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  • Mille Miglia 2017 – Bella Italia unter dem Sternenhimmel.
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    Mille Miglia 2017 – Bella Italia unter dem Sternenhimmel.

    Jedes Jahr im Mai steht halb Italien Kopf. In der Nordhälfte regieren zwischen Brescia und Rom vier Tage auf der Mille Miglia die automobilen Legenden vergangener Jahre.

Eine kleine Reise um die Welt.

Als Adrian Gattiker mit seinem 300 SL Flügeltürer am Sonntagmittag die Zielrampe in Brescia hochbrummt, atmet er zusammen mit seinem Beifahrer Oliver Sellnick tief durch. Weder für ihn noch für seinen legendären Flügeltürer in der unverwechselbaren Farbe bayrisch-blau ist es die erste Mille Miglia und trotzdem keine Rallye wie jede andere. Die Mille Miglia 2017 war mehr denn je eine kleine Reise um die Welt. Glühende Hitze, lähmender Dauerregen, endlose Bergpassagen, pittoreske Ortsdurchfahrten und grandiose Erlebnisse – das alles gab es bei der Geburtstags-Mille, die 90. Geburtstag und den 40. Jahrestag seit der Neuauflage im Jahre 1977 feierte.


Adrian Gattiker nahm bereits zum dritten Mal an der Italien-Rundfahrt teil.


Pittoreske Ortsdurchfahrten gibt es zahllose auf der Mille Miglia.


Grenzenlose Begeisterung.

„Die grenzenlose Begeisterung der italienischen Zuschauer für die Mille mit außergewöhnlichen Fahrzeugen und Piloten aus 40 Ländern war für mich etwas ganz Besonderes“, blickt Adrian Gattiker zurück, „dazu kommen malerische Regionen Italiens mit atemberaubenden Straßen.“ Der Schweizer Autosammler hat mit seinem 300 SL „Gullwing“ der Baureihe W 198 eines der ungewöhnlichsten Autos im Feld. 300 SL Flügeltürer gibt es viele im elitären Feld der rund 450 Klassiker, doch einen Flügeltürer mit der seltenen Aluminiumkarosserie fährt hier sonst keiner. Mitte der 50er-Jahre wurden von ihm gerade einmal 29 Fahrzeuge gefertigt. Der Schweizer schnappte sich vor Jahren das Einzelstück und ließ es von Grund auf bei Mercedes-Benz Classic neu aufbauen. Das perfekte Fahrzeug für die Italienrundfahrt.


Höhepunkt der Klassiksaison.

Die Mille Miglia ist weltweiter Höhepunkt der Klassiksaison. Wer den Concours d’Elegance von Pebble Beach besucht, den Concorso d’Eleganza am Comer See genossen oder legendäre Rennveranstaltungen in Monte Carlo oder Indianapolis in sich aufgesaugt hat, muss sich einmal im automobilen Leben die Mille Miglia gönnen. Sie ist trotz ihrer zahllosen Nachahmungs- veranstaltungen auf der ganzen Welt einzigartig. Mille Miglia heißt eben vier Tage Ausnahmezustand einer halben Nation. Kinder bekommen schulfrei, Orte feiern Volksfeste, Politiker lassen sich bejubeln und die tollkühnen Piloten in ihren spektakulären Klassikern werden gefeiert wie bei der ursprünglichen Mille Miglia, die von 1927 bis 1957 als halsbrecherisches Autorennen zwischen Brescia und Rom auf öffentlichen Straßen stattfand. Rudolf Caracciola, Stirling Moss, Tazio Nuvolari, Huschke von Hanstein oder Gianni Marzotto wurden hinter den spindeldünnen Steuerrädern so zu Helden.

Vor dem morgendlichen Start wächst die Anspannung.

Eine Flügeltürerparade zieht sich durch Norditalien.


Der eigentliche Sieg.

Heute geht es längst nicht mehr darum, die knapp 1.700 Kilometer quer durch Italien in atemberaubenden Tempi durchzupflügen. Die Bestzeit von knapp elf Stunden, aufgestellt im Jahre 1955 von Rennlegende Stirling Moss in einem 300 SLR mit einem Durchschnittstempo von nahezu 157 km/h, ließe sich im normalen Alltagsverkehr heute sowieso nicht mehr schaffen. Nach ihrem Ende im Jahre 1957 wurde die Mille Miglia 1977 aus ihrem automobilen Dornröschenschlaf erweckt und ist seither offiziell eine Gleichmäßigkeitsfahrt mit rund 120 einzelnen Sonderprüfungen, in denen es um hundertstel Sekunden geht. Schnell und scharf gefahren wird immer noch, doch für die meisten der mittlerweile 450 Teilnehmer ist die Zieleinfahrt in Brescia am Sonntag er eigentliche Sieg.


Die Mille.

Die Mille – wie sie alle Teilnehmer nur nennen – umgibt ein weltweiter Mythos, den nur verstehen kann, wer einmal selbst ins Steuer gegriffen hat. Wer die Mille Miglia einmal hinter dem Steuer eines dieser grandiosen Klassiker erlebt, am Wegesrand Fähnchen geschwenkt oder Hunderte Hände begeisterter Fans nahe der Engelsburg in Rom abgeklatscht hat, der kann die Begeisterung aller Beteiligten nur allzu gut verstehen. „Die Mille Miglia ist natürlich ein Mythos“, sagt Adrian Gattiker, „dieser Mythos wird Realität, wenn man dann die Mille Miglia fährt. Es ist einfach einzigartig.“


Der ehemalige Entwicklungsvorstand der Daimler AG, Prof. Dr. Thomas Weber, als Copilot im 190 SL.


Menschenauflauf beim Start der Mille Miglia in Brescia.

Automobile Legenden.

An den Straßen jubelten auch in diesem Jahr wieder Hunderttausende von begeisterten Zuschauern, die Fahrzeuge zu sehen bekommen, die sonst in Privatsammlungen versteckt stehen. Zugelassen sind bei der Mille Miglia jene Fahrzeuge, die in den Veranstaltungsjahren des ursprünglichen Rennens von 1927 bis 1957 gebaut wurden. Wo bekommt man sonst automobile Legenden wie Alfa Romeo 6C, Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer, Jaguar XK 120, Porsche 356 oder spektakuläre Vorkriegsmodelle wie die BMW 328, Mercedes-Benz SSK, Amilcar GCSS oder die einzigartigen O.M. Modelle zu sehen? Gerade in den frühen Vorkriegsmodellen ist das 1.700-Kilometer-Rennen eine echte Herausforderung für Mensch und Maschine. Adrian Gattiker: „Technisch war mein Fahrzeug absolut zuverlässig, trotz manchmal thermisch schwierigen Situationen für den Motor. Je länger wir auf den Straßen Italiens unterwegs waren, umso besser lief die Maschine.“

Sportliche Höchstleistungen.

Doch Fahrer und Material sind nicht die einzigen, die während des Rennens nicht zur Ruhe kommen. Die Werkstattteams vollbringen während des viertägigen Rennens sportliche Höchstleistungen. Zum einen müssen sie dem donnernden Tross am Rande der Legalität mit Höchstgeschwindigkeit im bisweilen turbulenten italienischen Straßenverkehr folgen. Die 1.700 Kilometer sind für die Oldtimer der 20er- bis 50er-Jahre kein Pappenstiel – Pannen sind an der Tagesordnung. Da heißt es schnell helfen. Zum anderen beginnt der Tag für die Mechaniker zwei Stunden früher als für die Starter und nicht selten bringt die Nacht keinen echten Schlaf. Denn wenn sich Pilot und Beifahrer nach langen und allemal kräftezehrenden Etappen voller Erlebnisse des Renntages in den Kissen wälzen, werden an den Oldtimern Räder und Antriebe kontrolliert, Flüssigkeiten nachgefüllt oder ganze Komponenten gewechselt.


Da sich dies mit den erlaubten Arbeitszeiten kaum darstellen lässt, sind jeweils durchweg mehrere Monteurteams vor Ort, die im Zwei- bzw. Dreischichtbetrieb arbeiten.

„Die Planungen für jede Mille Miglia beginnen bei uns im September / Oktober“, erzählt Ralph Wagenknecht von Mercedes-Benz Classic, „die Orga-Mannschaft umfasst bei uns acht bis zehn Personen inklusive Team-Arzt, Steuerung der Agentur und Fotografen, Akkreditierungen, Sicherheit, Hotels und Catering. Pro Nacht müssen allein hundert Zimmerbuchungen koordiniert werden.“ Mercedes-Benz Classic ist allein mit mehr als 20 Begleitfahrzeugen vor Ort. „Wir haben 13 Serviceteams mit 27 Spezialisten für Mechanik, Elektrik und Karosserie“, sagt Mercedes-Benz Classic Projektmanager Michael Plag.


Die Begeisterung der italienischen Bevölkerung an der Strecke ist einzigartig.


Den Sommerabend genießen.

Für Adrian Gattiker und seinen Mitfahrer Oliver Sellnick war die Tour nach der Zieleinfahrt in Brescia noch nicht zu Ende. „Am Sonntagabend, nach Feiern und Verabschiedung sind wir per Achse zurück in die Schweiz gefahren“, strahlt Adrian Gattiker, „und um Mitternacht am Zürichsee heil angekommen.“ Doch die nächste Ausfahrt mit dem bayrisch-blauen 300 SL wird nicht lange auf sich warten lassen. Aus seiner Oldtimergarage hoch über dem schicken Zürichsee ist Gattiker innerhalb von wenigen Minuten auf einzigartigen Bergstraßen und kann hier auch einmal den Sommerabend genießen. Es muss ja auch nicht immer die Mille Miglia sein.