Back
Back
  • Auf der großen Open Air Bühne: Freundeskreis.
    1

    Auf der großen Open Air Bühne: Freundeskreis.

Das Warten hat ein Ende.

Zehn Jahre können ganz schön lang sein. Zeeeeeehn! Diese zähe Zeitspanne ist seit dem letzten Auftritt dieser legendären Gruppe vergangen. Jetzt, Ende Juni 2017, ist es endlich wieder soweit: Freundeskreis hat geladen, und viele Freunde feinsten Hip-Hops und mindestens ebenso so viele Freundinnen sind unterwegs auf das neue Festivalgelände am Mercedes-Benz Museum. Jeder hat eins der raren Tickets ergattert. Eine bunte und entspannte Schar im Sommerlook, mancher davon mit einer dünnen Regen-Wind-Jacke in der Hand. Das Wetter ist nicht ganz stabil. Doch die Stimmung, die ist es. Die erkennbare Vorfreude in den Gesichtern sagt sogar: Da geht noch mehr. Kein Wunder, hat sich in der Wartedekade doch eine immense Energie angestaut – die sich heute gnadenlos entladen darf.


Ratzfatz steht die Bühne voll.

Die Vorgruppe ist keine. DJ Friction ist an seine Teller getreten und stimmt als erster die Menge ein. Wenig später stellt sich Don Philippe an den benachbarten Aufbau und kombiniert seine Sounds hinzu. Beide waren und sind Teil der Freundeskreis-Besetzung, und der wahre Fan weiß, dass dieses Mega-Konzert jetzt, ja jetzt endlich losgegangen ist: Köpfe und Körper schwingen sich ein und kommen ganz im Konzertsommer an. Und dann geht alles ganz schnell, ratzfatz sind auf der riesigen Open Air Bühne alle anderen Positionen besetzt und zünden wie auf einen Schlag das Feuerwerk. Der erste Knaller von Max Herre und Joy Denalane: „Esperanto“ aus dem gleichnamigen Album des fernen Jahres 1999. Der Name wurde damals damit begründet, dass Hip-Hop das Esperanto der Jugend sein solle und damit Menschen verbinde. Nur, wem hier muss man das erklären? Ist doch klar, oder?


Zweieinhalb Stunden „Kolchose-Pulsschlag“.

Und wie zur Bestätigung drückt sich die Sonne hinter den dunklen Wolken hervor und legt die Fans mit den emporgestreckten Hip-Hop-Händen in einen goldenen Abendglanz. Realität kann ganz schön kitschig sein. Nach dem ersten Stück begrüßt Max Herre noch etwas atemlos: „Zum zwanzigsten Geburtstag gibt’s Kolchose-Pulsschlag direkt aus Stuttgart!“ Insider-Vokabular, doch Allgemeinwissen darf sein, dass Freundeskreis einst antrat, um mit Hip-Hop die Welt zu verändern, mindestens ein wenig, was bis heute nachhallt. „Wir spielen eine Retrospektive: Zwanzig Jahren Geburtstag unseres ersten Albums ‚Quadratur des Kreises’, vor zehn Jahren das letzte Konzert, und jetzt stehen wir wieder gemeinsam auf der Bühne.“


Lässigkeit und Respekt.

Die Menge tobt und klatscht und springt, denn nichts anderes hat sie sich erhofft. Es werden schließlich zweieinhalb Stunden Pulsschlag sein, der immer noch mächtig pocht, der Pulsschlag von Künstlern des Wortes und der Beats. Neben Max Herre und Joy Denalane sorgen dafür auch Afrob, Sékou und Megaloh sowie eine fünfköpfige Band unter der Leitung von Lillo Scrimali. Hip-Hop – für die einen ist es die einzig relevante Lebenswelt. Für viele andere ein Rätsel. Das sich hier und heute lösen lässt: Einfach mitgehen und sich in den Flow der Musik hineinfallen lassen, das ist das einfache Rezept, und schon ist das Lebensgefühl spürbar. Es ist von großer Lässigkeit geprägt, von leben und leben lassen und damit von gegenseitigem Respekt. Und an diesem Abend vor dem Mercedes-Benz Museum fühlt es sich an wie eine superlockere Strandparty. Sicherlich, das Wetter könnte besser sein, es kippt hin und her zwischen schön und scheußlich, jedoch glücklicherweise ohne vollkommen übel zu sein.


Die Auftaktkonzerte.

Freundeskreis sorgt für den fulminanten Start des Mercedes-Benz Konzertsommers. Und das gleich zweimal, denn nachdem die Karten für das erste Konzert binnen Stunden ausverkauft waren, platzierte der Veranstalter kurzerhand einen weiteren Auftritt auf den Abend davor. Auch dafür waren die Tickets turboschnell vergriffen. Klar, Freundeskreis ist eine Stuttgarter Formation und das hier ein Heimspiel. Aber das allein macht den Erfolg nicht aus, sondern eben der erneute Auftritt nach zehn Jahren Pause. In dieser Zeit hat jeder der Musiker seine eigenen Pläne verfolgt. Dass Freundeskreis jetzt reifer ist, kann man freilich nicht sagen: Ihre Musik war schon in der früheren Ära reif bis vollreif.


Jedes Stück ein Wiedersehen.

Die angekündigte Retrospektive zündet voll. Jeder Song ist die Vorlage für den nächsten, und so hangelt Freundeskreis sich durch sein legendäres Repertoire. „A-N-N-A“, „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“, „Mit dir“ oder „1ste Liebe“, die Stuttgarter Hymne – alles ist da, und die Freundinnen und Freunde auf dem Festivalgelände feiern mit jedem Stück ein persönliches Wiedersehen, als würde man einen guten Kumpel nach langer Zeit erneut treffen. Nichts ist verlernt, Texte werden synchron zur Bühnenshow Zeile für Zeile mitgesungen. Eine wogende Masse gibt sich ganz der Musik und Stimmung hin.


Coole Party mit allen Zutaten.

Das Konzert vergeht wie im Flug, nein: wie im Flow. Bitte noch etwas mehr davon – und erfolgreich klatscht das Publikum Zugaben heraus. Doch auch der schönste Sommerabend geht einmal zu Ende. Gegen 22 Uhr verneigt Freundeskreis sich vor einem großen Publikum mit dem Rio-Reiser-Song „Halt dich an deiner Liebe fest“ im Reggae-Rhythmus. Ein letztes Mal schwingen Körper und Hip-Hop-Hände mit. Was für eine coole Strandparty. Alle Zutaten waren da. Einzig der Sand zwischen den Zehen, der fehlte.