Inmitten der wundervollen Stadt Jerusalem.

Reise nach Jerusalem im Mercedes-Benz 170 V.

Der Mercedes-Benz 170 V, Baujahr 1947, namens „Smoky“ brachte 1963 Rudolph Meindl und seine drei Kameraden als junge Abenteurer von Salzburg nach Jerusalem.

  • Reise nach Jerusalem im Mercedes-Benz 170 V.

  • Gepackt für die Reise: Mit seiner Mutter im Arm verabschiedet sich Rudolph Meindl von seiner Familie in Kirchenschöring.

    Ein wilder Drache namens Smoky.

    Schon nach dem ersten Kilometer der Testfahrt rauchte der Mercedes-Benz 170 V, Baureihe W 136, wie ein wilder Drache. „Wir hatten vor lauter Freude und Übermut über unser erstes eigenes Auto vergessen, Kühlwasser nachzufüllen“, erinnert sich Rudolph Meindl. „Daraufhin tauften wir das Auto auf den Namen ‚Smoky‘.“ Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die autounerfahrenen, jungen Burschen Smoky an seine Grenzen brachten. „Wir haben ihn bis aufs Äußerste beansprucht. Dafür hat er uns enorm weit gebracht!“

    Ein Roadmovie mit Happy End.

    Die Fahrt, über die hier berichtet wird, bietet Stoff für ein gutes Roadmovie mit verwegenen Fahrten durch Steinwüsten, Arrest, Krankenhaus – und mit einem Happy End. Alles begann an einem Juli-Tag im Jahr 1963. Der 21-jährige Rudolph Meindl und seine Kumpel Herbert Walter, Fritz Bachinger und Harry Demuth sitzen im Wirtshaus in ihrem Heimatort Kirchanschöring im Landkreis Traunstein und planen ihren Sommerurlaub: mit dem eigenen Auto nach Jerusalem!

    Pause zur Pose mit dem Mercedes-Benz 170 V: Harry Demuth, Fritz Bachinger und Rudolph Meindl. Herbert Walter drückt den Kameraauslöser.

    „Als tiefgläubig erzogene Katholiken war das unser großes Ziel“, erklärt der heute 70-jährige Meindl. Der Wirt hatte gelauscht und bot den Abenteurern seinen Mercedes-Benz 170 V, Baujahr 1947, für 250 D-Mark an.

    Der heute 70-jährige Rudolph Meindl erinnert sich gerne an die verrückten Abenteuer, die er als junger Mann er lebte.

    Auf jeden Fall Mercedes-Benz.

    Dieser stand allerdings nicht nur ohne TÜV da, sondern auch ohne Reifen. Kein Problem! Da die jungen Männer in Kirchanschöring nicht ganz unbekannt waren – Rudolphs Vater ist Lukas Meindl, Gründer des Outdoor-Schuh-Unternehmens Meindl, ließen sich die Reifen schnell organisieren. „Mein Vater ist stets einen Mercedes-Benz gefahren. Er war zwar ein sparsamer Mensch, doch alle neun Jahre hat er sich den neuesten Mercedes-Benz geleistet“, erzählt Rudolph Meindl.

    Im tiefen Sand ging streckenweise nichts mehr: In der Wüste benötigt Smoky, Baujahr 1947, Anschubhilfe.

    TÜV-Plakette vom Schrottplatz.

    Fehlte noch der TÜV. „Zwar bekamen wir vom Leiter der Zulassungsstelle den TÜV-Bericht – aber keine Plakette! Er gab uns augenzwinkernd mit auf den Weg, dass wir sie uns selbst organisieren müssten.“ Die Jungs ließen sich nicht lumpen, fuhren auf einen Autofriedhof, schnitten eine TÜV-Plakette aus einem Nummernschild und montierten sie auf das Kennzeichen ihres Smoky.

    „Ich hoffe, dieses Vergehen ist inzwischen verjährt“, lacht Rudolph Meindl. Sicherheitshalber parkten die Freunde das Auto jenseits der Grenze bei Salzburg. „In Österreich gab es damals noch keinen TÜV!“

    Vier Freunde. 5.500 Kilometer. Ein Smoky.

    Von dort aus starteten die vier voller Abenteuerlust und Reisefieber – und mit wenig technischem Verständnis für den Mercedes-Benz – ihre Reise gen Osten. Rund 5.500 Kilometer bis Jerusalem lagen vor dem Gespann. „Schon nach 150 Kilometern im Gasteinertal hatte Smoky am ersten steilen Berg erneut Probleme.“ Vier Männer, das Gepäck, reichlich Proviant und eine Gitarre auf dem Dach sowie rechts und links neben der Frontscheibe angeseilte Ersatzreifen waren für Smoky zu schwer. „Zwei von uns stiegen aus, liefen den Berg hinauf – den Rest schaffte Smoky, Gott sei Dank.“

    Die Reiseroute der Abenteurer.

    Bald jedoch waren die hinteren Stoßdämpfer völlig ramponiert, und der Motor zeigte ernste Anzeichen von Altersschwäche. Um die Hinterachse von Smoky nicht weiter zu belasten, fuhren ab Slowenien zwei der vier Freunde vorne auf den Kotflügeln mit, gebettet fast wie in einem Liegestuhl. „Schneller als mit 60 Stundenkilometern ging’s dann nicht mehr voran.“

    Im Leerlauf durch Göreme.

    Dennoch gierte der immerhin schon 16 Jahre alte Mercedes-Benz 170 V nach Benzin: rund 17 Liter auf 100 Kilometer. Die Reisekasse war knapp bemessen, jeder hatte 500 Mark dabei. Bald musste weiteres Geld her – die Abenteuer scheuten nichts: „Blutspenden hatte sich schon auf unseren Autostopp-Reisen bewährt – so auch diesmal.“ Allerdings büßten Rudolph Meindl und einer der Freunde, kaum waren sie wieder zu Hause eingetroffen, diesen Körpereinsatz mit Gelbsucht. „Immerhin hatten wir unterwegs wieder Geld.“ Um Benzin zu sparen und Smoky zu schonen, fuhren sie vom anatolischen Hochland durch Kappadokien nachts im Leerlauf die unzähligen Serpentinen bergab.

    Pferde-Stärke statt Kamel-Stärke: Das in den Wüstendörfern ungewöhnliche Gefährt erregte stets gehörig Aufsehen, wenn es mit den vier Abenteurern erschien.

    Das Gebiet um Göreme, bekannt durch bizarre Tuffsteinformationen, dahinein gehauene Höhlenkirchen und unterirdische Städte, ist zusammen mit anderen Felsdenkmalen seit 1985 Weltkultur- und Naturerbe der UNESCO. Auf der Fahrt begleitete sie ein Schutzengel. „Kaum fuhren wir nämlich im Tal durch den ersten Kreisverkehr, drehte die Lenkung durch! Die Hardyscheibe in der Lenkstange des Mercedes-Benz war gebrochen. Nicht auszudenken, wenn uns das in den Bergen passiert wäre.“

    Viel Staub aufgewirbelt hat Smoky bei der Fahrt durch die Wüste: Die Strapazen sind dem geschundenen Wagen anzusehen.

    Ziel erreicht.

    Abenteuer hin oder her – die Reise war auch eine kulturelle. Sofia in Bulgarien, Edirne, Istanbul und Ankara in der Türkei, Aleppo, Homs und Damaskus in Syrien. Dann war Jerusalem erreicht: Via Dolorosa, Garten Gethsemane und Klagemauer. „Wir blieben eine Woche!“ Dann lockte Bagdad. Anschließend ging es durch eine Stein- und Sandwüste – und die gab Smoky den Rest!

    Nichts ging mehr! Einem Lkw-Fahrer, der vorbeikam, versprachen sie Wagenheber und Reifen, wenn er sie bis zur Polizeistation an der irakisch-syrischen Grenze schleppen würde. „Wir hatten nicht bemerkt, dass wir mitten ins Kurdengebiet gefahren waren, auch damals schon ein Unruheherd.“

    Die Abenteurer verabschieden sich von Smoky, der auf dem Weg zurück in die Heimat den Geist aufgegeben hat: Herbert Walter, Fritz Bachinger, Rudolph Meindl und Harry Demuth

    Mercedes-Benz an Irak verschenkt.

    Deshalb wollte man die Touristen dort schnell wieder loswerden. Doch was sollte mit dem kaputten Mercedes-Benz geschehen? „Mein Vater hatte eine Bürgschaft über 1.000 Mark für die Zollbehörden unterschrieben, dass wir das Auto nicht illegal ausführen“, erläutert Meindl.

    „Also schenkten wir das Fahrzeug der irakischen Regierung, die uns eine Schenkungsurkunde ausstellte, mit der mein Vater später das Geld zurückbekam.“ Kaum war der Deal perfekt, „wurde Smoky auch schon ausgeschlachtet“. Mehr als Erinnerungen sind vom 170er nicht geblieben.

    Daumen hoch für die Heimfahrt.

    Für die vier Abenteurer dagegen war die Reise noch nicht zu Ende. Sie wurden durch Syrien bis in die Türkei geleitet. Auch die türkische Polizei war vorsichtig. „Wir blieben vier Tage in Hausarrest, bis ich mit der Botschaft telefonieren konnte. Man wollte negative Schlagzeilen vermeiden, falls uns deutschen Touristen etwas passiert wäre.“ Dann traten sie die Heimreise an. Ohne Smoky bedeutete dies aber wieder Autostopp.

    Die Sand- und Steinwüste auf der Fahrt nach Bagdad gab dem tapferen Smoky letztlich den Rest.

    Die 1.500 Kilometer bis Istanbul lief es problemlos. Dann musste Harry ins Krankenhaus. „Ich blieb bei ihm, während sich die beiden anderen weiter auf den Heimweg machten“, erinnert sich Rudolph Meindl. Er organisierte mit der eisernen Reserve – „500 Mark, die mir meine Mutter vor jeder Reise innen in meinen Gürtel einnähte“ – ein Bahnticket für den Freund. Er selbst trampte weiter.

    Ein adeliger Chauffeur.

    An der griechisch-jugoslawischen Grenze traute er seinen Augen kaum. „Ein Mercedes-Benz 220 Coupé hielt direkt neben mir.“ Der Fahrer, ein Graf aus Frankfurt, kam mit seiner Frau aus dem Urlaub und war begeistert vom abenteuerlustigen Rudolph Meindl. „Er nahm mich mit, ich habe noch alles genau vor Augen: die Lenkradschaltung, das elfenbeinfarbene Lenkrad – ein Prachtauto!“

    Eine schnurgerade Piste führt Smoky und die vier jungen Abenteurer durchs anatolische Hochland.

    In Belgrad hatte Meindl den Grafen mit seiner Abenteuerlust angesteckt: „Der lieferte seine Frau im Fünfsternehotel ab und schlief zusammen mit mir im Park unter freiem Himmel!“ Das schweißt zusammen – und so kehrte Rudolph Meindl mit einem adeligen Chauffeur im Mercedes-Benz 220 Coupé zurück nach Kirchanschöring. Acht Wochen zuvor war er von hier im alten 170er aufgebrochen.

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