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Mercedes-Benz 200 D (W 124): Auf der Landstraße.

Eine Million Kilometer im 200 D.

Mercedes-Benz Ingenieur Michael Nickl und sein W 124.
Mercedes-Benz 200 D (W 124): auf der Landstraße.

Es gibt gepflegtere 200 D als den von Michael Nickl.

Die meisten sind schneller, viele besser ausgestattet und ein Museumsstück ist der dunkelblaue W 124 nicht gerade. Radhäuser, Motorhaube und Heckklappe können ihren Rost kaum mehr verbergen und bis zum H-Kennzeichen dauert es noch mehr als fünf Jahre. Doch eine Million Kilometer sind für ein Alltagsauto alles andere als alltäglich.

Es gibt gepflegtere 200 D als den von Michael Nickl.

Die meisten sind schneller, viele besser ausgestattet und ein Museumsstück ist der dunkelblaue W 124 nicht gerade. Radhäuser, Motorhaube und Heckklappe können ihren Rost kaum mehr verbergen und bis zum H-Kennzeichen dauert es noch mehr als fünf Jahre. Doch eine Million Kilometer sind für ein Alltagsauto alles andere als alltäglich.

Mercedes-Benz 200 D (W 124): auf der Landstraße.

Aufkleber mit zwölf europäischen Sternen.

Schwäbische Temperaturschwankungen haben dem Deutschland-Aufkleber Risse beschert, vergleichbar mit denen, die sich derzeit durch die Europäische Union ziehen. Als die EU im Jahre 1992 offiziell gegründet wurde, verließ auch der 200 D mit Michael Nickl am Steuer das Werk Sindelfingen.

Der Mercedes-Benz Ingenieur hatte gerade seinen ersten eigenen Wagen mit dem Stern abgeholt; fünf Jahre, nachdem er zu Daimler kam. Bezahlt wurde der 200 D per EC-Karte und dann ging es mit einem speziellen Ausfahrtschein vorbei am Pförtner auf die ersten Kilometer in freier Wildbahn.

Mercedes-Benz 200 D (W 124): Heckansicht.

Studium der Preislisten.

Als Michael Nickl sich vor mehr als 25 Jahren erstmals einen automobilen Traum erfüllte, sollte es eigentlich nur ein Jahresintermezzo werden. Nachdem das BAföG wieder ins Staatssäckel zurückgeflossen war, hatte der Mercedes-Benz Entwickler aus dem Bereich Achskonstruktion nun genug Geld für seinen ersten Neuwagen beisammen.

Nach Studium der entsprechenden Preislisten entschied sich Michael Nickl im Frühjahr 1992 für einen 200 D mit kaum mehr als einer Buchhalterausstattung. Metallic-Lack, Klimaanlage oder elektrische Fensterheber sucht man im kargen Innenraum ebenso vergeblich wie Ledersitze oder ein Automatikgetriebe.

Mercedes-Benz 200 D (W 124): Heckansicht.

Wenig Sonderausstattung.

So präsentiert sich die Rechnung der Erstauslieferung, die er ebenso wie alle Unterlagen und Rechnungen akribisch archiviert hat, kürzer als die der meisten anderen W 124 Modelle aus den frühen 90er-Jahren. Für exakt 40.523,81 D-Mark gab es einen 200 D im zeitlosen Uni-Dunkelblau mit dem internen Farbcode 904 und hellgrauer Stoffinnenausstattung, Farbcode 068. Die Liste der Sonderausstattungen ist dünn. Viel mehr als ein elektrisches Schiebedach, Kopfstützen hinten, Mittelarmlehne, Zentralverriegelung, Radiovorbereitung inklusive mechanischer Antenne und ein Fünfgang-Getriebe ist nicht an Bord.

Der robuste Basisdiesel vom Typ OM 601, nach der Modellpflege inklusive Katalysator von 53 kW / 72 PS auf 55 kW / 75 PS und 126 Nm maximales Drehmoment erstarkt, bildete den Einstieg ins schwäbische Selbstzünderportfolio, das mit dem imageträchtigen 300 D Turbo und seinerzeit imposanten 147 PS endete. „Der 300 D war mir zu teuer und einen Fünfzylinder wie den 250 D wollte ich einfach nicht. So wurde es der 200 D“, erinnert sich der gebürtige Oberpfälzer, „am 16. Juli 1992 habe ich den Wagen aus dem Werk Sindelfingen abgeholt.“

Die Preise fielen in den Keller.

An sich sollte der dunkle W 124 nur kaum mehr als ein Jahr das Alltagsgefährt des Daimler-Mitarbeiters werden, der damals noch in der Achskonstruktion in Stuttgart-Untertürkheim arbeitete und in der Nähe wohnte. Wie viele andere Werksangehörige wollte er seinen 200 D dann auf dem freien Markt verkaufen. „Es kam 1993 der Verdacht auf, dass Dieselpartikel krebserregend wären“, erinnert sich Nickl, „die Preise für junge Gebrauchtwagen fielen in den Keller. Sonst bekam man als Werksmitarbeiter bisweilen mehr, als man neu bezahlt hatte. Doch so habe ich ihn schließlich behalten und bin einfach weitergefahren.“ Wer den 200 D heute nach fast 25 Jahren Alltagseinsatz sieht, merkt schnell, dass Michael Nickl kein Autofan ist, der als Bastler jede freie Minute mit seinem Klassiker verbringt.

Mercedes-Benz 200 D 8W 124): Auf der Landstraße.

Der dunkelblaue Lack hat schon bessere Zeiten gesehen, es gibt nur wenige Stellen an der Karosserie, die nicht vom Rost befallen sind. „Die vier Türen habe ich schon vor Jahren gegen solche vom Autoverwerter ausgetauscht“, erklärt Nickl nüchtern, „für mich ist mein Auto ein Gebrauchsgegenstand. Gewaschen wird der Wagen nur selten.“

Mercedes-Benz 200 D (W 124): In der Werkstatt.

Wir mussten ihn abschleppen.

Dafür müht sich der 55-Jährige, mittlerweile in Sindelfingen beim Gesamtfahrzeug GLE beschäftigt, die Technik auf der Höhe zu halten. Jedes Invest wird entsprechend in Tabellen vermerkt. Von größeren Pannen blieb Michael Nickl in einem Vierteljahrhundert mit dem 200 D weitgehend verschont.

 

Abgesehen von einer Ausnahme: Bei Kilometerstand 445.000 blieb er am 16. November 2003 auf der Autobahn nahe Stuttgart mit einem Kupplungsschaden liegen, als sich das Fahrzeug einen Anstieg hochmühte. „Der Wagen wurde immer lauter, der Vortrieb ließ nach und schließlich rollte ich aus“, blickt Nickl zurück. „Wir mussten ihn schließlich abschleppen.“

Durchschnittsverbrauch in knapp 25 Jahren.

Ansonsten wurden abgesehen von einer Zylinderkopfdichtung und den Rostproblemen nur Verschleißteile wie Reifen – nunmehr mit Alufelgen –, Kupplung, Bremsen, Lichtmaschine oder Wasserpumpe erneuert. Seit dem Tag der Erstzulassung führt Michael Nickl Buch über Unterhalts- und Dieselkosten. Alles lässt sich in den penibel geführten Excel-Dateien ablesen. Aktuell stehen allgemeine Unterhaltskosten von 58.563,26 Euro reinen Tankkosten von 53.786,28 Euro gegenüber.

Der Durchschnittsverbrauch in knapp 25 Jahren: kaum mehr als sechs Liter. Flottes Fahren ist mit dem 200 D seit der ersten Fahrt vom Firmengelände ein Ding der Unmöglichkeit; doch Michael Nickl hat sich an die Lethargie seines Selbstzünders längst gewöhnt: „Heute machen die Lastwagen einen Bogen, wenn ich auf die Autobahn auffahre.“ Nachdem Nickl von Stuttgart nach Wildberg im Kreis Calw umgezogen war, pendelte sich die Jahreslaufleistung bei 42.000 Kilometern ein.

Kollegen witzelten, er würde den 200 D nie verkaufen.

Dass Michael Nickl seinen W 124 über immer größere Kilometerstände brachte, ergab sich im Laufe der Jahre wie von selbst. Seine Kollegen witzelten darüber, dass er seinen 200 D nie wieder verkaufen würde. Zunächst wollte der Mercedes-Benz Jünger mit seinem Fahrzeug aus erster Hand die 500.000-Kilometer-Marke knacken. Als das geschafft war, wetteten die Kollegen schon um die Millionengrenze. Nur einmal stand der Abschied vom unspektakulären Traumwagen kurz bevor.

2004 hatte Michael Nickl einen Unfall, bei dem er auf einen anderen Wagen auffuhr. Ersatz für die beiden Schweinwerfer, den Kühlergrill und die Motorhaube kam vom örtlichen Autoverwerter; nur die Frontstoßstange musste neu gekauft werden. Aufgrund der hohen Laufleistung, einer fehlenden Oldtimereignung und des mäßigen Pflegezustandes taxiert die Versicherung die Limousine schon seit Jahren als nahezu wertlos. Trotzdem ist der Wagen wie am ersten Tag noch vollkaskoversichert.

Mercedes-Benz 200 D (W 124): Michael Nickl.

Michael Nickl: „Als ich seinerzeit anfragte und umstellen wollte, teilte man mir mit, dass die Teilkasko 80 Euro im Jahr teurer sei – trotz geringerer Leistungen. Weil ich so einen alten Vertrag hatte.“

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