Abenteuer auf engstem Raum.

Extremsegler Alex Thomson über die Vendée Globe, die Herausforderung, alleine um die Welt zu segeln, und was wir davon lernen können.

Text: Hadassa Haack
Fotos: Alex Thomson Racing/Cleo Barnham
  • Abenteuer auf engstem Raum.

  • Endstation Abenteuer?

    Neues zu entdecken, über die Grenzen des Bekannten hinaus zu forschen – das hat Menschen seit jeher angetrieben. Aber was gibt es noch zu entdecken? Wir haben die Tiefen des Meeres erforscht, die höchsten Berge bestiegen, Wüsten und unergründliche Dschungel bezwungen – und auch vor dem All nicht haltgemacht. An das vielleicht ursprünglichste aller Abenteuer haben sich jedoch bisher nur wenige getraut: vollkommen alleine und ununterbrochen um die Welt zu segeln.

    Foto: Yves Sucksdorff

    Einer dieser Abenteurer ist der Engländer Alex Thomson. Bekannt für seine spektakulären PR-Stunts auf YouTube (Stichwort „Skywalk“) und jemand, der gerne seine eigenen Grenzen auslotet, bereitet der Extremsegler sich gerade auf das wohl schwerste Rennen um die Welt vor: die Vendée-Globe-Regatta, die am 6. November 2016 startet und bei der die Teilnehmer alleine und ohne Pause um die Welt segeln. Thomson nimmt zum dritten Mal teil; im Januar 2013 belegte er nach 80 Tagen, 19 Stunden und 23 Minuten den 3. Platz. Diesmal hat er vor, als erster Brite das Rennen zu gewinnen.

    Foto: Yves Sucksdorff

    Die teuerste Diät der Welt.

    Doch es sind nicht nur die beeindruckenden und unterhaltsamen Leistungen des Mercedes-Benz Markenbotschafters, die uns faszinieren – wie so oft ist das, was hinter den Kulissen abläuft, ebenso faszinierend und aufschlussreich. Wir folgen Alex Thomson an Bord seiner IMOCA 60 Segelyacht, wo er Rennfahrerin Susie Wolff und Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner eine Runde gefriergetrocknetes Essen aus der Tüte ausgibt – so ziemlich die einzige Nahrung, die er während seines ca. drei Monate langen Daseins auf hoher See zu sich nehmen wird. Haltbarkeit und Gewicht sind wichtige Faktoren und hat das Rennen erst einmal begonnen, gibt es keine Pitstops für Nachschub.

    Video.

    Wie schwer ist es – physisch und mental – in so einer anstrengenden Lage nicht normal essen zu können? Hat er jemals so richtig Heißhunger auf ein saftiges Steak und eine Flasche Rotwein? Thomson lacht: „Meine Teamkollegen und ich scherzen manchmal, wie lange wir es komplett ohne Essen aushalten können – das gefriergetrocknete Zeug schmeckt nicht wirklich toll. Mein Körper bekommt mal eine Auszeit. Wir essen sowieso meist mehr, als wir brauchen, und beim Rennen geht es um Performance und die richtigen Nährstoffe, um optimal zu funktionieren. Tatsächlich finde ich es schwieriger, wieder auf normale Essensgewohnheiten umzusteigen.“

    Da er alleine unterwegs ist, muss Alex Thomson die Aufgaben mehrerer Crewmitglieder stemmen und hat wenig Zeit zu schlafen. Während der letzten Vendée-Globe-Regatta verlor er acht Kilogramm. „Wir nennen es die teuerste Diät der Welt“, scherzt er.

    Tipps für Sterbliche (und Eltern).

    Wenn das Leben mal richtig anstrengend wird, gehen gute Gewohnheiten und gesunde Ernährung oft schnell den Bach runter – genau dann, wenn wir sie am meisten benötigen, um leistungsfähig und ausgeglichen zu bleiben. Können wir von der fast übermenschlichen Disziplin und geistigen Stärke, die Thomson während seiner Weltumsegelung an den Tag legt, etwas für unseren Alltag lernen?

    Er überlegt eine Weile, bevor er antwortet: „Ich kann nur erklären, was ich persönlich vom Segeln gelernt habe. Es hat mir gezeigt, dass unser Körper sehr viel erdulden kann und wie man anstrengende Phasen im Leben angehen kann. Zum Beispiel: Kinder kriegen. Meinen Schlaf managen zu können, war extrem hilfreich. Ich konnte meine Frau unterstützen wie bei der Wachschicht auf dem Boot. Man arbeitet zusammen als Team, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.“

    Einstellung ist alles.

    „Ich habe auch gelernt, Ziele anzupassen, wenn sie nicht mehr realistisch sind. Ich habe so viele Aufgaben auf dem Boot zu bewältigen ... Es kann passieren, dass ich alle halbe Stunde meine Pläne justieren muss. Es macht keinen Sinn, sich auf etwas zu versteifen, was überhaupt nicht mehr erreichbar ist – das ist einfach nur deprimierend. Bleib positiv, setze neue Ziele, teile sie in kleinere Abschnitte ein. Wir alle können bewusst entscheiden, wie wir in schwierigen Situationen reagieren – positiv oder negativ. Es war meine Entscheidung, 90 Tage alleine auf See zu sein. Also bin ich dem gegenüber positiv eingestellt. Wir sind im Alltag so beschäftigt, jede Minute ist verplant. Während des Rennens muss ich mich nur auf eine Sache konzentrieren: zu gewinnen. Und das ist ziemlich erfrischend!“

    Sich auf eine Sache zur Zeit konzentrieren, Ziele ändern, wenn sie nicht mehr erreichbar sind, und sich in anstrengenden Zeiten gesund ernähren, um optimal zu funktionieren – hilfreiche Tipps für uns Normalsterbliche. Was wir aber vom Extremsegler Thomson vor allem lernen können ist, dass der Erfolg einer jeden Reise von einer positiven Einstellung abhängt. Apropos Reise: Was sagt man, wenn ein Skipper das wahrscheinlich schwerste Rennen der Welt antritt? „Hals und Beinbruch“ erscheint unpassend, „viel Glück“ fast abwertend. „Nun, normalerweise sagt man ‚Bon Voyage‘ – wir nennen es allerdings ‚Bon Courage‘“, sagt Alex Thomson und lacht. Der Mann braucht kein Glück und Mut hat er genug. Der Sieg ist das Ziel und er ist startklar.

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