Blauflügler.

Mercedes-Benz Classic Kalender 2015
  • Classic Kalender 2015 – April

  • Blauflügler.

    Im Mercedes-Benz Classic Service Center kam bei einer Restaurierung ein UNIKAT zutage: ein 300 SL mit Aluminium-Karosserie in Farbe Bayerisch Blau.

    Bayerisch Blau ist eine besondere Farbe. Es ist das Blau im Rautenwappen des süddeutschen Freistaats. Es ist das Blau über den Allgäuer Alpen und über Schloss Neuschwanstein, wenn der Wind überraschend die Wolken auseinandertreibt und mit einem Mal den Blick auf den Himmel freigibt. Bayerisch Blau war auch für Adrian Gattiker, einen 55-jährigen Unternehmer und Besitzer eines 1955 gebauten Mercedes-Benz 300 SL, eine überraschende Farbe. Denn bis er sich entschloss, den Wagen im Mercedes-Benz Classic Service Center Fellbach von Grund auf restaurieren zu lassen, war er Besitzer eines rot lackierten Mercedes-Benz 300 SL gewesen.

    Die Sonderfarbe DB 374, die in den 1950er-Jahren nur für wenige Mercedes-Benz Pkw Verwendung fand, war nicht die einzige Überraschung für den Schweizer Adrian Gattiker, der den 300 SL mit der Fahrgestellnummer 198 043-55 00441 im Mai 2008 von seinen Vorbesitzern, einem Architektenehepaar aus Gstaad, übernommen hatte. Auf Überraschung Nummer zwei war der Besitzer allerdings vorbereitet, denn die Fahrgestellnummer seines Wagens wies darauf hin, dass es sich bei diesem Fahrzeug um eines von nur 29 Coupés der Baureihe W 198 handelte, die seinerzeit eine Karosserie aus Aluminium statt eines Stahlblechkleids auf den Gitterrohrrahmen geschneidert bekamen.

    Die beim Mercedes-Benz Classic Service Center in Auftrag gegebene Expertise, die der Vollrestaurierung vorausging, bestätigte diese Vermutung: Gattikers 300 SL ist ein Alu-Flügeltürer. Die Sonderkarosserie war im Juni 1954 vom Technischen Direktor Fritz Nallinger „auf Wunsch des Exports“ in einer Kleinserie von zehn Stück zur Produktion freigegeben worden. Im Januar 1955 beantragte Entwicklungs- und Motorsportchef Rudolf Uhlenhaut, die Stückzahl auf 25 zu erhöhen, um mit den leichteren Alu-300 SL in der Seriensportwagenklasse konkurrenzfähig zu sein. Insgesamt wurden schließlich 29 Coupés mit Leichtmetallaufbau gefertigt: 26 Stück im Jahr 1955, drei weitere im Jahr 1956.

    Bis zur zehn Monate dauernden Restaurierung in Fellbach war Adrian Gattikers Flügeltürer allerdings mit einer der schwereren Stahlkarosserien unterwegs: Der originale Aufbau war bereits 1956 – vermutlich infolge eines Unfalls – durch eine Werkskarosserie ersetzt worden, deren Herstellernummer ebenfalls in den Mercedes-Benz Classic Archiven dokumentiert ist. Völlig lückenlos lässt sich die Vita dieses einzigartigen 300 SL allerdings nicht mehr rekonstruieren. Das Fahrzeug in Leichtmetallausführung, Sonderlackierung Hochglanz, Motor mit Sonderteilen BA 10018, Scheibenrädern mit Rudge-Naben, gehörnten Stoßstangen sowie einem Satz Koff er war zur Auslieferung nach Georgetown/Britisch Guayana vorgesehen.

    1956 Karosserie ersetzt.

    Das Werk verlassen hat der Wagen am 23. Juni 1955 laut Archiv-Aufzeichnungen „p. Achse durch Kunden“. Allerdings wurde er wohl nie nach Übersee, sondern direkt in die Schweiz gebracht, wo er in Genf verzollt worden ist. In der Schweiz ist dann auch im folgenden Jahr die Aluminium-Karosserie durch den Stahlaufbau ersetzt worden, der rot lackiert wurde. Und so zeigten sich erst nach Beginn der Restaurierung im Frühsommer 2013 an der freigelegten Instrumententafel Spuren des Originallacks. Schnell kamen der Besitzer und Mercedes-Benz Classic Projektleiter Michael Plag überein, die Originalfarbe zu rekonstruieren. Nicht nur, dass sie diesen Flügel-türer zu einem einzigartigen Exemplar macht: Adrian Gattiker empfi ndet sie vor allem als „unglaublich schön“. Auch eine weitere wichtige Entscheidung trafen der Besitzer und die Experten des  Mercedes-Benz Classic Service Centers in Übereinstimmung: Der Flügeltürer sollte wieder eine Aluminium-Karosserie wie im Auslieferungszustand bekommen. Zwar war es Adrian Gattiker nach langer Suche gelungen, die originale Aluminium-Karosserie zu finden, die sein Wagen einst hatte.

    Doch hatte sie 45 Jahre lang in einer Scheune geschlummert und war nicht mehr verwendungsfähig. Sie ziert nun Gattikers Garagenwand, während für das Chassis eine Karosserie nachgefertigt wurde – in Blechstärke, Sicken, Nieten und Versteifungen identisch mit dem Original.

    Ein besonderes Kunststück ist an der Instrumententafel gelungen: Ein auf Kunstrestaurierungen spezialisierter Betrieb hat in wochenlanger Handarbeit die im Jahr 1956 lackierten Schichten entfernt und den Originallack DB 374 Bayerisch Blau freigelegt.

    Nur zehn Monate Zeit.

    Während die Karosserie entstand, arbeitete die Werkstatt einen ehrgeizigen Zeitplan ab: Binnen zehn Monaten – pünktlich zum Debüt bei der Mille Miglia im Mai 2014 – sollte der Wagen von Grund auf restauriert werden. Dazu wurde der Flügeltürer zunächst komplett zerlegt und das Chassis Stück für Stück geprüft. Motor und Getriebe wurden überarbeitet; der Motorblock erhielt eine spezielle Honung, die Einspritzanlage wurde auf sportliche Einsätze hin optimiert. Beim Aufarbeiten des Fahrwerks fanden Sportstoßdämpfer sowie Federn, die auf das geringere Gewicht der Leichtmetallkarosserie abgestimmt sind, Verwendung. Adrian Gattikers Wunsch war es, dass seinem Fahrzeug die fast 60 Jahre Auto-Leben ablesbar sein dürfen. So wurden in Abstimmung mit den Experten des Classic Service Centers Gebrauchsspuren sichtbar belassen, wo sie die Funktionssicherheit des SL nicht beeinträchtigen.

    Nur zehn Monate Zeit.

    Während die Karosserie entstand, arbeitete die Werkstatt einen ehrgeizigen Zeitplan ab: Binnen zehn Monaten – pünktlich zum Debüt bei der Mille Miglia im Mai 2014 – sollte der Wagen von Grund auf restauriert werden. Dazu wurde der Flügeltürer zunächst komplett zerlegt und das Chassis Stück für Stück geprüft. Motor und Getriebe wurden überarbeitet; der Motorblock erhielt eine spezielle Honung, die Einspritzanlage wurde auf sportliche Einsätze hin optimiert. Beim Aufarbeiten des Fahrwerks fanden Sportstoßdämpfer sowie Federn, die auf das geringere Gewicht der Leichtmetallkarosserie abgestimmt sind, Verwendung. Adrian Gattikers Wunsch war es, dass seinem Fahrzeug die fast 60 Jahre Auto-Leben ablesbar sein dürfen. So wurden in Abstimmung mit den Experten des Classic Service Centers Gebrauchsspuren sichtbar belassen, wo sie die Funktionssicherheit des SL nicht beeinträchtigen.

    Ein besonderes Kunststück ist an der Instrumententafel gelungen: Ein auf Kunstrestaurierungen spezialisierter Betrieb hat in wochenlanger Handarbeit die im Jahr 1956 lackierten Schichten entfernt und den Originallack DB 374 Bayerisch Blau freigelegt.

    Debüt bei Mille Miglia 2014.

    Anhand von Proben an dieser Stelle wurde schließlich auch der strahlend blaue Lack rekonstruiert, den Gattikers 300 SL seit der Restaurierung wieder trägt. Adrian Gattiker zeigte sich nach den ersten Fahreindrücken und den 1700 Kilometern der Mille Miglia 2014 beeindruckt: „Man sitzt viele Stunden im Auto und bleibt doch konzentriert, steigt nicht erschöpft aus.“ Genau das war seinerzeit das Konzept des Sportwagens 300 SL: die perfekte Synthese aus Motorleistung, Langstreckenkomfort, Aerodynamik und Zuverlässigkeit.

    So will ihm auch sein Besitzer gerecht werden: „Der Wagen gehört auf die Straße – mit allem Respekt für dieses herrlich restaurierte Unikat.“

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