Die Performance-Marke feiert in diesem Jahr den fünfzigsten Geburtstag und hat unter anderem einen originalgetreuen Nachbau des berühmten Rennwagens AMG 300 SEL 6.8 aus dem Jahr 1971 mitgebracht, der damals beim 24-Stunden-Rennen in Spa-Francorchamps brillierte und AMG in die Schlagzeilen brachte.


Gleich hinter dem Eingang zum Solitude begrüßt das beeindruckende rote Glanzstück. Außerdem auf dem Gelände vertreten: ALL TIME STARS, der Fahrzeughandel von Mercedes-Benz Classic. Er präsentiert einen seltenen 190 E 2.5-16 Evolution II sowie einen SL und einen SLK Sportwagen – alle drei in herausragendem Zustand und damit echte Schmankerl für jeden Sammler.

Nähere Informationen zum Erwerb des Fahrzeuges gibt es hier.


Auch auf der Solitude bei der Arbeit: Originales Safety Car der DTM – von Mercedes-AMG, mit Jan Seyffarth am Steuer.

Mehr als zehntausend Zuschauer.

Unzählige motorisierte Klassiker, Motorenlärm, der Duft von Benzin und vor allem viel historisches Rennsport-Feeling für die mehr als 300 Teilnehmer und die mehr als zehntausend Zuschauer während der zweieinhalb Tage: Das ist das Solitude Revival. Dicht an dicht säumen die Fans die Rennstrecke. Im Fahrerlager kommen sie sogar fast auf Tuchfühlung mit den berühmten Fahrzeugen und Fahrern. Natürlich sind auch andere Marken präsent, Porsche beispielsweise ebenfalls mit diversen Sportwagen und Rennautos. Alle zwei Jahre findet das Event derzeit statt. Wer so lange nicht warten kann oder will, um die legendären Mercedes-Benz Fahrzeuge der S-Reihe wieder in Aktion zu erleben, dem sei zugerufen: Bei den Classic Days Schloss Dyck vom 4. bis 6. August 2017 starten die Typen SS und SSK, die 1928 aus dem Typ S entstanden sind. Auf Wiedersehen im Rheinland.