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  • : Im Jahre 1963 wurde der Mercedes-Benz 600 (W 100) vorgestellt. Ab Mitte der 1960er Jahre zog er als Staatslimousine in viele Regierungen weltweit ein.
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    Faszination Mercedes Panzerfahrzeuge.

    Historie der Mercedes-Benz Guard Fahrzeuge.

Völkerverständigung.

Sie sehen auf den ersten Blick aus wie ganz normale Limousinen und sind doch rollende Trutzburgen, geschützte Kommandozentralen auf schusssicheren Reifen. Kein Autohersteller hat mehr Erfahrung mit Sonderschutzfahrzeugen als Mercedes-Benz. Dabei gelten der Mercedes-Benz 600 Pullman und seine Nachfolger bis heute als die Staatslimousine schlechthin.


Auch Queen Elisabeth II. fuhr mit einem Mercedes-Benz unterwegs.
Mercedes W 148 Panzerfahrzeug.

Sonderschutzfahrzeuge seit 90 Jahren.

Gekrönte Häupter, Regierungschefs, hochrangige Politiker oder Größen aus der internationalen Wirtschaft – sie alle ließen und lassen sich im Alltag mit besonders geschützten Fahrzeugen durch ihr Tagwerk chauffieren. Für die Daimler AG ist das Geschäft mit den Sonderschutzfahrzeugen seit rund 90 Jahren lebensrettender Alltag. Die Angriffe auf die geschützten Personen sind über die Jahrzehnte ungezählt; vielen wurde durch die Panzerfahrzeuge aus dem Hause Mercedes-Benz das Leben gerettet.


Bester verfügbarer Schutz.

Die Besonderheit der Mercedes-Benz Guard Fahrzeuge, wie die Sonderschutzvarianten seit Ende der 1990er Jahre genannt werden, ist von Beginn an ihre ausgeklügelte Schutztechnologie ab Werk, die bereits in der Konstruktionsphase berücksichtigt und beim Aufbau der Rohbaukarosserie integriert wird. Gegenüber einer nachträglichen Panzerung ist dies ein unschätzbarer Vorteil, der ein deutlich höheres Sicherheitsniveau ermöglicht und den Nutzern der Mercedes-Benz Guard Fahrzeuge in ihrer Klasse stets den besten verfügbaren Schutz bietet.


Innenausstattung der Guard Fahrzeuge in den 70er Jahren.
Bereits der 1928 Jahre eingeführte Mercedes-Benz Nürburg, ein Vorläufer der aktuellen Mercedes-Benz S-Klasse, war als Sonderschutzvariante zu bekommen.

Bereits der 1928 Jahre eingeführte Mercedes-Benz Nürburg, ein Vorläufer der aktuellen Mercedes-Benz S-Klasse, war als Sonderschutzvariante zu bekommen.


Gepanzerte Limousinen.

Gepanzerte Limousinen gibt es keinesfalls erst seit der Zeit, als die Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren vor ihre härteste Bewährungsprobe stellte oder der eiserne Vorhang fiel und die ebenso freie wie gefährliche Marktwirtschaft in die ehemalige Sowjetunion brachte. Die Historie der Mercedes-Benz Sonderschutzfahrzeuge begann bereits in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bereits der Mercedes-Benz Nürburg 460 (W 08) als ein früher Vorläufer der heutigen S-Klasse war in politisch problematischen Zeiten als Panzerversion zu bekommen.


Kaiser Hirohito macht den Anfang.

Als erster internationaler Staatsmann ließ sich der japanische Kaiser Hirohito zu Beginn der 1930er Jahre von einem stark gesicherten Mercedes-Benz 770 durch sein asiatisches Reich bewegen. Bevor der legendäre Typ 600 (W 100) ab Mitte der 1960er Jahre bei vielen Nationen als Staats- und Repräsentationslimousine Einzug in den Fuhrpark hielt, produzierte Mercedes-Benz auf besonderen Wunsch gefährdeter Kunden des „Großen Mercedes“ Typ 770 (Baureihen W 07 und W 150) sowie des 540 K. Ihnen allen gemein war eine schwere Stahlpanzerung an Türen und Karosserieteilen, während die Sicht nach außen wie innen von zentimeterdickem Panzerglas gewährleistet wurde.


Japans Kaiser Hirohito war einer der ersten Staatsmänner, der in einem gepanzerten Mercedes-Benz unterwegs war. Er war in seinem Großen Mercedes Typ 770 (W 07) Anfang der 1930er Jahre bestens geschützt.

Japans Kaiser Hirohito war einer der ersten Staatsmänner, der in einem gepanzerten Mercedes-Benz unterwegs war. Er war in seinem Großen Mercedes Typ 770 (W 07) Anfang der 1930er Jahre bestens geschützt.


Die Kennzeichen wurden bisweilen auch einmal gewechselt. Doch dieser Mercedes-Benz 600 Pullman mit dem Kennzeichen S – VC 600 aus dem Jahre 1965 wurde viele Jahre als Staatslimousine eingesetzt.

Eleganter Auftritt.

Bis heute gilt der 1963 vorgestellte Mercedes-Benz 600 als Pullman-Version weltweit als die Staatslimousine schlechthin. Seine filigranen Formen, der elegante Auftritt und die großen Glasflächen machten ihn über Jahrzehnte zum Liebling von Prominenten, Stars, Wirtschaftsbossen, Kaisern, Königen, Scheichs und Politikern. Der legendäre 600er war bis in die frühen 1990er Jahre die deutsche Staatslimousine und zurückhaltender Ausdruck einer selbstbewusster werdenden Bundesrepublik.


Kennzeichen S-VC 600.

Mit ihr untrennbar verbunden Fahrer wie Wolfgang Wöstendieck, der die Staatsgäste mit seinem automobilen Liebling über Jahrzehnte in aller Zurückhaltung gefahren hat: den Kaiser von Japan, Lady Di oder Johannes Paul II. Von 1971 bis 1993 war er zusammen mit drei anderen Fahrern der offizielle Chauffeur der deutschen Staatslimousine. Wenn der Besuch eines hohen Gastes anstand, orderte das Auswärtige Amt bei Mercedes-Benz in Stuttgart das bewährte Doppel aus Wöstendieck und seinem schwarzen Pullman, Kennzeichen S-VC 600 aus dem Baujahr 1965. Die exklusivste deutsche Nachkriegslimousine wurde von 1963 bis 1981 nur 2677 Mal gebaut. Viele der 487 Pullman-Langversionen gingen in den Besitz von Regierungen und hoch gestellten Persönlichkeiten über.


Gleichermaßen spektakulär und doch unauffällig waren die beiden Versionen, die Mercedes-Benz seinerzeit zusammen mit Wolfgang Wöstendieck und seinen Kollegen für Staatsbesuche bereithielt. diese beiden besonderen Varianten des 600 Pullman verfügten über besonders ausgeklügelte Schutztechnik und sollten gefährdeten Staatsgästen wie Prinz Charles, Erich Honecker, Boris Jelzin oder Leonid Breschnew nicht nur Komfort, sondern auch die nötige Sicherheit auf deutschen Straßen geben.


Chauffeur Wöstendieck hat 116 Staatsbesuche bestritten.

116 Staatsbesuche.

„Insgesamt war ich zwischen 1971 und 1993 bei 116 Staatsbesuchen dabei“, so der aus Bremen stammende Wolfgang Wöstendieck, „ich kam über meine Fahrlehrertätigkeit bei der Bundeswehr nach Stuttgart. Hier fing ich bei Mercedes-Benz als Werksfahrer an und wurde nach ein paar Jahren Fahrer der Staatslimousinen. Eigentlich durch Zufall.“


Bonner Dreieck.

Zwischen dem Bonner Dreieck aus Villa Hammerschmidt, Petersberg und Bad Godesberg fühlte sich der Wahlschwabe einst wie zu Hause. Seine Übernachtungen am Petersberg, dem ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung oder in einer kleinen Pension in Bonn sind ungezählt. „Die meiste Zeit haben wir sowieso im oder am Wagen gewartet“, erinnert sich Wöstendieck, „manchmal viele Stunden. Bei Empfängen und Staatsbesuchen mussten wir natürlich immer im Auto bleiben. Zum Glück hatte ich immer meine Survival-Box dabei – eine kleine Kodak-Kühltasche mit Schokolade, Cola und Chips. Versorgt wurden wir ja nie.“

Im Jahre 1963 wurde der Mercedes-Benz 600 (W 100) vorgestellt. Ab Mitte der 1960er Jahre zog er als Staatslimousine in viele Regierungen weltweit ein.
Innenausstattung der Guard Fahrzeuge in den 70er Jahren.

Die Pullman-Limousinen verfügten nicht nur über einen langen Radstand und oftmals entsprechende Panzerungen, sondern auch allerlei Reiseannehmlichkeiten wie eine Bar oder ein TV.


Bequemer Fond.

Dass seine Wartezeit sehr komfortabel war, kann man ebenfalls nicht behaupten. Während sich die Staatsgäste im 6,24 Meter langen Mercedes-Benz 600 Pullman bequem ausbreiten konnten, kauerten Wöstendieck und seine Kollegen unter vergleichsweise beengten Verhältnissen auf dem Fahrersitz. Die ebenfalls gepanzerte Trennscheibe ließ kaum Platz für das Personal in der ersten Reihe. Der bequeme Fond war tabu. Wolfgang Wöstendieck: „Meist saß auf dem Beifahrersitz neben mir ein Sicherheitsbeamter vom BKA.“ Für die Sicherheit der Gäste sorgten nicht nur Fahrzeugkolonne und Sicherheitsbeamte, sondern auch die Schwerpanzerung der Schutzklasse B6/B7, die den an sich 2,7 Tonnen schweren Pullman auf rund 4,5 Tonnen drückte.


Klassisches Design.

So schwer die Panzerung auch war – man sah sie dem Wagen kaum an. Das klassische Design des 600ers ist Versuchung und Zurückhaltung zugleich. So fügte sich der Pullman besser als jedes andere Auto in das zurückhaltende deutsche Nachkriegsgefüge aus dezenten Regierungsbauten, Bonn als Bundeshauptstadt und einem Regierungssitz wie der nüchtern stilisierten Villa Hammerschmidt am Ufer des Rheins ein. Trotzdem ging es im Innern des 600 Pullman nach damaligen wie heutigen Maßstäben luxuriös zu. Der 3,90 Meter lange Radstand sorgte dafür, dass honorige Staatsgäste die Beine bei den zumeist recht kurzen Verbindungsfahrten entspannt ausstrecken konnten.

Orangefarbene Innenleuchten sorgten dafür, dass die Insassen in einem guten Licht zu bestaunen waren. Für angenehme Privatsphäre im Fond sorgten unter anderem die ausfahrbare Trennwand, Vorhänge im Fond und die pneumatisch verschiebbare Rückbank. Alles gesteuert von der hochkomplizierten Komforthydraulik, die den 600er bis zu seiner Produktionseinstellung im Jahre 1981 so einmalig machte. „Über die Komforthydraulik wurde beim 600er fast alles gesteuert“, blickt Peter Schellhammer, seinerzeit weltweit für die Technik der Luxuslimousinen zuständig, zurück, „unter anderem die Fensterheber, das Schiebedach, die Sitze oder sogar die Klappensteuerung der Klimaanlage.“

Reifenprüfung.

Spezialreifen und die Schutztechnik der beiden Staatslimousinen sorgten dafür, dass die an sich grandiosen Limousinen-Fahrleistungen der frühen 60er Jahre (184 kW / 250 PS, 510 Nm Drehmoment, 207 km/h Höchstgeschwindigkeit, 0 auf 100 km/h in 10 Sekunden) bei der Sonderschutzversion verpufften, denn diese war stattliche 4,5 Tonnen schwer. „Die längeren Strecken wurden sowieso meist geflogen. Wir fuhren meist nur einige Kilometer – um dann wieder lange zu warten“, erzählt der grauhaarige Limousinenchauffeur. Brenzlig sei es bei seinen Fahrten nie geworden, so Wöstendieck: „Doch als Breschnew da war, gab es in der Nähe von Gymnich eine Reifenpanne.“

Auf Staatsbesuch.

„Breschnew wurde in das zweite Fahrzeug gebracht, die Standarten umgebaut und nach 67 Sekunden konnten wir weiterfahren.“ Als zwei Tage später Prinz Philipp chauffiert wurde, schaute der nur auf die Reifen und fragte Wöstendieck spitzbübisch: „Sind die Reifen auch in Ordnung?“

Nicht ganz so repräsentativ, aber von zahlreichen Politikern und Wirtschaftsgrößen innig geliebt waren die Sonderschutzversionen der Mercedes-Benz S-Klasse. Egal ob die frühe Chrombaureihe 116, der moderne 126er oder der opulente W 140 – es gab keinen Staatsbesuch, keinen Wirtschaftskongress, auf der die sondergeschützten S-Klassen die gefährdeten Personen nicht nur sicher, sondern auch überaus komfortabel ans Ziel gebracht hätten.

Die Sonderschutzversionen der Mercedes-Benz S-Klasse.
Die gepanzerten 1980er: der Mercedes-Benz Pullman.

Die gepanzerten 1980er.

Während die Personenschützer von BKA oder Polizei in den wilden 1970er Jahren zumeist im gesicherten Mercedes-Benz 350 SE unterwegs waren, reisten die Politiker bevorzugt im kraftvolleren 450 SEL mit langem Radstand.

Politikgrößen der 1980er Jahre wie Helmut Kohl oder Richard von Weizsäcker ließen sich im mit Flockvelours ausgekleideten 500 SEL der Baureihe 126 kommod transportieren, während die Wirtschaftselite auf das gepanzerte Topmodell des Mercedes-Benz 560 SEL – gerne auch mit vollelektrischer Einzelsitzanlage im Fond - setzte. Der russische Präsident Vladimir Putin ließ sich noch bis vor ein paar Jahren in einem besonders gesicherten Mercedes-Benz S 600 Pullman der Baureihe 140 durch Moskau transportieren, ehe er direkt auf einen Pullman der S-Klasse Baureihe 221 umstieg. Mehr Völkerverständigung geht nicht.