Vision.

  • Meilensteine Vision

  • Die Abteilung „Sonderwagenbau“ im Werk Sindelfingen.

    Sonderwagenbau.

    Die 1920er- und 1930er-Jahre sind im Automobilbau eine Zeit des Umbruchs. Immer stärker verabschieden sich die Hersteller von klassischen Karosserieformen, die ihre Wurzeln zum Teil noch im Kutschenbau haben. Und wer es sich leisten kann, der lässt sich ein individuelles Fahrzeug aufbauen, was aufgrund der Chassisbauweise mit separater, aufgesetzter Karosserie problemlos möglich ist. Zahlreiche Karosseriefirmen bieten diese Dienstleistung an. Sie ordern lediglich das Fahrgestell und versehen es mit einem Aufbau nach Kundenwunsch. Diese Art der Individualisierung ist ein lukratives Geschäft, das aber auch die Autohersteller selbst für sich entdecken.

    Die Daimler-Benz AG richtet 1932 im Werk Sindelfingen die Abteilung Sonderwagenbau ein. Innerhalb kurzer Zeit erwirbt sich die Marke Mercedes-Benz den Ruf, auch außergewöhnliche Kreationen als Einzelstücke auf die Räder zu stellen und auf höchst individuelle Kundenwünsche einzugehen – was vor der Einrichtung des Sonderwagenbaus vor allem von Fremdkarossiers durchgeführt worden ist. Das Schild „Sindelfinger Karosserie“, angebracht an der linken Fahrzeugseite, wird zum Synonym für außergewöhnliche Karosserien, hergestellt in bester handwerklicher Qualität.

    Der damalige Werksleiter in Sindelfingen, Dr. Wilhelm Haspel, will als kaufmännisch geschulter Ingenieur mit dem Sonderwagenbau zum einen erreichen, dass die in aufwendiger Handarbeit gebauten Sonderkarosserien nicht den Produktionsablauf für Serienkarosserien stören. Zum anderen wird damit die Sonderkarosseriefertigung auf ein solides Fundament gestellt und zugleich die Möglichkeit geschaffen, mit diesen aufwendigen Aufbauten auch ausgefallene Kundenwünsche zu erfüllen und Geld zu verdienen – ein Pfund, das Haspel für Daimler-Benz nicht aus der Hand geben möchte.

    Zum Leiter dieser Abteilung wird Hermann Ahrens berufen, für diese Aufgaben gewonnen vom Führungstrio Wilhelm Kissel (Vorstandssprecher), Dr. Hans Nibel (Entwicklungsvorstand) und Dr. Wilhelm Haspel (Werksleiter Sindelfingen seit Januar 1932). Ahrens ist bis zu diesem Zeitpunkt bei Horch für das Design der exklusiven Modelle zuständig und hat damit die Aufmerksamkeit der Führungsspitze bei Mercedes-Benz auf sich gezogen.

    Zunächst ist die Abteilung überschaubar. Im April 1933 stößt Friedrich Geiger dazu. Ahrens wie Geiger fühlen sich zeitlebens als Konstrukteure und nicht allein als Designer im heutigen Wortverständnis – sie vereinen sowohl das Gestalten wie auch das konstruktive Umsetzen in ihrer Tätigkeit, was dem angelsächsischen Wortverständnis von Design entspricht.

    Mit dem bereits Ende 1932 allmählich und ab 1933 stärker einsetzenden Wirtschaftsaufschwung wächst das Interesse an exklusiven Fahrzeugen und damit der Sonderwagenbau. In ihm werden die unterschiedlichen Ausführungen der Kompressorfahrzeug-Typen 380 (W 22), 500 K und 540 K (W 29) sowie Großer Mercedes (W 07 und W 150) inklusive teils aufwendiger Sonderwünsche gebaut.

    Spezialkarosserien.

    In Sindelfingen entstehen in den Jahren zwischen 1932 und 1939 aufwendige Spezialkarosserien für offene und geschlossene Fahrzeuge sowie sondergeschützte Aufbauten. Zahlreiche der damals gestalteten eleganten Karosserien, die unter den Händen von Ahrens und Geiger entstanden sind, haben eine zeitlose Schönheit, die selbst noch Jahrzehnte danach nichts von ihrer Faszination und Strahlkraft eingebüßt hat. Nicht wenige der damaligen Fahrzeuge erhalten regelmäßig Auszeichnungen bei renommierten Concours d'Elegance wie zum Beispiel in Pebble Beach in Kalifornien. Ganz oben auf der Liste dieser Design-Highlights steht der Spezial-Roadster mit zurückgesetztem Kühler, der immer wieder zu Applaus auf „offener Bühne“ führt. Nicht weniger begeisternd sind die Cabriolet-Ausführungen auf gleicher Basis, die mit ihrem perfekt schließenden, gefütterten Verdeck noch den Vorteil größerer Alltagstauglichkeit haben. Damals entstehen in Sindelfingen auch die ersten Cabriolets mit einem Hardtop, durchaus treffend Kombinationswagen oder Kombinations-Coupés genannt. Aber auch individuelle Kundenwünsche, beispielsweise besonderer Chromschmuck in Form von Kühlerschutzgittern vor dem Spitzkühler oder Chromleisten zur Betonung der Linienführung, werden möglich gemacht. Erinnert sei zudem an die Platzierung der beiden Ersatzräder in den vorderen Kotflügeln oder im Fahrzeugheck, die auf die Gestaltung der Karosserie erheblichen Einfluss hat. Oder an die Bestückung mit heute selbstverständlichen Ausstattungsdetails wie einem Radio oder einer Heizung, damals exklusive Sonderwünsche.

    Der Sonderwagenbau setzt die Wünsche einer anspruchsvollen Klientel um, soweit irgendwie realisierbar. Ahrens berichtet, dass es durchaus vorkommt, dass die Familie des künftigen Fahrzeugbesitzers für einige Tage anreist, um in aller Ruhe und mit Hingabe sowie Beratung die Wahl der Karosserieform, ihrer individuellen Ausführung in Farben und Materialien, aber auch in der Auswahl der technischen Ausrüstung vorzunehmen. Das Resultat ist ein Einzelstück, das perfekt zu individuellen Lebensentwürfen passt.

    Durch die Kompetenz und Flexibilität des Sonderwagenbaus werden die Sindelfinger Spezialisten auch für die extrem leichten und innerhalb sehr kurzer Zeit herzustellenden Karosserien für die Sporteinsätze der in den 1930er-Jahren beliebten Geländefahrten herangezogen und schaffen dort Zweisitzer, deren Aluminiumkarosserien gerade einmal 100 Kilogramm wiegen.

    Spezialwünsche in der Karosseriegestaltung sind im Sonderwagenbau also üblich. So treffen auch Fragen nach aerodynamisch gestalteten Karosserien bei den Sindelfinger Karosseriekünstlern auf offene Ohren. Sie machen dann selbst vor dem sonst als unantastbar geltenden Spitzkühler nicht Halt. Beispiele dafür sind die an einen Kunden in Niederländisch-Indien (ab 1949 Indonesien) ausgelieferte Reiselimousine des 500 K, ein 1936 fertiggestelltes 540 K Cabriolet oder eben auch der 1938 an die deutschen Dunlop-Werke gelieferte 540 K mit vollständig aerodynamisch gestalteter Karosserie.

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