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  • Die klassischen Fahrzeuge wie dieser Mercedes-Benz SSK liefern nicht die einzig spektakulären Ausblicke auf der Mille Miglia.
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    Mille Miglia 2018: Gran Turismo.

    Die Mille Miglia ist eine der letzten großen Herausforderungen, die man in Europa auf vier Rädern erleben kann.

Florenz, Siena, Brescia, Parma oder Rom.

Die Mille Miglia ist eine der letzten großen Herausforderungen, die man in Europa auf vier Rädern erleben kann. Längst geht es bei dem Autorennen durch die nördliche Hälfte Italiens nicht mehr um Höchstgeschwindigkeiten und Rekorde – doch die Atmosphäre zwischen jubelnden Menschen, grandiosen Panoramen und der unvergleichbaren Gastfreude macht sie einzigartig auf der Welt.

Florenz, Siena, Brescia, Parma oder Rom – wie das schon klingt. Mille Miglia heißt, einige der schönsten Städte Italiens bei Sonnenschein mit einem Oldtimer erkunden, tausenden von begeisterten Fans zuwinken, sich in die Toskana verlieben und dazu noch das Adrenalin von Wertungsprüfungen in den eigenen Adern spüren, nachdem man sich mit Espresso und gefülltem Cornetto auf die nächste Etappe eingestimmt hat.


In einem Mercedes-Benz SSK ist die Mille Miglia harte Arbeit. Die Insassen sind Wind und Wetter maximal ausgeliefert. Lenken, Kuppeln und Bremsen wird zur Schwerstarbeit.

In einem Mercedes-Benz SSK ist die Mille Miglia harte Arbeit. Die Insassen sind Wind und Wetter maximal ausgeliefert. Lenken, Kuppeln und Bremsen wird zur Schwerstarbeit.


Gruppenbild mit offenen Türen: die Mercedes-Benz 300 SL – im Vordergrund die Startnummer 348 mit Gorden Wagener am Steuer – sorgen überall für Aufsehen.

Gruppenbild mit offenen Türen: die Mercedes-Benz 300 SL – im Vordergrund die Startnummer 348 mit Gorden Wagener am Steuer – sorgen überall für Aufsehen.


Für jedermann einzigartig.

Wer die Mille Miglia einmal mitgefahren ist, wird das niemals wieder vergessen. Das Erlebnis ist – völlig unabhängig in welchem Oldtimer man die über 1600 Kilometer erlebt – für jedermann einzigartig. Wenn es besonders spektakulär sein soll, darf es gerne ein Alfa Romeo 6C 1750, wieso nicht ein Jaguar XK 120 oder gleich der grandiose Mercedes-Benz 300 SL „Gullwing“ sein, der einen auf dieser Tour begleitet. Teilnehmen dürfen nur solche Oldtimer, die auch bei der historischen Mille Miglia zwischen 1927 und 1957 um Sieg und Ehre kämpften. Bis heute unvergessen die Rekordzeit von Sir Stirling Moss, der die Fahrt zwischen Brescia, Rom und wieder zurück im Jahre 1955 in 10 Stunden, 7.48 Minuten absolvierte – im öffentlichen Straßenverkehr mit einer unfassbaren Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 157 km/h. Sein Rennwagen: der legendäre Mercedes-Benz 300 SLR mit der Startnummer 722 – gemäß seiner Startzeit um 7.22 h.


Mit Leib und Seele Rennfahrer.

Ihm gleichmachen will es bei der 2018er Auflage Kazunori Yamauchi – zumindest ein bisschen. Der 51jährige Japaner hat das Computerspiel Gran Turismo zu dem gemacht, was es ist und gilt dabei als einer der einflussreichsten Spieleentwickler aller Zeiten. Ganz nebenbei ist er leidenschaftlicher Rennfahrer, im Alltag bevorzugt mit seinem Mercedes-Benz 500 SL unterwegs. „Doch die Mille Miglia bin ich noch nie gefahren“, sagt der zurückhaltende Japaner, „es wird sicher ein einmaliges Erlebnis. Ich kann es kaum erwarten.“ Zusammen mit seinem Copiloten Kintaro Ueno ist er in einem dunkelroten Mercedes-Benz 300 SL mit der Startnummer 356 unterwegs.


Kurz vor dem Start merkt man Kazunori Yamauchi an, dass er bei aller Begeisterung für digitale Rennspiele mit Leib und Seele Rennfahrer ist, der am Wochenende mit seinem Porsche 911 GT3 nur allzu gerne ein paar schnelle Runden auf Rennstrecken dreht. Laguna Seca, Road Atlanta, Mount Fuji und Nürburgring – er kennt sie nicht nur wegen des Gran-Turismo-Spiels aus dem Eff-Eff. Der Autofan ist konzentriert, geht zusammen mit Kintaro Ueno im historischen Teatro Grande im Herzen von Brescia nochmals das Roadbook durch, kontrolliert die Ausrüstung und bereitet sich im Geiste auf die erste Wertungsprüfung vor, die bereits kurz nach dem Start in Brescia beginnt.


Das japanische Team Kazunori Yamaushi und Kintaro Ueno erlebte auf der Mille Miglia 2018 einzigartige Momente in dem roten Mercedes-Benz 300 SL „Gullwing“.

Das japanische Team Kazunori Yamaushi und Kintaro Ueno erlebte auf der Mille Miglia 2018 einzigartige Momente in dem roten Mercedes-Benz 300 SL „Gullwing“.


Anfassen, fachsimpeln und Fotos machen.

Zeit für ein paar Autogramme ist auf dem Weg zu seinem Flügeltürer mit der Startnummer 356 natürlich auch noch, denn nicht nur bei jungen Spielefans wird der Japaner schneller erkannt als es ihm lieb ist. Er ist zurückhaltend – doch auf der Mille ist alles anders. Da wollen die Fans anfassen, fachsimpeln und Fotos machen. Der Vice President von Sony Computer Entertainment mag an Italien nicht nur die typische Küche. Im vergangenen Herbst wurde ihm von der Universität Modena die Ehrendoktorwürde verliehen. Hier fasste er auch den endgültigen Entschluss, an der Mille Miglia teilzunehmen.


Über 100 Wertungsprüfungen.

So wie dem Spieleentwickler geht es vielen Teilnehmern im über 420 Fahrzeuge starken Teilnehmerfeld der Mille Miglia 2018. Natürlich geht es heutzutage nicht darum, die Rekordzeit von Stirling Moss zu pulverisieren; nach ihrer Wiederaufnahme im Jahre 1977 wurde die Italientournee eine Gleichmäßigkeitsfahrt mit über 100 Wertungsprüfungen und inoffiziellem Expresszuschlag. Doch die Piloten kommen mit ihren automobilen Preziosen nicht zuletzt deshalb zur Startrampe nach Brescia, um etwas schneller fahren zu können, als es generell im normalen Straßenverkehr erlaubt ist – erst recht mit ihrem geliebten Klassiker.


Es muss nicht immer ein Flügeltürer sein. Auch dieser Mercedes-Benz 220 „Ponton“ brachte die 1.600 Kilometer ohne Probleme hinter sich

Es muss nicht immer ein Flügeltürer sein. Auch dieser Mercedes-Benz 220 „Ponton“ brachte die 1.600 Kilometer ohne Probleme hinter sich.


Begegnungen der ganz besonderen Art gibt es auf der Mille Miglia viele – doch selten sind diese so schön wie „Rot trifft Silber“ – in Form der legendären Mercedes-Benz 300 SL „Flügeltürer“.

Begegnungen der ganz besonderen Art gibt es auf der Mille Miglia viele – doch selten sind diese so schön wie „Rot trifft Silber“ – in Form der legendären Mercedes-Benz 300 SL „Flügeltürer“.


Weit mehr als eine Italienrundfahrt.

Da macht Kazunori Yamauchi keine Ausnahme. Er merkt schnell, dass die Mille Miglia auch 91 Jahre nach ihrer Erstauflage weit mehr ist, als eine entspannte Italienrundfahrt. Die 112 Wertungsprüfungen haben es auch diesmal in sich und die Besten verpassen die vorgegebenen Durchgangszeiten allenfalls um ein paar hundertstel Sekunden. Als der Mercedes-Benz Fan am dritten Tag mit seinem dunkelroten „Gullwing“ auf die Piazza del Campo von Siena über das muschelförmig angeordnete Kopfsteinpflaster herunterrattert, wird jedoch auch ihm der Mund trocken und er umgreift das weiße Speichenlenkrad mit der einzigartigen Klappfunktion noch etwas fester als bei den letzten Wertungsprüfungen.


„Das hier ist einfach unvergleichlich.“

Copilot Kintaro Ueno hat seine Flügeltür hochgeklappt, klatscht Kindern im Spalier die Hände ab und bringt den Speicher seines Smartphones mit der Fotoflut an seine Grenzen. „Ich bin am Nürburgring in der Eifel schon das 24-Stunden-Rennen gefahren“, sagt Kazunori mit einem Lächeln, „doch das hier ist einfach unvergleichlich. Dieser Wagen, die Leute und das alles hier – unbeschreiblich.“ Sagt’s und röhrt im ersten Gang den leichten Anstieg vorbei am Duomo von Siena hinauf. Ein paar Meter weiter warten im kühlen Schatten die Durchfahrtskontrolle und die nächste Wertungsprüfung.


Da gibt es dann für Kintaro Ueno wieder Schwerstarbeit mit Roadbook und Stoppuhren. Das japanische Doppelpack nimmt die Mille Miglia ernst – und wird bei seinem ersten wohl nicht zum letzten Mal dabei sein. „Leider kann man die Mille Miglia mit ihrer Länge von 1600 Kilometern nicht in ein Computerspiel packen“, grinst Kazunori Yamauchi, „das wäre sonst noch etwas.“ Wer weiß – vielleicht klappt’s ja doch. Gran Turismo 7 soll ja schon in Planung sein.