100 Jahre Canberra sind Grund genug um mit dem Hauptstädter Ken Edwards und seiner Frau Alida die Planhauptstadt zu erkunden.

Melbourne? Sydney? Canberra!

1913 (er)fand Australien seine Hauptstadt. Eine Rundfahrt.
  • Melbourne? Sydney? Canberra!

  • Perfektes Wetter für Spazierfahrten.

    Heiß ist es an diesem Januarnachmittag, wenige Wochen vor Canberras 100. Geburtstag. Um die 40 Grad. Einer der wärmsten Tage, die je im Australian Capital Territory gemessen wurden. „Warm und trocken – perfektes Wetter!“, sagt Ken Edwards. Seinetwegen dürfte es gern ein paar Grad kühler sein, aber er meint sein Auto. Ein erdbeerrotes Mercedes-Benz 220 SEb Cabriolet, Jahrgang 1964. „Für Oldtimer könnten die Bedingungen kaum besser sein.“ Ken und seine Frau Alida sitzen auf der Terrasse des Cafés „Pork Barrel“, mit Blick auf das gleißend weiße Old Parliament House. Sie teilen eine Cola. Ein-, zweimal die Woche fahren sie ihr Cabrio spazieren. Durch die australische Hauptstadt, die so gar nicht urban wirkt mit ihrer grünen Skyline aus Baumkronen, aus der nur hier und da Gebäude ragen.

    Australisches Paar auf der Parliamentary Axis in Canberra, im Hintergrund das Australian War Memorial, im Vordergrund ihr Mercedes-Benz 220 SEb Cabriolet.

    Deren dominantestes „Bauwerk“ Lake Burley Griffin ist ein künstlicher See. „Regelmäßige Spazierfahrten tun dem Auto gut, weißt du“, sagt Ken. Und diesmal meint er sich mit: Auch ihm selbst könnte nichts Besseres passieren.

    Ken Edwards liebt es mit seinem Mercedes-Benz Cabriolet durch seine Heimatstadt Canberra zu cruisen.

    Ken Edwards liebt es, mit seinem Mercedes-Benz Cabriolet durch seine Heimatstadt Canberra zu cruisen.

    Geometrie vom Reißbrett.

    „Wollen wir?“, fragt Ken seine Frau. Sie will. Das Cabrio wartet im Halbschatten auf das Paar. Vom Alten Parlament fahren sie den Hügel hinauf zu dessen Nachfolger: dem New Parliament House, 1988 eingeweiht. Auch das politische Herz Australiens ist grün gewandet. Ein Grasteppich bedeckt das Gebäude, das sich zwischen wie Bumerangs geschwungene Seitenfassaden schmiegt. Hier oben, auf dem Capital Hill, eröffnet sich eine imposante Sichtachse, über das Alte Parlament und den See hinweg bis zum Australian War Memorial am Fuß des Mount Ainslie. Die Achse unterteilt das triangelförmig angelegte Regierungsviertel in zwei gleichgroße Hälften. Die geometrischen Formen der Stadt verraten ihre Wurzeln. Sie entstand am Reißbrett. War erst Vision, dann Wirklichkeit.

    Die Rangeleien zwischen Sydney und Melbourne, der zwei würdigsten Metropolen Australiens, haben dazu geführt, dass keine von ihnen zur Hauptstadt ernannt wurde.

    Wenn zwei Städte sich streiten ...

    1901 wurde Australien zum Nationalstaat. Melbourne und Sydney aber, die größten Städte, konnten sich nicht einigen, wer die würdigere Hauptstadt abgäbe. Auch gab es Bedenken, dass eine Nationalregierung zu sehr von einer der beiden Städte lokalpatriotisch vereinnahmt würde.

    Also verständigte man sich auf eine tabula rasa-Lösung: Eine neue Hauptstadt sollte entstehen. Über viele Jahre zog sich die Suche nach dem perfekten Ort hin. Erst 1913 konnte der Bau der Planstadt beginnen. In der Gegend Yass-Canberra, zwischen den beiden Metropolen.

    „Kein Hupen, kein Drängeln, keine Ungeduld.“

    Vom Capital Hill fahren die Edwards wieder hinunter in das „Regierungsdreieck“. Nicht nur das Wetter, auch die Jahreszeit ist optimal für die Flanierfahrt im Oldtimer: Die meisten Politiker und Ministeriumsbeamten sind noch verreist. Weihnachtsurlaub. Sommerpause. „Herrlich“, seufzt Alida Edwards. „Kein Hupen, kein Drängeln, keine Ungeduld.“ An normalen Tagen, sagt Alida, gehe es manchmal ein wenig ruppig zu. Obendrein gebe es dann in Canberra morgens um halb neun und am späten Nachmittag eine halbstündige Rushhour. Erträglich, verglichen mit anderen Hauptstädten. Doch Australiens Hauptstädter, die Canberrans, sind verwöhnt.

    Auf Canberras Straßen ist es ruhiger als in anderen Hauptstädten. Das genießen nicht nur die zahlreichen Touristen auf ihrer Tour entlang der imposanten Bildungs-, Kultur- und Architekturstätten.

    Nicht nur, was die freie Fahrt angeht. Auch hinsichtlich Kultur, Architektur und Bildung besitzt Canberra einiges vom Besten, was der Kontinent zu bieten hat. Nationalmuseum, Nationalbibliothek und Nationalbücherei liegen nur ein paar Känguru-Hüpfer auseinander. Die Australian National University gilt als die Elite-Universität des Landes.

    Ein Stopp vor der National Library of Australia.
    Ein Stopp vor der National Library of Australia.

    Fast wie in Schottland.

    Vor der National Library of Australia stoppt Ken den Wagen. Seine Frau geht ein paar Schritte hinüber in den Park, wo Bäume zwischen Kunstwerken, Kunstwerke zwischen Bäumen stehen. Hätte sie sich als Kind träumen lassen, dass das einmal ihre Nationalbibliothek würde – in Australien? Alida ist gebürtige Schottin. Als sie acht war, wanderte ihre Familie aus. „Wir landeten in Brisbane“, erinnert sie sich. „Später zogen wir nach Townsville in Nord-Queensland. Noch tropischer!“ Kultur- und Klimaschock zugleich für die Familie. Doch ein Glücksfall für Alida. In Townsville war es, wo sie Ken traf. Er arbeitete in dem Städtchen als Supermarkt-Manager. Sie verlobten sich und zogen in Kens Heimatstadt: Canberra. „Hier ist das Klima viel angenehmer“, sagt sie. Sogar Jahreszeiten gibt es. Fast wie in Schottland.

    Das rote Biest ist eine Dame.

    1976 gründete Ken Edwards‘ Vater, ein Automechaniker, zusammen mit drei mates den „Mercedes-Benz Club of the Australian Capital Territory“. Fast genau so lang, erzählt Ken, ist er selbst schon dabei. 36 Jahre. Seine Clubkollegen, um die 150 sind es, haben ihm dafür lebenslänglich gegeben: „Ken Edwards, Life Member“ steht auf seiner Mitgliedsplakette. Ken und Alida fahren am Ufer des Stadtsees entlang.

    Innehalten am Ufer des Lake Burley Griffin - der den Namen des Landschaftsarchitekten der Hauptstadt trägt.

    An einer besonders ruhigen Stelle der vierzig Uferkilometer machen sie noch einmal Halt. Gehen hinunter zum Wasser. Auf einer Halbinsel im See liegt das National Museum of Australia in der Abendsonne. Sie schweigen. Eine Frage noch. „Sure.“ Is the car a him or her? „It‘s a her.“ Hat sie einen Namen? Ken lacht. Natürlich. „The Red Beast.“

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