Back
Back
Mercedes-Benz: Der „weiße Elefant“.

Die Siegesserie der „weißen Elefanten“.

Im Jahrzehnt vor den ersten Silberpfeilen macht Mercedes-Benz mit den legendär gewordenen Kompressor-Sportwagen Furore.

  • Die Siegesserie der „weißen Elefanten“.

  • Mercedes-Benz: Skizze Kompressormotor.

    Daimler „erfindet“ den Kompressor.

    Die Vorgeschichte der „weißen Elefanten“ und ihrer Motorsporterfolge beginnt 1919. Paul Daimler, der Sohn des Unternehmensgründers Gottlieb Daimler, beginnt mit ersten Versuchen, die Leistung von Automobilmotoren durch Kompressoren zu steigern. Die Technik stammt aus dem Flugmotorenbau. In der sauerstoffarmen Höhenluft wurden Kompressoren verwendet , um genügend Verbrennungsluft zu den Zylindern zu schaufeln. Am Boden verspricht Daimler sich vom Kompressormotor effektivere Verbrennung des Luft-Kraftstoff-Gemischs und damit mehr Leistung. Die ersten Daimler-Kompressormodelle mit 1,5 Liter- und 2,6 Liter-Vierzylindermotoren werden 1921 vorgestellt und von 1922 an in Serie produziert. Als Kompressor kommen Drehflügelgebläse zum Einsatz, die die Gebrüder Roots 1860 in den USA ursprünglich als Winderzeuger für Hochöfen erdacht hatten.

    Mit Kompressor-Power zum Sieg.

    Zum Urvater der späteren Siegerfahrzeuge wird der Sechszylindertyp Mercedes 24/100/140 PS von 1924, ab 1928 etwas griffiger als Typ 630 bezeichnet. In der ursprünglichen aus drei Zahlen bestehenden Bezeichnung steht die erste Zahl für die sogenannten „Steuer-PS“, eine Angabe, die sich nur vom steuerlich relevanten Hubraum ableitet und in diesem Fall einen Wert von 6,3 Litern bedeutet. Die zweite Zahl steht für die Motorleistung ohne Kompressor, die dritte für die PS-Leistung mit eingeschaltetem Gebläse. Rudolf Caracciola (1901-1959, hier am Steuer) beginnt seine Karriere mit dem 1,5-Liter-Vierzylindertyp und erzielt ab 1925 auch mit den hubraumstarken Sechszylindermodellen Motorsporterfolge.

    Mercedes-Benz.

    Auf dem Beifahrersitz der etwa zehn Jahre ältere Christian Werner, vielfach siegreicher Werksrennfahrer jener Epoche, zu dessen spektakulärsten Erfolgen der Sieg bei der Targa Florio 1924 gehört.

    Mercedes-Benz: Typ 630.

    Kürzer, wendiger, schneller.

    Der Typ 630 war noch ein Tourenwagen, der sich mit bis zu 140 PS Leistung (bei Einsatz des Kompressors; dieser schaltet sich zu, wenn das Gaspedal ganz durchgetreten wird) auch für sportliche Einsätze eignete. 1926 entsteht mit dem daraus abgeleiteten 24/100/140 PS Modell K ein besonders sportliches Modell, das als seinerzeit schnellster Tourenwagen der Welt deutlicher auf den Rennsport zugeschnitten ist. Der Motor mit der komplizierten Bezeichnung M 9456 bleibt im Hubraum von 6,3 Litern unverändert, die Leistung steigt dank höherer Verdichtung und Doppelzündung auf bis zu 160 PS. Radstand und Gesamtlänge sind kürzer, was den Wagen wendiger macht.

    Das „K“ in der Typenbezeichnung steht für „kurz“ und deutet nicht etwa auf den Kompressor hin. Mit 4,74 Meter Länge und bis zu 2600 Kilogramm Gesamtgewicht erfordern die Rennsport-Tourenwagen gleichwohl exzellente Männer am Steuer. Rudolf Caracciola, über mehr als ein Jahrzehnt der erfolgreichste Mercedes-Werksfahrer und einer der größten Rennfahrer aller Zeiten, steuert seinen Mercedes Modell K beim Semmering-Rennen 1926 mit der besten Zeit der Tourenwagen zum Klassensieg. Zu dieser Zeit, nach der Ende Juni 1926 erfolgten Fusion zur Daimler-Benz AG, wird das Modell K bereits unter der neuen Markenbezeichnung Mercedes-Benz angeboten.

    Mercedes-Benz: Kompressor-Typ S.

    Paukenschlag am Nürburgring.

    Es ist eine doppelte Premiere: Am 19. Juni 1927 wird nach zweijähriger Bauzeit der Nürburgring in der Eifel mit einem Automobilrennen eröffnet. Der als „Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke“ konzipierte Rundkurs auf nicht-öffentlichen Fahrbahnen ist 28 Kilometer lang, gespickt mit Kurven, Steigungen und Gefällen und laut Aussage von Rudolf Caracciola nach ersten Testfahrten „bärig schwer“. Mercedes-Benz tritt an diesem Tag erstmals mit dem neuen Kompressor-Typ S an. Der Name ist Programm: Das S steht für „Sport“.

    Der Typ S.

    Auf 6,8 Liter Hubraum gesteigert, leistet der Typ S mit Kompressor nun 180 PS, die Höchstgeschwindigkeit ist mit 176 km/h angegeben. Die Startaufstellung zeigt die Unterschiede zum Vorgänger: Vorn stehen die beiden neuen Typ S Renntourenwagen von Caracciola (Startnummer 1) und Adolf Rosenberger (Startnummer 2), dahinter ein Modell K des Vorjahres. Der Typ S hat dank neu konstruiertem Rahmen einen niedrigeren Schwerpunkt und ermöglicht einen souveränen Doppelsieg von Caracciola vor Rosenberger. Von Mosch auf Modell K wird Dritter.

    Mercedes-Benz: Nürburgring.
    Mercedes-Benz: Gebirge.

    Die „weißen Elefanten“.

    Für den Typ S bürgert sich rasch der ehrfürchtige Name „weißer Elefant“ ein, den auch seine Weiterentwicklungen tragen werden. Weiß ist die international gebräuchliche Rennfarbe deutscher Marken. Der Mercedes-Benz Typ S ist zwar von mächtigerer Statur als die leichtere Konkurrenz, doch noch mächtiger ist die Leistung der Sechszylindermotoren. Das ohrenbetäubende Heulen der Kompressoren bei voller Fahrt tut ein Übriges, um Publikum und Wettbewerber zu beeindrucken. Zwar gibt es in den 1920er-Jahren Grand-Prix-Rennformeln, doch passen deren Gewichts- und Hubraumlimits nicht zu den über zwei Tonnen schweren Mercedes-Benz Rennsportwagen. Man tritt deshalb in den Sportwagen- und Tourenwagen-Klassements an. Reine Formel-Rennwagen bringt Mercedes-Benz in dieser Ära nicht an den Start –der Typ S und seine Nachfolger werden auch als Kundenfahrzeuge angeboten, allerdings nicht ganz so leistungsstark wie die Werksrennwagen mit ihren besonders großvolumigen Roots-Gebläsen. Im August 1927 ist Rudolf Caracciola auf Typ S auch beim Klausenpass-Rennen in der Schweiz siegreich.

    Mercedes-Benz: Typ S.
    Mercedes-Benz: Ziellinie.

    Von Sport zu Super-Sport.

    Nur ein Jahr nach dem Debüt des Typs S steht ein noch stärkeres Modell in den Startaufstellungen der großen Rennen: der Typ SS („Super-Sport“). Mercedes-Benz hat zwischenzeitlich Baureihenbezeichnungen nach dem bis heute gültigen Muster eingeführt: Der Typ SS ist der Baureihe W 06 zugeordnet; der Motor trägt die Bezeichnung M 06.

    Durch größere Zylinderbohrungen ist der Hubraum auf 7,1 Liter gewachsen. Die bis zu 200 PS (als Werksrennwagen bis zu 250 Kompressor-PS) starken neuen Renner dominieren am 15. Juli 1928 den Großen Preis von Deutschland für Sportwagen: Mercedes-Benz setzt auf dem Nürburgring fünf Werkswagen ein, und der Typ SS fährt auf die ersten drei Plätze. Sieger wird das Team Rudolf Caracciola und Christian Werner, die sich beim Hitzerennen das Cockpit teilen. Auf dem Platz neben dem Fahrer sitzt, wie in dieser Rennklasse üblich, ein Mechaniker.

    Mercedes-Benz: Typ SS.

    Die Bergkönige.

    Bergrennen sind in diesen Jahren beliebte Disziplinen bei Veranstaltern und Publikum. Die Strecken sind selten länger als 20 Kilometer, führen bergauf durch unzählige Kurven und Kehren. Berühmte Austragungsorte sind der Semmeringpass in Österreich, der Klausenpass in der Schweiz und die Schauinslandstraße in Deutschland. In dieser Spezialdisziplin kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. 

    Wendigkeit und Leistung des SSK machen ihn vielfältig einsetzbar.

    Nahezu zeitgleich mit dem SS entsteht bei Mercedes-Benz für solche Einsätze der wendige Typ SSK („Super-Sport-Kurz“), der bei identischer Motorleistung kürzer und leichter ist als der Typ SS. Rudolf Caracciola gewinnt 1928 mit dem SSK etliche Bergrennen, so bereits den ersten Renneinsatz des SSK beim Gabelbach-Rennen am 29. Juli und am 16. September beim traditionsreichen Semmering-Rennen. Wendigkeit und Leistung des SSK machen ihn vielfältig einsetzbar: 1929 startet Caracciola beim Großen Preis von Monaco in der Rennwagenklasse und belegt Platz drei.

    Mercedes-Benz: Kurve.

    1930 wird er gemeinsam mit Christian Werner Klassensieger bei der Mille Miglia mit Start und Ziel in Brescia.

    Mercedes-Benz: Typ SSKL.

    Finale furioso.

    1931 wird die letzte Evolutionsstufe der „weißen Elefanten“ vorgestellt: der Typ SSKL („Super-Sport-Kurz-Leicht“). Erleichterungsbohrungen am Rahmen und vielen Fahrzeugteilen reduzieren das Gewicht eines SSKL auf etwa 1350 Kilogramm, zugleich steigt die Leistung auf bis zu 300 PS.

    Es entstehen nur wenige Fahrzeuge, insgesamt wohl nur vier. Die Bezeichnung SSKL wurde nicht von Anfang an benutzt: In den Auftragsbüchern ist die Evolutionsversion noch als „SSK, Modell 1931“ registriert.

    Mercedes-Benz: SSKL Stromlinienwagen.

    SSKL Stromlinienwagen.

    Mit dem SSKL gewinnt Rudolf Caracciola 1931 als erster Nicht-Italiener die Gesamtwertung der Mille Miglia und erringt – wie schon im Vorjahr – den Titel eines Berg-Europameisters. Hans Stuck wird 1932 mit dem SSKL Bergmeister von Brasilien, und Manfred von Brauchitsch siegt mit einem SSKL Stromlinienwagen im Mai 1932 beim AVUS-Rennen in Berlin. Die Spezial-Stromlinien-Karosserie, entworfen von dem bekannten Aerodynamiker Reinhard von Koenig-Fachsenfeld, hatte der Karosseriebauer Vetter hergestellt. 1932 und 1933 tritt Mercedes aus wirtschaftlichen Gründen nicht mit einer Werks-Rennmannschaft an. Man steigt erst 1934 wieder in den Motorsport ein – die Ära der „Silberpfeile“ beginnt.

    SSKL Stromlinienwagen.

    Mit dem SSKL gewinnt Rudolf Caracciola 1931 als erster Nicht-Italiener die Gesamtwertung der Mille Miglia und erringt – wie schon im Vorjahr – den Titel eines Berg-Europameisters. Hans Stuck wird 1932 mit dem SSKL Bergmeister von Brasilien, und Manfred von Brauchitsch siegt mit einem SSKL Stromlinienwagen im Mai 1932 beim AVUS-Rennen in Berlin. Die Spezial-Stromlinien-Karosserie, entworfen von dem bekannten Aerodynamiker Reinhard von Koenig-Fachsenfeld, hatte der Karosseriebauer Vetter hergestellt. 1932 und 1933 tritt Mercedes aus wirtschaftlichen Gründen nicht mit einer Werks-Rennmannschaft an. Man steigt erst 1934 wieder in den Motorsport ein – die Ära der „Silberpfeile“ beginnt.

    Mercedes-Benz: SSKL Stromlinienwagen.

    Bildergalerie.

    Verwandte Themen.