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  • Der Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115) mit Zebras im Hintergrund in Südafrika.
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    Mit dem Mercedes-Benz Strich-Acht in Südafrika.

    Destination G.

    Text und Fotos: Philipp Wente

Der Strich-Acht wird zur Legende.

Mit dem G-Modell ins Gelände? Das kann doch jeder. Wie aber wäre es, einen fünfundvierzig Jahre alten Strich-Acht auf raues Terrain auszuführen? Wir haben es gewagt. In Südafrika. Ein durch und durch staubiger Erfahrungsbericht.

G. In der Mercedes-Benz Nomenklatur steht das „G“ für „Geländewagen“, für das ikonische G-Modell. Entwickelt und seit fast vier Dekaden gebaut, um auf allen Straßen dieser Welt, vor allem aber abseits selbiger, Fahrer samt Material sicher und vergnügt ans Ziel zu befördern.

Das G-Modell wurde 1979 der Öffentlichkeit vorgestellt. Drei Jahre zuvor war der Strich-Acht, also die Baureihe W 114/W 115, abgelöst worden vom W 123. Er war also bereits Geschichte, als der G geboren wurde. Geschichte? Der Strich-Acht war schon damals weit mehr als das. Er war zur Legende geworden.


Der Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115) in Südafrika.
Der Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115) auf einer Schotterpiste in Südafrika.

Viele Strich-Acht sind Meilenmillionäre.

Nicht nur war er der erste Mercedes-Benz, der sämtliche Modelle der anderen Hersteller in den Zulassungsstatistiken überflügelte. Nicht nur ist die von Paul Bracq gezeichnete Karosserie mit ihrer klaren Linienführung ohne jegliches modische Beiwerk formal im besten Sinne zeitlos – und heute, wie zur Vorstellung 1967, eine wahre Augenweide. Insbesondere seine sprichwörtliche Zuverlässigkeit ist legendär. Viele Strich-Acht sind Meilenmillionäre. Mehr als eine Millionen Meilen! Das ist Benchmark bis heute. Der von Mercedes-Benz bestätigte Rekordhalter, ein W 115 240 D, der zwischen 1976 und 2004 mit drei Austauschmotoren 4,6 Millionen Kilometer zurücklegte, ist heute im Firmenmuseum in Stuttgart zu bestaunen.


Vierzylinder mit 2.307 cm3 Hubraum.

Was also liegt näher, als das eigentlich Undenkbare zu wagen: Wir schnappen uns einen betagten und sichtbar belebten weißen W 115 230.4 von 1973. Und fahren mit ihm dorthin, wo eigentlich nur Geländewagen fahren können. Gehen auf’s Ganze. Fahren auf Gravel.

Unser weißer Strich-Acht wird angetrieben von einem Vergaser-beatmeten Reihen-Vierzylinder mit 2.307 cm3 Hubraum, der maximal 81 kW bzw. 110 PS leistet. Gebaut wurde dieses Modell von August 1973 bis zur endgültigen Einstellung der Baureihe im Dezember 1976. Die Höchstgeschwindigkeit ist angegeben mit 170 km/h, der Durchschnittsverbrauch mit 11,4 Liter je 100 Kilometer.


Die Kühlerhaube des Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115) bei Sonnenuntergang in Südafrika.

G für Genuss.

Los geht’s in Kapstadt. Destination G(enuss). Bis kurz hinter Oudtshoorn ziehen sich wohlunterhaltene, bei der Fahrt im Strich-Acht auch wohlunterhaltende Asphaltbänder durch die traumhafte Landschaft des Western Cape. Es scheint, als sei das Auto genau hierfür, für gemütliches Cruisen, einst entwickelt worden. Für das Genießen: die sich über der langen Motorhaube und den konturierten Kotflügeln ausbreitende wunderschöne Landschaft, das sonore Brummen des in jeder Situation entspannten Vierzylinders.

Der zwar nüchterne, aber ungemein liebevoll gestaltete Innenraum gefällt auch heute – 50 Jahre nach Markteinführung – durch seine Klarheit, Reduziertheit und Bedienerfreundlichkeit. Nur der feinsinnigste Betrachter entdeckt einen Hauch feinen Zwirns: Nadelstreifen zieren dezent das Tachometer, wie auch die anderen Instrumente. So wird selbst Fahren nach Tacho zum Genuss.

Teile vom staubüberzogenen Heck des Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115).

G für Gravel.

Beim Tankstopp in Oudtshoorn kann der freundliche Tankwart seine Begeisterung für unseren weißen Begleiter kaum zügeln: „Oh, man. Oh, man. You’re a lucky man. You drive a Merc 115.“ Kurz hinter der Tankstelle geht es links ab. Die Straße führt schnurstracks in Richtung sich massiv auftürmender Berge. Kurz vor dem Swartberg-Massiv nimmt die Steigung zu, abrupt wechselt der Fahrbahnbelag. Wobei: Eigentlich wechselt dieser gar nicht wirklich. Abrupt gibt es einen „Belag“ eben nicht mehr. Destination G(ravel).


G für Gefahr.

Es gibt entspanntere Wege von Oudtshoorn zum auf der anderen Seite der Berge gelegenen Städtchen Prins Albert. Solche, bei denen man über Straßen fährt. Wir aber suchen ja das Abenteuer, suchen genau diese Herausforderung. Fahren also auf den Swartbergpass. Auf der Passhöhe ein Schild mit der Aufschrift „Die Hel“, die Hölle. Schotter, Sand, Staub, Steine, groß wie Medizinbälle, bilden das, was der Weg dorthin sein soll. Wir biegen ein. In einigen Senken verläuft der Pfad durch knietiefe Wasserlöcher. Der weiße, heiße Strich-Acht dampft beim Durchfahren. Aber er packt es. Schüttelt sich. Fährt weiter. Bis direkt hinein, in die Hölle.


Der Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115) fährt durch ein Wasserloch in Südafrika.
Der Mercedes-Benz Strich-Acht /8 (W 115) in Südafrika.

G für Gelände.

Wer das schafft, den kann nichts mehr erschrecken. Und tatsächlich. Eine weitere Woche fordern wir den weißen 230.4 täglich heraus. Fahren Sandpisten, fahren über endlose staubige Schotterpisten, durch savannenartige Landschaften. Oft lesen wir „Pasop. Slaggate on pad.“ Aber was sind schon Schlaglöcher? „Gevaar. Giftige Slang.“ Immer wieder begegnen wir wilden Tieren, die sich im relativ stark bevölkerten Südafrika hierher, abseits der geteerten Wege, zurückgezogen haben. Destination G(efahr).

All das macht unser Strich-Acht, eine Bezeichnung übrigens, die das offizielle Premierenjahr 1968 referenziert, klaglos mit. Staubig bis in jede Ritze, an einigen Fahrwerkslagern nun deutlich quietschend, nähert er sich schließlich Kapstadt und dem Tafelberg. Destination G: Er kann es. Aber es tat mitunter weh, diese schöne Limousine so zu quälen. Auch ohne dies hat sie einen festen Ehrenplatz auf der Mercedes-Benz Ahnentafel inne. Um regelmäßig gravierend Gravel in Angriff nehmen zu können, gibt es ja auch 2018 glücklicherweise noch das G-Modell.