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  • Eilige Drucksache.
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    Eilige Drucksache.

    Die Attribute Sportlichkeit und Leistung trugen bei Mercedes und Mercedes-Benz über Jahrzehnte einen klangvollen Namen: Kompressor.

Anfänge in der Flugmotorentechnik.

Sportlichkeit ist schon im Markennamen Mercedes angelegt, den die Daimler-Motoren-Gesellschaft ab 1902 verwendete. Emil Jellinek, der erste Großkunde für Daimler-Automobile, hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert die Fahrzeuge für Rennveranstaltungen in Nizza unter seinem Pseudonym „Mercédès“ angemeldet, dem Namen seiner Tochter. Aus den siegreichen Wagen wurde bald der neue Markenname abgeleitet.

Die Kompressor-Technik, welche die Mercedes-Modelle etwa 20 Jahre später einzigartig machte, brachte Paul Daimler ein, der Sohn des Unternehmensgründers Gottlieb Daimler.

Steigerung von Leistung.

Die Daimler-Motoren-Gesellschaft baute seit 1909 auch Flugzeugmotoren. 1918 wurden dabei sogenannte Roots-Gebläse – in den USA um 1860 als Winderzeuger für Hochöfen patentiert – eingesetzt, um die dünne Höhenluft zu verdichten und ein brennfähiges Gemisch für die Motoren zu erzeugen. 1919 begann Paul Daimler als Technischer Direktor des Unternehmens mit Tests, Kompressoren auch zur Steigerung von Leistung und Elastizität der Fahrzeugmotoren nutzbar zu machen. Produktionsreife Modelle stellte Daimler im September 1921 auf der Automobil-Ausstellung in Berlin vor.

Bewährungsprobe im Motorsport.

Noch bevor die Serienproduktion der neuen Modelle begann, kamen Mercedes-Wagen mit Kompressor bereits im Rennsport zum Einsatz. Beim strapaziösen Langstreckenrennen Targa Florio in Sizilien brachte Mercedes im April 1922 zwei Modelle mit der neuen Technik an den Start. Ein Sechszylinder-Mercedes 28/95 PS – das damalige Mercedes-Topmodell geht auf das Jahr 1914 zurück – war nachträglich mit einem Kompressor versehen worden. Außerdem starteten zwei komplett neu entwickelte Vierzylinder-Rennwagen mit 1,5 Liter Hubraum, deren Kompressormotor auf dem Pkw-Serienaggregat basierte und auf 65 PS Leistung gebracht wurde. Im Bild einer der Vierzylinderwagen mit den Fahrern Paul Scheef und Jakob Krauss.

Vier Zylinder mit Aufladung.

Die Serienfertigung der ersten Mercedes-Modelle, denen ein Kompressor verdichtete Ladeluft in den Vergaser schaufelte – man spricht deshalb von Aufladung –, begann 1922. Man bot zwei Modelle mit Vierzylinder-Motoren an, ein 1,6-Liter-Aggregat mit bis zu 40 PS Leistung und ein 2,6 Liter großes Aggregat, das bis zu 65 PS leistete. In einer Kleinserie von nur 18 Exemplaren entstand außerdem der besonders sportliche 6/40/65 PS (die Typenbezeichnung nennt die hubraumbezogenen sogenannten Steuer-PS sowie die tatsächliche Leistung ohne Kompressor und mit Kompressor).

Mercedes, nach der Fusion im Juli 1926 Mercedes-Benz, war damit die weltweit erste Automobilmarke mit Kompressor-Motoren und hat diese Technik in zwei Epochen der Markengeschichte kontinuierlich erfolgreich verwendet. Das sportliche Potenzial des Mercedes 6/40/65 PS bewies Rudolf Caracciola. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme aus dem Jahr 1924 war er 23 Jahre alt und errang seine ersten Siege mit diesem Kompressorwagen.

Neu entwickelte Sechszylindermodelle.

Zweieinhalb Jahre nach dem Produktionsstart der Kompressor-Modelle erneuerte Mercedes seine Modellpalette: Die Fertigung der Vierzylinder-Mittelklassemodelle endete, und fast zeitgleich wurden zwei neu entwickelte Sechszylinderwagen der Oberklasse und Luxusklasse eingeführt. Da die Inflation von 1923 die Wirtschaft massiv geschwächt hatte, waren die neuen Typen die beiden einzigen Modelle, die Mercedes bis zur Fusion mit Benz zwei Jahre später im Angebot haben würde.

Leistung aus 6,3 Litern Hubraum.

Der Typ 15/70/100 PS hatte einen Hubraum von vier Litern, der Typ 24/100/140 PS schöpfte seine Leistung aus 6,3 Litern Hubraum. Vom größeren Modell wurde 1926 eine sportliche Variante mit kürzerem Radstand entwickelt. Das Modell K (der Buchstabe stand für kurz, nicht etwa für Kompressor) war mit 145 km/h Höchstgeschwindigkeit seinerzeit der schnellste Tourenwagen der Welt. Er wurde von Privat- und Werksfahrern auch im Rennsport eingesetzt und machte rasch Furore.

Eine Legende fährt vor.

Weltweit Furore machten von 1927 an die legendären Kompressorsportwagen der S-Reihe von Mercedes-Benz. Das „S“ war Programm: Es stand für „Sport“. Mit 6,8 Liter (ab 1928 7,1 Liter) großen Sechszylinder-Kompressormotoren waren die Renn- und Tourensportwagen bei vielen Rennveranstaltungen unschlagbar. Dabei waren die Typen S, SS (Super-Sport, ab 1928) und SSK (Super-Sport-Kurz, ebenfalls ab 1928) keine reinen Rennsportmodelle: Sie waren vielmehr Teil des offiziellen Verkaufsprogramms von Mercedes-Benz.

Zwar konnten Kunden nicht die leistungsgesteigerten Versionen der Rennabteilung erwerben, doch kamen sie mit diesen Modellen in den Genuss von Fahrleistungen bis zu 200 PS – zur damaligen Zeit eine Sensation. Lediglich der 1931 in nur wenigen Exemplaren gebaute Typ SSKL mit 300 PS Leistung wurde ausschließlich im Rennsport eingesetzt und ging nicht in den Verkauf.

Stark, begehrt, schön.

Für viele Betrachter gehört der 1934 präsentierte Typ 500 K, der 1936 vom hubraumstärkeren 540 K abgelöst wurde, zu den schönsten Modellen jener Ära, speziell in der Ausführung als Spezial-Roadster. 1934 trennten sich die Wege von Rennsport- und Kundenfahrzeugen. Im Grand-Prix-Rennsport traten die Mercedes-Benz-Silberpfeile der 750-Kilogramm-Formel ihren Siegeszug an. Leistungshungrige Kunden konnten mit dem 500 K ein Achtzylinder-Kompressormodell erwerben, das aus fünf Litern Hubraum bis zu 160 PS Leistung und hohe Laufruhe schöpfte.

„K“ für Kompressor.

Zunächst wurde das Modell als „Typ 500 mit Kompressor“ vorgestellt. Der Zusatz war erforderlich, da Mercedes-Benz zeitgleich auch den Typ 500 Nürburg (ohne Kompressor) im Programm hatte. Zur prägnanten Unterscheidung bürgerte sich dann das nachgestellte „K“ ein, das beim Nachfolger 540 K (5,4 Liter Hubraum, bis zu 180 PS) von Beginn an offiziell verwendet wurde. Nur bei diesen beiden Modellen steht das „K“ für Kompressor; zuvor hatte „K“ stets Versionen mit kurzem Radstand gekennzeichnet.

Staatstragend.

Bei Repräsentationsfahrzeugen spricht man in der Regel nicht über Leistung. Man setzt sie voraus. Dies gilt auch für den 1930 vorgestellten Typ 770, der auch als „Großer Mercedes“ bezeichnet wurde. Die Karosse für Regierende und Lenker von Finanzwelt und Industrie gehört zu den Kompressor-Typen, die den Ruf der Marke Mercedes-Benz nachhaltig geprägt haben. Zwar war der 7,7 Liter große Achtzylinder-Antrieb des Typs 770 (W 07) von 1930 bis 1938 auch ohne Kompressor erhältlich, doch entschieden sich nur knapp zehn Prozent der Kunden für diese Variante. Der 1938 präsentierte Nachfolger gleichen Namens (W 150) war dann ausschließlich mit Kompressor erhältlich und leistete bis zu 230 PS.

Kriegsbedingtes Ende.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte die weitere Entwicklung von Kompressorwagen bei Mercedes-Benz. Die letzten Fahrzeuge des Typs 770 wurden 1943 hergestellt. Von dem hier als Designmodell gezeigten Repräsentationswagen mit 6-Liter-V12-Motor (W 157) entstanden 1941 nur ein paar Prototypen. Dieses Modell war zusammen mit einer Variante mit kürzerem Radstand als Nachfolger der Typen 770 und 540 K in Vorbereitung.

Neustart in C-Klasse und SLK, Karriere bei AMG.

Mehr als 50 Jahre später trug wieder ein Mercedes-Benz Modell die legendäre Bezeichnung Kompressor. Und zwar gut sichtbar und ausgeschrieben auf dem Heckdeckel. Im September 1995 aktualisierte Mercedes-Benz die C-Klasse Baureihe 202 und sorgte dabei mit dem Typ 230 Kompressor für Aufsehen. Dabei hatten die Verantwortlichen bereits den kompakten Roadster Mercedes-Benz SLK im Blick, der ein halbes Jahr später präsentiert werden sollte. Zeitgleich ging ein kleinerer Zwei-Liter-Kompressormotor in Produktion, zunächst für Exportmodelle, der später in allen Märkten zum Einsatz kam.

Anders als bei den historischen Kompressor-Typen hatte die Technik nun die Aufgabe, hubraumkleinen Vierzylinder-Aggregaten zu einem höheren Drehmoment über einen breiten Drehzahlbereich und damit zu gleichmäßiger Leistungsentfaltung zu verhelfen. Verbrauch und Schadstoffemissionen sollten trotz höherer Leistung nicht nachteilig beeinflusst werden. Das Kompressor-Konzept war erfolgreich und kam in den C-Klasse-Baureihen 202, 203 und 204, den SLK-Baureihen 170 und 171, den E-Klasse-Baureihen 210 und 211 sowie den CLK-Baureihen 208 und 209 zum Einsatz.

Großvolumige Motoren noch stärker machen.

Doch auch nach der Wende zum 21. Jahrhundert hat die Kompressortechnik bei Mercedes-Benz wie schon in der Vergangenheit dem Zweck gedient, großvolumige Motoren noch stärker zu machen. AMG, seit 1999 als Mercedes-AMG GmbH zum Daimler-Konzern gehörend, bot unter der Typbezeichnung „55 AMG“ etliche Mercedes-Benz Modelle mit einem kompressorgeladenen, 5,5 Liter großen V8-Zylinder an, der Leistungen um die 500 PS ermöglichte. Letztes AMG-Kompressormodell war der G 55 AMG, der bis 2012 im Angebot war. Seither greifen Mercedes-Benz und Mercedes-AMG bei erhöhtem Leistungsbedarf zu Abgasturboladern, die noch effizienter arbeiten und seit 2011 die Kompressoren abgelöst haben.