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  • Mercedes-Benz Classic Center Irvine.
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    Mercedes-Benz Classic Center Irvine.

    Ausfahrt Irvine – den Weg ins kalifornische Sternenparadies sollte man kennen.

Adenauer-Cabrio.

Den Weg ins kalifornische Sternenparadies sollte man kennen. Denn die exklusivsten Mercedes-Benz Klassiker der USA stehen gut versteckt in einem Gewerbegebiet rund 45 Minuten südlich von Los Angeles. Hinter den unscheinbaren Toren gehen einem die Augen über.

Der graue Mercedes-Benz 300, eines der seltenen „Adenauer-Cabrios“, ist das spektakulärste Modell, das in den vergangenen Monaten im Classic Center zu Besuch war. Der graue Proband dürfte das beste Fahrzeug seiner kleinen Art sein, das weltweit zu finden ist. „Der Wagen wurde innerhalb der vergangenen vier Jahre von uns aufwendig restauriert“, sagt Michael Kunz, Leiter des Mercedes-Benz Classic Centers in Irvine.


Spiegelbild des Fortschritts.

Der Verkaufsprospekt des geschlossenen 300ers warb in den späten 50er-Jahren mit Slogans wie „Spiegelbild des Fortschritts“ und „Insel der Geborgenheit“. Nichts davon scheint selbst nach heutigen Maßstäben übertrieben, denn der offene 300 „Adenauer“ ist ein fliegender Teppich, wie es selbst in der automobilen Historie kaum welche gibt. „Der Eigentümer will ungenannt bleiben“, macht Michael Kunz die Sache noch etwas spannender, „er hat viele Autos – unter anderem auch einen Flügeltürer.“


Komplizierte Restaurierung.

Das Mercedes-Benz 300 d Cabriolet stammt aus dem Jahre 1960 und war vor seiner Restaurierung in einem wahrhaft bemitleidenswerten Zustand. Dem jetzigen Besitzer gefiel das originale Moosgrün nicht und so wurde der offene Viertürer in grau lackiert. „Die gesamte Restaurierung war sehr kompliziert. In dieser Zeit haben wir über den Wagen und seine Technik sehr viel gelernt“, räumt Kunz ein.

Ein Paradies für Automobilfans.

Die Lage des Sternenparadieses ist nicht weiter überraschend, denn schließlich gibt es im Süden Kaliforniens mehr teure und erhaltenswerte Oldtimer als irgendwo anders. Das dachte sich auch die Daimler-Führung, als 2005 die Entscheidung fiel, ein Classic Center auf amerikanischem Boden ins Leben zu rufen. Seit 2006 stehen die finanzstarken Kunden Schlange und bringen ihre historischen Lieblinge zur Durchsicht, Instandsetzung oder Komplettrestauration nach Irvine. Bereits der Verkaufsraum dürfte den meisten Automobilfans einen sanften Schauer über den Rücken laufen lassen.


Wahre Schmuckstücke.

Direkt links hinter dem Eingang steht ein weißer 560 SL der Baureihe R 107 von 1987. Ein wahres Schmuckstück; natürlich im Originalzustand. Der weiße Sonnenanbeter mit beigen Ledersitzen glänzt mit Vollausstattung. Willkommen im Oldtimer-Paradies! Das wird dem Besucher spätestens bewusst, als der Blick auf einen dunkelgrauen 300 S fällt. Das mächtige Cabriolet aus dem Jahre 1956 ist eines von 49 jemals gebauten Fahrzeugen der Sc-Variante mit Benzineinspritzung. 175 PS, ein perfekter Restaurationszustand und der seltene graphitgraue Lack sprechen ebenso für sich wie die graue Innenausstattung.


Ein strahlend weißer Mercedes-Benz.

Die Dame hinter dem schmuckvollen Empfangstresen lässt einen erst einmal in Ruhe. Sie sieht es wohl nicht zum ersten Mal, dass einem Besucher des Classic Centers die Augen übergehen. Hinten rechts im Ausstellungsraum steht ein strahlend weißer 450 SEL 6.9. Auf dem Scheibenwischer prangt das handschriftliche Schild: 229 Meilen – ohne die erwarteten Nullen dahinter. Der Innenraum ist mit dunkelblauem Leder ausgeschlagen. Luxusradio, Sitzheizung vorne und hinten, Klimaautomatik – „fully loaded“ heißt so etwas in den Staaten.


„Prächtig entwickelt.“

Mit einem schwachen Autogemüt sollte man um das Classic Center in Irvine guten Gewissens einen Bogen machen. Denn im Ausstellungsraum selbst stehen nur einige Fahrzeuge; eben die, die auch verkauft werden sollen. Die Preziosen, die derzeit restauriert werden, parken in den Werkstatthallen dahinter. Michael Kunz leitet das Classic Center seit seiner offiziellen Eröffnung vor knapp 11 Jahren: „Das Ganze hier hat sich prächtig entwickelt. Auch wir wussten damals natürlich nicht, ob die Kunden unser Angebot annehmen würden.“


Sie kommen aus den ganzen USA.

Sie nahmen – aus den ganzen USA kommen seither Fahrzeuge in die Region Orange County, südlich von Los Angeles. Die einen bringen einen „Flügeltürer“ zur Inspektion, andere lassen eine Beule an ihrem 107er instand setzen und ein anderer sucht den passenden Retro-Roadster als Geburtstagsgeschenk für seine Frau. „Wir machen hier all das, was auch die Kollegen im Fellbacher Classic Center machen können“, erklärt Michael Kunz, „nur eben etwas kleiner.“


Ein Erinnerungsstück.

Auf dem Hof hinter dem Gebäude glänzt bisweilen der ein oder andere 300 TD Turbodiesel der Baureihe 123. „Der Kunde aus der Nähe von San Francisco brachte den Wagen vor einiger Zeit zu uns, weil er ihn nach wie vor jeden Tag als Alltagsfahrzeug weiter nutzen will und ein paar Mängel ausgemerzt werden mussten. Der Wagen ist erster Hand und hat 230.000 Meilen gelaufen“, erklärt Kunz weiter, „die komplette Instandsetzung innen und außen mit neuem Lack und so weiter lag letztlich bei mehr als 40.000 Dollar. Viel Geld für ein Auto, das eigentlich viel weniger wert ist. Aber der Wagen ist nun einmal ein Erinnerungsstück. Wir haben viele solcher Kunden.“


Nichts für Sparfüchse.

Rund die Hälfte des Umsatzes macht das Classic Center mit dem Teileverkauf. Rund 20 Personen arbeiten aktuell im Classic Center in der Whatney Avenue in Irvine; davon allein acht Techniker in der Werkstatt. Die können sich Tag für Tag darauf freuen, Schmuckstücke wie seltene „Flügeltürer“ oder sogar Rennversionen des 300 SL wieder in Schuss zu bringen. „Meistens kommen die Kunden mit größeren Instandsetzungen zu uns. Solchen Sachen, die in den Mercedes-Benz Filialen nicht mehr gemacht werden können“, erklärt Classic-Leiter Kunz. Ebenso wie die Kaufangebote im Schauraum sind auch die Werkstattarbeiten im Classic Center nichts für Sparfüchse.


Mit Dreizackstern.

So einer ist auch Autosammler Aaron Weiss, der wohl die größte Sammlung von 16-Zylinder-Modellen in den USA sein eigen nennt. Der Fuhrpark des angehenden Pensionärs ist aktuell im Wandel – mithilfe des Classic Centers. Gleich in der Nebenhalle seiner Privatsammlung stehen neben den majestätischen 16-Zylinder-Schlachtschiffen von Marmon und Cadillac aus den frühen 30er-Jahren auch Modelle mit dem Dreizackstern.


Die neue Liebe des Kaliforniers.

Hier ein 380 SLC, dort eine „Pagode“ und auf der Bühne die neue Liebe des Kaliforniers: ein Mercedes-Benz 290 Cabriolet A von 1936. „Wir bringen es gerade in den Originalzustand. Es kommt aus Wiesbaden. Der Vorbesitzer hat wegen der kühlen Temperaturen dort sogar eine Sitzheizung eingebaut“, schüttelt Weiss den Kopf. Bald soll das grüne Prachtstück fertig sein. Dann steigt die Frau von Aaron Weiss wohl auch einmal in einen anderen Mercedes-Benz als ihren geliebten 1995er E 320.


Das rechte Familiengefährt.

Für alle Tage könnte auch der blaue 190 SL das rechte Familiengefährt sein, der gerade aus der Durchsicht des Classic Centers zurückkommt. Mit ihm will Aaron Weiss gleich noch eine Runde drehen – denn nur betrachten ist für den Kalifornier keine artgerechte Oldtimerhaltung. Gut, dass seine fünf Kinder so langsam auch auf den Geschmack gekommen sind. Alle Vornamen beginnen mit einem A – und ist die Familie Weiss einmal auf Klassiktour, heißt es nur „Flying A Garage“.

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