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  • Premiere des Mercedes-Benz SS auf dem Nürburgring vor 90 Jahren.
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    Sensationeller „Super-Sport“-Sieg.

    Premiere des Mercedes-Benz Typ SS („Super-Sport“) auf dem Nürburgring vor 90 Jahren.

Dreifach-Erfolg zur Premiere.

Ein großer Triumph: Die neuen Mercedes-Benz SS (W 06) gewinnen am 15. Juli 1928 überlegen ihr erstes offizielles Rennen, den Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Den Dreifachsieg der Stuttgarter Marke führt das Team Rudolf Caracciola und Christian Werner (Startnummer 6) vor Otto Merz (Startnummer 5) sowie Christian Werner und Willy Walb (Startnummer 4) an.


Rennsieg für Mercedes-Benz: Christian Werner auf Typ SS wird im Ziel des III. Großen Preises von Deutschland am 15. Juli 1928 als Sieger abgewunken.

Rennsieg für Mercedes-Benz: Christian Werner auf Typ SS wird im Ziel des III. Großen Preises von Deutschland am 15. Juli 1928 als Sieger abgewunken.


Vor dem Start des Großen Preises von Deutschland am 15. Juli 1928: Mercedes-Benz SS.

Vor dem Start des Großen Preises von Deutschland am 15. Juli 1928: Mercedes-Benz SS.


Strapaziöse Hitzeschlacht.

Das Rennen wird im heißen Juli vor 90 Jahren zur strapaziösen Hitzeschlacht auf Süd- und Nordschleife der erst im Jahr zuvor eröffneten Rennstrecke in der Eifel. 18 Runden zu 28,27 Kilometer sind zu fahren, macht mehr als 500 Kilometer mit den starken und schweren Kompressorfahrzeugen.

Rudolf Caracciola, das große Talent der Mercedes-Benz Rennabteilung sagt über den Typ SS: „Leicht zu fahren war diese deutsche Eiche von einem Auto nicht.“ Die Werksrennwagen gehen im traditionellen weißen Lack an den Start. Ein schwarzer Querstreifen auf der Motorhaube kennzeichnet sie als Fahrzeuge der Klasse über drei Liter Hubraum (Gruppe 1).


Weiterentwicklung des Erfolgsmodells.

Der Mercedes-Benz SS (das Kürzel SS steht für „Super-Sport“) ist eine Weiterentwicklung des im Jahr 1927 so erfolgreichen Mercedes-Benz S.

Gegenüber dem Motor des Typ S haben die Mercedes-Benz Ingenieure die Bohrung um zwei Millimeter vergrößert und durch den Einsatz von jeweils 52 Millimeter großen Ein- und Auslassventilen den Ladungswechsel des Motors verbessert. Bereits in der Serienversion holt der Typ SS 118 kW (160 PS) aus dem 7,1-Liter-Sechszylindermotor. Mit eingeschaltetem Kompressor sind es 147 kW (200 PS) bei 3.300 U/min.


Schau-Stück: der Siegerwagen im Großen Preis von Deutschland 1928.

Schau-Stück: der Siegerwagen im Großen Preis von Deutschland 1928, ausgestellt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung 1928 in Berlin. Mit diesem Mercedes-Benz SS (Startnummer 6) führen Rudolf Caracciola und Christian Werner den Dreifachsieg der Stuttgarter Marke an.


Die Mannschaft 1928: Fahrer, Leitung und Mitarbeiter der Mercedes-Benz Rennabteilung beim Großen Preis von Deutschland am 15. Juli 1928.

Die Mannschaft 1928: Fahrer, Leitung und Mitarbeiter der Mercedes-Benz Rennabteilung beim Großen Preis von Deutschland am 15. Juli 1928.


„Super-Sport“-wagen.

Der Typ SS begeistert durch Rennsiege. Und zugleich überzeugt er ganz besonders als starker und luxuriöser Sportwagen für anspruchsvolle Privatkunden – ein im besten Wortsinne echter Supersportwagen seiner Zeit eben. Von den anderen Typen der S-Familie unterscheidet er sich unter anderem durch den Kühler: Dieser besteht aus acht Blöcken und ist 42 Millimeter höher als beim Typ S (sieben Blöcke). Der vom Typ SS für Bergrennen abgeleitete SSK hat ebenfalls den niedrigeren Kühler.


Die Stuttgarter Marke.

Lieferbar ist der Typ SS zunächst nur als Sport-Viersitzer. Auch im Großen Preis von Deutschland startet die Stuttgarter Marke mit viersitzigen Fahrzeugen, die hintere Sitzbank ist durch eine Abdeckung geschlossen. Später kommen ab Werk lieferbare Versionen wie der viersitzige Spezial-Viersitzer (1929) und das Spezial-Cabriolet sowie der Roadster (1932) dazu.


Was für ein exklusives Automobil der Typ SS ist, zeigt nicht zuletzt sein Preis: 1934 kostet das Fahrzeug als viersitziger Tourenwagen 35.000 Reichsmark und als Spezial-Cabriolet sogar 44.000 Reichsmark. Zum Vergleich: Das 1931 vorgestellte Mittelklasse-Modell Mercedes-Benz 170 (W 15) ist im selben Jahr als Innenlenker (Limousine) für 4.400 Reichsmark zu haben.


Der große Moment vor dem Großen Preis von Deutschland: die Rennwagen vor ihrem Start auf dem Nürburgring.

Der große Moment vor dem Großen Preis von Deutschland: die Rennwagen vor ihrem Start auf dem Nürburgring.


Heimspiel für Caracciola.

Caracciola, Sieger im Eröffnungsrennen des Nürburgrings 1927 in der Klasse der Sportwagen über fünf Liter Hubraum, kennt die Eifelstrecke gut. Und er schätzt die Leistungsfähigkeit seines Fahrzeugs: „Der große, massive Mercedes-Benz SS, der größte und schwerste Rennwagen der damaligen Gegenwart“, so erinnert sich der Rennfahrer später.


Ring-Rekord.

Aber Caracciola weiß auch: Insbesondere Bugatti ist ein starker Konkurrent im Großen Preis von Deutschland 1928. Das bekommt er schon im Trainingsduell mit Louis Chiron zu spüren. Wie in einer Reportage schildert Caracciola später die rasende Fahrt: „Der Wagen stürzt in den Raum ... schießt die Bergstraße hoch, die kerzengerade in den Himmel zu führen scheint, und stäubt wieder hinunter in das Tal ... haut mit einem unverschämten Tempo durch eine Serie von S-Kurven durch [...] da erscheint auf einmal neben meinem Wagen ein Gespenst, ein Schatten, ein rasender blauer Schatten [...] Kurve, Berghang, Bäume, sekundenlang der blaue Schatten ... sekundenlang diese kribblige Unruhe – nur nicht zu nahe kommen ... langsam schiebt sich der mächtige weiße Mercedes-Benz nach vorn.“


15. Juli 1928, Tag des Rennens. Die Sonne brennt vom Himmel, 35 Grad Celsius misst das Thermometer. Mächtig stehen die ehrfürchtig „weiße Elefanten“ genannten Rennsport-Tourenwagen in den ersten Startreihen. Insgesamt sechs der Fahrzeuge nehmen am Großen Preis von Deutschland 1928 teil. Jeder Rennfahrer wird von einem Mechaniker als Kopilot begleitet. Caracciola startet gut und steigert kontinuierlich sein Tempo. 104,8 km/h sind es in der ersten Runde, 111,6 km/h schließlich in Runde fünf: Streckenrekord! Stolz wirbt Mercedes-Benz damit wenig später auf dem Plakat zum Rennsieg: „Caracciola in der neuen Rekordzeit von 15:13⅕ = 111 km Durchschnittsgeschwindigkeit.“


Abkühlung: Pause für den von der Hitze gezeichneten Rudolf Caracciola an der Mercedes-Benz Box während des Großen Preises von Deutschland 1928.

Abkühlung: Pause für den von der Hitze gezeichneten Rudolf Caracciola an der Mercedes-Benz Box während des Großen Preises von Deutschland 1928.


Rückschläge für Mercedes-Benz.

Aber es gibt auch Rückschläge für die Stuttgarter Mannschaft: Willy Walb kommt in der zweiten Runde von der Strecke ab und stürzt in seinem Mercedes-Benz SS eine Böschung hinab. Der Rennfahrer bleibt unverletzt. Er macht sich auf den Fußmarsch zurück zur Box – acht Kilometer lang. In Runde neun fällt Christian Werner aus, Sieger des Eröffnungsrennens auf dem Nürburgring im Jahr zuvor in der Klasse der Rennwagen bis zwei Liter Hubraum. Grund dafür sind heftige Schmerzen in der Schulter durch harte Schläge der Lenkung. Dazu schreibt Rennleiter Neubauer rückblickend im Jahr 1959: „Damals – das waren diese verfluchten, 33 Zentner schweren Brocken, diese harte Steuerung, die kaum gedämpft wird. Da kann’s passieren, dass die schlingernden Vorderräder dem Fahrer das Lenkrad förmlich aus der Hand wringen, den Arm aus den Gelenken reißen.“


Sonnenstich und Brandblasen.

Als nächsten erwischt es Rudolf Caracciola: In der zwölften Runde muss er aufgeben – mit Verdacht auf Sonnenstich und mit Brandblasen an den Fußsohlen von den überhitzten Pedalen. Caracciola erinnert sich an die Strapazen: „Tropische Sonnenglut, geblendet, von der Hitze gebraten, durstig, schlapp – dazu das ungeheure Gewicht des Wagens, das in jeder Runde durch 180 Kurven gezwungen werden musste.“ Doch der Große Preis von Deutschland geht weiter für Mercedes-Benz. Denn zu der Zeit ist es üblich, dass ein Rennwagen in einem Wettbewerb von verschiedenen Fahrern gefahren wird. Zuerst übernimmt Willy Walb, der nach seinem Fußmarsch noch rechtzeitig an der Box ankommt, Werners Fahrzeug mit der Startnummer 4. Werner springt, trotz lädierter Schulter, für Caracciola ein. Gummierte Isolierbänder aus dem Werkzeugkasten geben dem Gelenk halt. Zwei Runden lang fährt Werner den Typ SS mit der Startnummer 6, dann übernimmt noch einmal Caracciola für zwei Runden, bevor Werner das Fahrzeug schließlich als Sieger mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 103,9 km/h ins Ziel bringt. Die Plätze 2 und 3 belegen Merz und Walb.


Siegerteam: Rudolf Caracciola (links) und Christian Werner gewinnen den Großen Preis von Deutschland 1928.

Rudolf Caracciola und Christian Werner gewinnen den Großen Preis von Deutschland 1928.


Gefeierter Triumph: die siegreichen Wagen zurück im Werk. Am Steuer (von links): Rudolf Caracciola, Otto Merz und Christian Werner.

Gefeierter Triumph: die siegreichen Wagen zurück im Werk. Am Steuer (von links): Rudolf Caracciola, Otto Merz und Christian Werner.


Alleingang in der Eifel.

Die große Konstante im dem Rennen: Otto Merz. Er kommt mit 103,3 km/h Durchschnitt auf Platz 2 ins Ziel. Ganz knapp muss der in der letzten Runde Führende seine Position wegen eines defekten Reifens an seinen Teamkollegen Christian Werner abgeben.


Zehn von 41.

In dem harten Rennen fallen 31 von 41 gestarteten Fahrzeugen aus. Bugatti, den großen Konkurrenten des Tages, hat Mercedes-Benz deutlich in die Schranken gewiesen. Chiron kommt mehr als eine Viertelstunde nach Christian Werner auf Platz 6 ins Ziel. Die offizielle Rennpremiere ist ein sensationeller Erfolg für den „Super-Sport“. Doch noch wichtiger für die Siege der Stuttgarter Marke Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre ist der weiterentwickelte und mit kürzerem Rahmen versehene Typ SSK („Super-Sport-Kurz“). Er erlebt sein Debüt kurze Zeit später am 29. Juli 1928 im neunten Gabelbach-Bergrennen bei Bad Ilmenau in Thüringen. Der Sieger bei den Sportwagen mit neuem Streckenrekord: Rudolf Caracciola.


Siegerteam: Rudolf Caracciola (links) und Christian Werner gewinnen den Großen Preis von Deutschland 1928.

Siegerteam: Rudolf Caracciola (links) und Christian Werner gewinnen den Großen Preis von Deutschland 1928.