Sir Stirling Moss spricht über seine Rennsportkarriere, sein Verhältnis zu Alfred Neubauer – und den besten Rennwagen aller Zeiten.

Sir Stirling Moss – Interview mit einer Rennsportlegende.

Sir Stirling Moss spricht über seine Rennsportkarriere, sein Verhältnis zu Alfred Neubauer und den besten Rennwagen aller Zeiten.
  • Sir Stirling Moss – Interview mit einer Rennsportlegende.

  • Sir Stirling Moss im Gespräch mit Michael Bock, dem Leiter von Mercedes-Benz Klassik und dem Mercedes-Benz Museum.

    „Neubauer war wie eine Vaterfigur“.

    Sir Stirling, 1955 war Alfred Neubauer Mercedes-Benz Rennleiter – ein Mann, fast so populär wie seine Fahrer. Was für ein Mensch war er?

    Er war einmalig: Sein großer Humor machte ihn sehr sympathisch, zugleich flößte er durch seine Stärke und seine Entschlossenheit Respekt ein. Vor allem aber war er eine Vaterfigur, die ihre Hand schützend über das ganze Team hielt. Meine Karriere war immerhin etwa 600 Rennen lang, doch kein Mensch im Rennsport hat mich so beeindruckt wie Neubauer.

    Wann trafen Sie ihn zum ersten Mal?

    Mein Vater hatte ihn bereits angesprochen, ob Mercedes-Benz mir eine Chance auf eine Testfahrt geben werde. Neubauer sagte: „Wir haben Ihren Sohn schon bei einigen Rennen beobachtet und sind an seiner weiteren Entwicklung interessiert.“ So ging ich 1954 zu Maserati, um Grand-Prix-Rennen zu fahren. Immerhin erregte ich damit bei Mercedes-Benz so viel Aufmerksamkeit, dass Alfred Neubauer mir für das folgende Jahr einen Vertrag anbot.

    Eine Frage des Lenkrads.

    Was war Ihr erster Eindruck vom Formel-Rennwagen W 196 R?

    Dieses Auto tat genau, was sein Fahrer wollte. Ich spürte sofort, dass man mit einem solchen Wagen Rennen gewinnen kann. Ebenso sehr hat mich die technische Ausstattung des Teams beeindruckt. Als ich sagte, dass ich mit einem 3-Speichen-Lenkrad besser zurechtkäme als mit dem vorhandenen 4-Speichen-Lenkrad, ließ man mir eines herstellen.
    Stirling Moss setzte auf ein 3-Speichen-Lenkrad. Üblich waren früher 4-Speichen-Lenkräder.

    Rudolf Uhlenhaut, der den W 196 entwickelt hatte, sprach als Sohn einer englischen Mutter natürlich perfekt englisch. Das machte es mir besonders leicht, mich mit dem Team zu verständigen und hineinzufinden.

    Sir Stirling Moss vor dem Mercedes 300 SLR.

    Der großartigste Rennwagen aller Zeiten.

    Ihren größten Triumph feierten Sie dann mit einem anderen Wagen …

    Ja, wie soll ich den 300 SLR beschreiben? Für mich ist er der großartigste Rennwagen, der je gebaut wurde. Auf den Langstreckenrennen wie der Mille Miglia kam es ja besonders auf die Zuverlässigkeit des Fahrzeugs an. Die Robustheit des ­300 SLR war unbeschreiblich. Er gab Sicherheit und war extrem leistungsstark. Auch andere Teams jener Zeit hatten hervorragende Konstrukteure und Ingenieure, doch machte bei Mercedes-Benz die technische Umsetzung den Unterschied. Defekte gefährdeten in jener Zeit nicht nur die Siegchancen, sondern konnten schwere Unfälle verursachen. Ich habe es in meiner Karriere mehr als einmal erlebt, dass ein Wagen ein Rad verlor. Der ­300 SLR gab mir das gute Gefühl, mich ganz auf das Rennen und den Sieg konzentrieren zu können.

    Die Angst fuhr immer mit.

    Wie gingen Sie damit um, dass Ihr Sport lebensgefährlich war?

    Man kann nicht sagen, dass ich den Sport wegen der Gefahr liebte. Die Angst vor einem schweren Unfall hat mich immer begleitet. Sie saß wie ein schwarzer Schatten mit im Auto und ließ sich nie abschütteln. Als ich für Mercedes-Benz fuhr, fühlte ich mich unbeschwerter, weil die Rennwagen Sicherheit vermittelten. Ich habe 1963 meine Karriere in Folge eines schweren Rennunfalls beendet, weil ich mich der Gefahr nicht mehr aussetzen wollte. Später dachte ich, dass ich vielleicht hätte weitermachen können. Doch ich habe damals so entschieden.
    Die Angst vor einem schweren Unfall fuhr stets mit.

    Mit Vollgas ins Ungewisse.

    War die Mille Miglia 1955 Ihr größtes Rennen?

    Und mein härtestes. Der Reiz und die Gefahr der Mille Miglia lagen im Unbekannten: Man wusste nicht, was nach der nächsten Kurve wartete. Es konnte eine Gerade sein, auf der man voll beschleunigen sollte. Es konnte eine noch engere Gegenkurve folgen. Anders als auf den Rundkursen, wo man im Training die Strecke und markante Punkte verinnerlicht.
    Stirling Moss und Juan Manuel Fangio beim Grand Prix von Italien in Monza 1955.

    Es war ungemein beruhigend, dass der ­300 SLR in kritischen Situationen Sicherheit gab. Seine Balance war perfekt, er verlor auch bei extremen Bremsmanövern nicht die Richtung, er war äußerst präzise zu steuern.

    Stirling Moss und Juan Manuel Fangio beim Eifelrennen 1955.

    „Heute warst Du einfach der Bessere“.

    Welche anderen großen Momente gab es in diesem Erfolgsjahr?

    Selbstverständlich meinen Sieg beim Grand Prix in England vor heimischem Publikum. Ich weiß bis heute nicht, ob mein Teamkollege Juan Manuel Fangio alles gegeben hat, um dieses Rennen zu gewinnen. Er wusste, wie viel mir ein Heimsieg bedeutete. Als ich ihn nach dem Rennen fragte, ob er sich zurückgehalten hätte, sagte er: „Nein, heute warst du einfach der Bessere!“ Ich habe ihm diese Frage auch in späteren Jahren oft gestellt, doch nie eine andere Antwort von ihm bekommen.

    Wie würden Sie Juan Manuel Fangio charakterisieren?

    Er war der beste Formel 1-Fahrer seiner Zeit. Ich wusste, wenn ich ihn beobachte und seiner Linie folge, werde ich sehr schnell sein. Doch ich sah keine Chance, schneller zu sein als er.

    „Mein Training war der Rennsport“.

    Haben Sie damals Sport getrieben, um fit für die Rennen zu sein?

    Der Rennsport selbst war das Training. Ich fuhr an fast jedem Wochenende mindestens ein Rennen, dazu kamen Entwicklungs- und Abstimmungsfahrten. Man war fit für den Sport, weil man beinahe täglich am Steuer eines Rennwagens saß.

    Was taten Sie, um zu entspannen und sich zwischen den Rennen abzulenken?

    Ich habe getan, was wohl alle jungen Männer in diesem Alter am liebsten tun: Ich habe mit den Mädchen geflirtet.
    Sir Stirling Moss vor dem Mercedes 300 SLR.

    Die Biographie einer Legende.

    Jahrgang 1929
    Beide Eltern im Motorsport aktiv
    In der Jugend Teilnahme an Reitturnieren
    Mit 17 Jahren Ausbildung im Hotelfach
    1948 erste Rennen in der Formel 3
    1951 erste Einsätze in der Formel 1
    1955 Vizeweltmeister in der Formel 1, Siege bei Mille Miglia, RAC Tourist Trophy und Targa Florio
    1956, 1957 und 1958 erneut Vizeweltmeister in der Formel 1
    Insgesamt 16 Grand-Prix-Siege

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