Back
Back
  • Mercedes-Benz 380 SE: Die S-Klasse der Baureihe W 126 in Südafrika.
    1

    W 126: Mit der Sänfte durch die Wüste Afrikas.

    Philipp Wente war mit dem W 126 in Südafrika auf einem Roadtrip über Beaufort West bis nach Kapstadt unterwegs.

    Text und Fotos: Philipp Wente

Nach Kapstadt über den Landweg.

Wohl die meisten Besucher nähern sich Kapstadt, dem Traumziel ganz im Süden Afrikas, aus der Luft. Der Landeanflug auf die Stadt, die sich mittlerweile vom tiefblauen Ozean bis hoch in die Hänge des mächtigen Tafelbergmassivs erstreckt, gehört zu den spektakulärsten dieser Erde. Sicher bietet die Anreise über den Landweg nicht diesen spontanen Aha-Effekt, bleibt aber dennoch mit Abertausenden faszinierenden Eindrücken lange im Gedächtnis. Insbesondere wenn der Weg durch das „Land des Durstes“ führt.


Die Mercedes-Benz S-Klasse 380 SE (W 126) in Beaufort West, auch „The heart of the Karoo“ genannt.
Die Mercedes-Benz S-Klasse 380 SE (W 126) in der Wüste Afrikas auf dem Weg nach Kapstadt.

Durch die Halbwüstenlandschaft mit dem W 126.

Idealerweise startet die Reise in einer der besten jemals gebauten Langstrecken-Limousinen, dem Mercedes-Benz 380 SE (W 126) der ersten Serie. Schon nach wenigen Stunden entspannten Cruisens in Richtung Südwesten gelangt man nach Beaufort West, einer Kleinstadt, die sie auch „The heart of the Karoo“ nennen. „Kurú“ bedeutet in der Khoi-Sprache „trocken, harsch und widerstrebend“. Die Karoo ist eine Halbwüstenlandschaft in den Hochebenen Südafrikas.


Das Land des Durstes.

Die Khoi nennen sie „Land des Durstes“. Schnell wird einem klar, warum: Links und rechts der Straße seit zig Kilometern ausgetrocknete Flussbetten, kein Baum weit und breit, nur wenige Sträucher, die sich im Wind ducken. Und überall dieser wunderbare rotgoldene Sand, vor dem der 380 SE mit seiner champagnerfarbenen Lackierung (Farbcode 473) perfekt zur Geltung kommt. Ähnlich einem Brillanten, der das Licht der Umgebung in sich aufnimmt, um es anschließend tausendfach verstärkt zu reflektieren.


Die Halbwüstenlandschaft Karoo ist eine Hochebene in Südafrika und wird auch „Land des Durstes“ genannt.
  • Tiefe Schluchten und dramatische Bergpässe finden sich immer wieder an der Karoo, der Halbwüstenlandschaft im Süden Afrikas.
    1

Tiefe Schluchten und dramatische Bergpässe.

Im Gegensatz zur viel befahrenen Garden Route im Süden Südafrikas kann man sich hier auch heute noch verlieren. Nicht nur, weil einen das GPS immer wieder auf steinige Schotterpisten durch scheinbar endloses Nichts lockt. Sondern auch, weil die Karoo dem Reisenden ihren eigenen Rhythmus aufzwingt, ihn immer wieder zu Abstechern verlockt in tiefe Schluchten oder über dramatische Bergpässe. Die nächste Tankstelle: stets mindestens einhundert Kilometer entfernt.


Vom Tourismus im großen Stil ist die Karoo glücklicherweise bislang verschont geblieben. Es sind die Aussteiger und Kreativen aus den großen Städten Johannesburg oder Kapstadt, die hier zwischen Farmern und Schafzüchtern ihrem Ideal eines entschleunigten Lebens nachspüren. Sie sind es auch, die in den verschlafenen Dörfern und Städtchen entlang der wenigen Asphalt-Straßen Ateliers, Galerien, Pensionen, Restaurants und Cafés in den alten Kapholländischen Siedlervillen eingerichtet haben.


Die Mercedes-Benz S-Klasse W 126 380 SE in der afrikanischen Wüste zum Sonnenuntergang.

Das Juwel von 1979.

Nach Stunden ausschließlich „harscher und widerstrebender“ Landschaft ist es an der Zeit, eine Pause zu machen. Bei frischem Kaffee und selbstgebackenem Kuchen in einem der liebevoll dekorierten Cafés findet der Blick unweigerlich das am Straßenrand parkende und mittlerweile doch arg verstaubte champagnerfarbene Juwel. Das nicht immer als solches gesehen wurde: Als die Baureihe W 126 auf der IAA 1979 präsentiert wurde, reagierte das damals konservative S-Klasse-Publikum schockiert. Selbst bei Mercedes-Benz beginne nun wohl das Plastik-Zeitalter, der neue Wagen sei schmucklos und nackt. Tatsächlich konnte es kaum einen größeren Gegensatz geben zum Vorgänger W 116. Gegen diesen mit doppelten Chromstoßstangen und barock geformtem Blech opulent daherkommenden Boliden wirkte der aerodynamisch geglättete W 126 mit seinen Polyurethan-Stoßfängern und deutlich weniger Chrom fast nüchtern.


Entstehung einer Design-Ikone.

Heute ist klar: Bruno Sacco, zum damaligen Zeitpunkt Leiter der Hauptabteilung Stilistik, hat eine Design-Ikone geschaffen. Sein W 126 verbindet klassische Elemente mit moderner Linienführung, jedes Detail passt perfekt. Das sahen die Kunden dann letztlich genauso: Bis 1992 wurden 892.123 Exemplare gebaut, darunter 74.060 Coupés. Im Oberklasse-Segment war er seinerzeit unangefochtener Weltmarktführer. Bis heute ist der W 126 die erfolgreichste jemals gebaute Oberklasse-Limousine. Und bis heute weiß sie zu begeistern. Schon im Stand. Beim Fahren sowieso: Das seidenweich laufende Triebwerk überträgt seine 160 kW (218 PS) über klassische Barock-Felgen so geschmeidig auf den Asphalt wie wohl kein anderes Fahrzeug aus dieser Epoche.


Die Mercedes-Benz S-Klasse 380 SE (W 126), die durch Bruno Sacco zur Design-Ikone geworden ist.
Mit der Mercedes-Benz S-Klasse 380 SE (W 126) ging es über den Fluss Monument, vorbei an Tieren in Richtung Kapstadt.

Mit Sanftheit in Richtung Südwesten.

Bis heute fasziniert die unglaubliche Sanftheit der Fortbewegung. Also sanft weiter Richtung Südwesten. Bei De Doorns, schon in den Winelands, geht es über den Fluss Monument. Welch Koinzidenz, welch Entsprechung: mit dem Zeitlosen, dem Eleganten, dem Ewigen, mit Bruno Saccos Meisterwerk, der S-Klasse, Baureihe W 126, über diese Brücke zu fahren. Mit ihr zu fahren, zu reisen, regelrecht über den Asphalt zu gleiten, macht auch heute noch richtig Freude. So sehr, dass man geneigt ist, das eigentliche Ziel der Reise, Kapstadt, ein wenig aus dem Blick zu verlieren.


  • Mercedes-Benz 380 SE: Die S-Klasse der Baureihe W 126 in Südafrika am Silo an der Waterront zur Dämmerung.
    1

Das Silo an der Waterfront.

Was schade wäre, denn Kapstadt ist seit nunmehr einem Jahr um eine Perle reicher. Genauer: um eine kontemporäre Architekturperle von Weltruhm, die neue Perspektiven auf Kapstadt, Südafrika und den gesamten Kontinent eröffnet, dem Silo an der Waterfront. Unter Leitung des Büros des Londoner Architekten Thomas Heatherwick begann man 2014 damit, ein lang schon nicht mehr genutztes, 57 Meter hohes Getreidesilo aus dem Jahr 1921 umzubauen, um darin ein Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst und ein Luxushotel unterbringen zu können. Die äußere Form des hellbraunen Betonbaus blieb dabei weitgehend erhalten. Neben dem quaderförmigen, höheren Teil des Gebäudes stehen quer dazu im Rechteck 42 zylindrische ehemalige Getreidespeicher, jeweils 30 Meter hoch.


Die Gesamtfläche des neunstöckigen Museums beträgt 9.500 Quadratmeter, von denen 6.000 Quadratmeter als Ausstellungsfläche dienen. Dazu kommen 18 Unterrichtsräume, ein Skulpturengarten sowie Restaurants und ein Museumsshop. Im höheren Teil des Gebäudes wird das The Silo Hotel betrieben, das als bestes und teuerstes Hotel Afrikas gilt. Und tatsächlich: The Silo ist eine 5-Sterne-Luxusherberge vom Allerfeinsten. Die riesigen Zimmer erstrecken sich über 2 Etagen, bieten aus den diamantenförmigen Fenstern und vom großen Balkon einen grandiosen Blick auf den alten Hafen, in dem Seehunde umherschwimmen, die Waterfront, das elegante WM-Stadion, den Lion’s Head und den Tafelberg. Wer noch mehr sehen will, geht auf die Dachterrasse, von der man die wohl beste 360-Grad-Sicht über Kapstadt, die Bucht und das gesamte Tafelberg-Massiv hat.


Der Blick in das Innere des Silos an der Waterfront in Kapstadt.

Ein Blick ins Innere.

Nach so vielen Blicken von und nach außen ist ein Blick ins Innere des Silos dringend geraten. Das im September 2017 eröffnete Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (Zeitz MOCAA) gilt als das weltweit größte Museum zeitgenössischer afrikanischer Gegenwartskunst. Es wurde im Auftrag des deutschen Managers und Kunstsammlers Jochen Zeitz in öffentlich-privater Partnerschaft errichtet. Nicht nur die ausgestellte Kunst begeistert. Auch das Gebäude selbst raubt den Atem: Die zylinderförmigen Silos wurden unterhalb des Daches durch Herausnahme oder Anschnitt in ein kathedralenähnliches Atrium umgestaltet.


Ein Zweckbau wird zum Juwel.

Nicht zuletzt deshalb wird dem Zeitz MOCAA schon heute das Potenzial zugeschrieben, eine ähnliche Bedeutung zu erlangen wie das Museum of Modern Art, das Centre Georges-Pompidou oder das Guggenheim Museum in Bilbao. Ein schöner Anblick. Ein schöner Ausblick. Dass es gelingt, über Architektur aus einem Zweckbau, einem Silo, einer gefühlt ewig ungenutzten Landmarke, ein wahres Juwel zu machen, stimmt optimistisch. Wünschen wir ihm einen ähnlichen Erfolg wie seinerzeit unserem W 126.


Das umgebaute Silo an der Waterfront, welches nun ein Museum und Luxushotel zugleich ist.