Nach zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit hat die Daimler und Benz Stiftung ihr Weißbuch zum autonomen Fahren veröffentlicht.

Neue autonome Welt: Ergebnisse eines wissenschaftlichen Rundumblicks.

Nach zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit hat die Daimler und Benz Stiftung ihr White Paper zum autonomen Fahren veröffentlicht.
  • Neue autonome Welt: Ergebnisse eines wissenschaftlichen Rundumblicks.

  • Autonomes Fahren wird unsere Art der Fortbewegung im Auto komplett verändern.

    Eine interdisziplinäre Frage.

    Auto-Ethik, Haftungsfragen, Testerlaubnis: Das sind die bisher bekannten und heiß diskutierten Stichworte rund um das autonome Fahren – aber mittlerweile nicht mehr die einzigen. Nach zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit hat die Daimler und Benz Stiftung ihr White Paper zum autonomen Fahren veröffentlicht. 28 Wissenschaftler aus über 20 unterschiedlichen Disziplinen sind anhand von konkreten Anwendungsfällen den offenen Fragen des autonomen Fahrens auf den Grund gegangen. Drei Anwendungsszenarien erscheinen in der Zukunft als besonders wahrscheinlich: das autonome Fahrzeug als „Autobahnpilot“, als autonomer, persönlicher Ersatz für das „Valet-Parken“ oder als autonomes „Vehicle-on-Demand“. Entlang dieser Szenarien haben die Wissenschaftler Chancen und Risiken des autonomen Fahrens analysiert und viele Antworten gefunden – aber ebenso viele neue Fragen aufgedeckt.

    „Potenziale besser nutzen“.

    „Eine solche breite und wissenschaftlich fundierte Basis, um die gesellschaftliche Diskussion zum autonomen Fahren zu starten, ist für die Einführung einer neuen Technologie bislang einmalig“, sagte Thomas Weber, in seiner Rolle als Vorsitzender des Stiftungsrats der Daimler und Benz Stiftung, während der Pressekonferenz in Berlin. „Dass wir so früh und dabei so qualifiziert neben vielen technischen Fragestellungen auch über die gesellschaftlichen und rechtlichen Implikationen einer neuen Technologie sprechen, unterscheidet diese öffentliche Debatte von der Einführung der Gentechnik oder der Atomenergie. Gerade weil wir vom autonomen Fahren nicht ‚überrollt‘ werden, können wir seine Potenziale besser würdigen und nutzen“, so Weber weiter.

    Thomas Weber ist Vorsitzender des Stiftungsrats der Daimler und Benz Stiftung und Vorstandmitglied der Daimler AG.

    Ein Vorteil des Forschungsprojektes war seine Interdisziplinarität: Ingenieure, Geographen sowie Stadt- und Raumplaner arbeiteten Hand in Hand mit Psychologen, Philosophen und Soziologen.

    Eckard Minx ist Vorsitzender des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung.

    © Daimler und Benz Stiftung/Oestergaard

    Eckard Minx arbeitet am 360°-Blick.

    Entstanden ist ein 360°-Blick auf die Chancen und Risiken des autonomen Fahrens für das Individuum, die Mobilität, das Verkehrssystem und die Gesellschaft. Und auf die Herausforderungen der anstehenden „Passagenzeit“ – dem Übergang vom traditionellen zum autonomen Verkehrssystem. „Eine wichtige Erkenntnis des Forschungsprojektes war, dass die Frage nach einer Technikethik eine interdisziplinäre Frage ist und sein muss; denn häufig zieht eine technologische Innovation weit mehr Veränderungen nach sich, als ihre Erfinder und Entwickler allein absehen können“, so Eckard Minx, Vorsitzender des Vorstands der Daimler und Benz Stiftung. Statt eines üblichen „Mensch-Lenkers“ schafft sich die Familie 2030 – wenn serienreif und erschwinglich – ein selbstfahrendes Auto an und reiht sich dann, kartenspielend, in den Straßenverkehr ein.

    Das autonome Auto holt Passagiere ab.

    Möglich. Möglich ist aber auch, dass sich das komplette Nutzungsverhalten ändert. Autonomes Fahren macht Carsharing deutlich attraktiver: Die Vernetzung zwischen den Fahrzeugen verbessert die Verfügbarkeit, Stand- und Parkzeiten gehen im Idealfall deutlich zurück. Hinzu kommt, dass der Weg zum „Mietauto“ entfällt. Das autonome Fahrzeug holt seine Passagiere ab, und fahren kann im Gegensatz zum heutigen Carsharing jeder – auch alte, junge und mobilitätseingeschränkte Menschen. Eine andere Frage ist: Löst autonomes Carsharing den ÖPNV zunehmend ab? Die Experten gehen von einem langen „Miteinander“ aus. Dennoch kann es langfristig zu einer deutlichen Verschiebung im Mobilitätsmix kommen.

    Das autonome Fahrzeug holt seine Passagiere ab, nachdem es per Smartphone geordert wurde.

    Bevor es aber um mögliche Ablösungsszenarien gehen kann, muss geklärt werden, ob Individuen und Gesellschaft die neue Technologie annehmen: keine leichte Aufgabe für die Forscher, das Image einer Technologie zu erheben, die es für die meisten Menschen noch gar nicht wirklich gibt.

    Barbara Lenz und ihr Team haben zum Thema Autonutzung heute sowie „Nutzungsszenarien morgen“ eine breit angelegte Studie durchgeführt.
    © Daimler und Benz Stiftung/Oestergaard

    Frau Lenz und Team erforschen Akzeptanz.

    Um der Akzeptanz dennoch auf die Schliche zu kommen, hat das Team um Barbara Lenz Online-Leserbeiträge großer nationaler Zeitungen in Deutschland und den USA ausgewertet und Gruppendiskussionen zum Thema „Autonutzung heute“ sowie „Nutzungsszenarien morgen“ durchgeführt. Eine Online-Befragung ergänzte das Forschungs-Set-up. Das Bild, das daraus entstand, war eindeutig – gemischt. Deutlich positiv fällt die Bewertung auf einer sachlichen Ebene aus – wenn es um Eigenschaften und Konsequenzen des autonomen Fahrens geht – allen voran Sicherheit und Flexibilität. Skepsis gibt es lediglich in Bezug auf Haftungsfragen, so zum Beispiel: Wer ist schuld, wenn es doch einen Unfall gibt? Geht es hingegen um die emotionale Akzeptanz der Technologie, halten sich Vertrauen und Misstrauen die Waage. Durchgängig erscheint nur, dass sich viele Menschen ambivalent äußern. Sie sind unentschieden – was nicht sonderlich verwundert, denn: Wenn die Berührungspunkte mit einer Technologie rein theoretischer Natur sind, fällt die Entscheidung „dafür“ oder „dagegen“ besonders schwer.

    Großes Interesse der Öffentlichkeit.

    Ganz anders sieht es aus, wenn Probanden die Technologie erleben dürfen. Daimler hat eine groß angelegte Akzeptanzstudie durchgeführt und Testpersonen im Fahrsimulator ans Steuer eines autonom fahrenden Mercedes-Benz Fahrzeugs gesetzt. Die anfängliche Skepsis war nach der virtuellen Testfahrt verflogen: 50 Prozent bezeichneten sich am Ende als Fans des autonomen Fahrens. Weitere 31 Prozent zeigten starkes Interesse. Insgesamt macht die Studie deutlich, dass es bisher noch keine fundiert informierte Öffentlichkeit zum Thema autonomes Fahren gibt.

    Das Interesse am autonomen Fahren ist groß, wenn Probanden die Technologie selbst erleben dürfen ist.

    Sowohl auf Seiten der Medien als auch seitens der Rezipienten herrscht derzeit Uneinigkeit darüber, was autonomes Fahren „eigentlich ist“, was von der Technologie zu erwarten ist, was sie kann und wo ihre Grenzen liegen.

    Gleiches Recht für alle.

    Was die Akzeptanz anbetrifft, ist also noch einiges zu tun. Ein Erfolgsfaktor wird auch der intelligente Übergang zum vollautonomen Verkehr sein. Wenn Sie Verkehrs- und Infrastrukturminister wären: Wie würden Sie das autonome Fahren auf die Straße bringen? Würden Sie extra „autonome Spuren“ schaffen? Würden Sie den Roboter-Autos Busspuren oder den Standstreifen auf der Autobahn zur Verfügung stellen? Und wo würden Sie anfangen? In kleinen Nischen – auf innerstädtischen Parkplätzen – oder zunächst nur auf der Autobahn? Soll der Güterverkehr zuerst autonom laufen? All diese Fragen haben die Wissenschaftler analysiert und kommen zu dem Schluss: Extra Spuren kann eine ausgereifte Infrastruktur nicht abdecken.

    Nur wenn die Roboter-Autos die gleichen Rechte und Pflichten besitzen wie alle anderen Verkehrsteilnehmer, wird ihre Akzeptanz in der Gesellschaft nach und nach steigen.

    Während konventionelle Fahrzeuge im Stau stehen, kann es keine Lösung sein, den neuen Robotern privilegierte Busspuren oder Standstreifen zur Verfügung zu stellen. Nur wenn sich die Roboter-Autos in den normalen Verkehrsfluss einreihen und die gleichen Rechte und Pflichten besitzen wie alle anderen Verkehrsteilnehmer, wird ihre Akzeptanz in der Gesellschaft nach und nach steigen.

    Die Experten sagen: Unser Verkehr wird durch autonomes Fahren deutlich effizienter
    © Daimler und Benz Stiftung/Vierus

    Der Verkehr wird deutlich effizienter.

    Zu Beginn der Übergangszeit werden auch aufgrund der höheren Kosten eher zusätzliche autonome Fahrzeuge in den Verkehr strömen, als dass sie konventionelle verdrängen. Wie wirkt sich dies auf die Auslastung unserer Infrastruktur aus? Die Experten sagen: Unser Verkehr wird durch autonomes Fahren deutlich effizienter. Denn autonome, kooperierende Fahrzeuge stabilisieren den Verkehrsfluss und verringern die Stauwahrscheinlichkeit deutlich. Um wie viel effizienter das Verkehrssystem tatsächlich wird, ist zwar bisher nur eine Hochrechnung – aber eine, die sich sehen lassen kann: Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch das autonome Fahren die Kapazität der Infrastruktur nahezu verdoppelt werden kann. Und das ist wichtig, denn dem Infrastrukturausbau sind nicht nur im dicht besiedelten Deutschland, sondern in ganz Europa enge Grenzen gesetzt.

    Wenn Fahrzeit nichts mehr ausmacht.

    Eng verknüpft mit veränderter Mobilität und einer effizienteren Auslastung der Infrastruktur ist auch die Frage, wie sich der Wohn- und Siedlungsraum verändert. Eine effizientere Nutzung von Fahrzeugen könnte dazu führen, dass langfristig weniger davon gebraucht werden. Heißt das: In Innenstädten steht wieder mehr Parkraum zur Verfügung? Und: Entstehen wieder mehr öffentliche, urbane Räume, die Stadtbewohner nutzen können? Führt das folglich dazu, dass noch mehr Menschen als bisher in die Innenstädte ziehen? „Genau das Gegenteil könnte der Fall sein: Derzeit sind Menschen im Schnitt eine Stunde und 19 Minuten unterwegs – davon 40 Minuten im Auto“, sagte Barbara Lenz, die im Kernteam des Forschungsprojekts für das Themenfeld „Gesellschaftliche und individuelle Akzeptanz“ verantwortlich ist.

    Eng verknüpft mit veränderter Mobilität und einer effizienteren Auslastung der Infrastruktur ist auch die Frage, wie sich der Wohn- und Siedlungsraum verändert.
    © Daimler und Benz Stiftung/Vierus

    Was aber, wenn ihnen in Zukunft auch eineinhalb Stunden Fahrt nichts ausmachen, weil die Zeit im autonomen Fahrzeug so sinnvoll genutzt werden kann? „Die neue Technologie könnte zu einer neuen Suburbanisierungswelle führen – wobei man aber nicht nur 20, sondern gleich 100 Kilometer außerhalb des städtischen Ballungsraumes wohnt, weil einem die Fahrzeit nichts mehr ausmacht“, sagte Lenz weiter.

    Konventionen auf den Kopf stellen.

    Kommunikation – symbolische, verbale und nonverbale – ist ein wichtiger Bestandteil unseres Verkehrssystems. Verkehrszeichen, Handzeichen und Worte sorgten bisher für einen Austausch zwischen Menschen. Welche Form der Kommunikation wird in Zukunft der Wahrnehmung von Menschen und Maschinen gerecht werden können? Wird das Fahrzeug das Handzeichen des Passanten erkennen und wird jeder Passant in jedem Kulturkreis die Signale des autonomen Fahrzeugs, zum Beispiel eine gehobene Hand als Stopp-Zeichen, auf gleiche Weise interpretieren? Und welche Chance hat der Verkehrspolizist in Zukunft noch verstanden zu werden?

    Früher oder später werden wir lang gehegte Verkehrskonventionen auf den Kopf stellen und die uns bekannte Straßenverkehrsordnung an die neuen Verkehrsteilnehmer anpassen müssen.

    Irgendwann – vielleicht 2050 –, in der vollautonomen Welt angekommen, stellt sich die Frage: Brauchen wir das Rechtsfahrgebot oder eine Höchstgeschwindigkeit noch, wenn autonom und rational fahrende Mobile ohnehin den situativ besten Modus berechnen? Früher oder später werden wir lang gehegte Verkehrskonventionen auf den Kopf stellen und die uns bekannte Straßenverkehrsordnung an die neuen Verkehrsteilnehmer anpassen müssen.

    Das Förderprojekt „Villa Ladenburg“ der Daimler und Benz Stiftung hat eine fundierte Basis für eine wirklich schöne neue autonome Welt geschaffen.
    © Daimler und Benz Stiftung/Oestergaard

    Förderprojekt „Villa Ladenburg“.

    Fazit: Bei wissenschaftlicher und umfänglicher Betrachtung bringt das autonome Fahren weit mehr Veränderungen mit sich, als es auf den ersten Blick erscheint – und dabei jede Menge Chancen. Das Förderprojekt „Villa Ladenburg“ der Daimler und Benz Stiftung hat eine fundierte Basis geschaffen, um in der öffentlichen Debatte die Weichen rechtzeitig zu stellen – für eine wirklich schöne neue autonome Welt. Wer mehr erfahren möchte, kann das White Paper der Daimler und Benz Stiftung hier herunterladen.

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