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  • Khoo Yeow Khim in seinem Ponton-Mercedes in Singapur.
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    Alte Liebe – Mercedes-Benz Typ 220.

    Singapur ist für Autofahrer ein teures Pflaster. Khoo Yeow Khim käme trotzdem nie auf die Idee, sich von seinem 62 Jahre alten Typ 220 zu trennen. Der Ponton-Mercedes ist sein guter Stern für alle Zeiten.

    Text und Fotos: Helge Bendl

Begleiter durch die Geschichte.

Herr Khoo ist ein munterer Mann, trotz seiner 89 Jahre. Er hat erlebt, wie sich seine Heimat von einem Handelsplatz in einen boomenden Tigerstaat verwandelt hat. Und er weiß viel davon zu erzählen. Die meiste Zeit seines Lebens, inzwischen 62 Jahre lang, hatte seine Familie ununterbrochen einen cremefarbenen Mercedes-Benz als Begleiter durch die Geschichte: Erst war sein Vater damit unterwegs, dann lange Jahre er selbst, mittlerweile auch sein Sohn. Bevor man mit ihm in die Vergangenheit reisen darf, will Khoo Yeow Khim seinen Besuchern aber zunächst das neue Singapur zeigen. Dafür steigt man erst aus, dann um – und fährt anschließend hinauf in den Himmel.


Herr Khoo und seine Familie neben dem Mercedes-Benz Typ 220a.
Der Mercedes-Benz Typ 220a in den Straßen von Singapur.

Der ganze Staat zu Füßen.

Der Trubel und die mit Einkaufstüten bepackten Shopper bleiben zurück auf der Erde, der Fahrstuhl schießt fast 200 Meter nach oben. Wenn sich im 57. Stockwerk des Marina Bay Sands Resort die Türen öffnen, liegt dem Betrachter der ganze Staat zu Füßen. Und entfaltet bei Sonnenuntergang ein großartiges Panorama: Auf der einen Seite das Meer, wo Tanker und Frachter auf die Einfahrt in den Hafen warten und blinken wie Glühwürmchen. Auf der anderen Seite riesige und per Lichtspektakel angestrahlte Bäume im Park „Gardens by the Bay“.


Wie von Zauberhand gesteuert.

Weiter entfernt sprudelt unablässig die „Fountain of Wealth“. Der hier symbolisierte Wohlstand hat Wolkenkratzer von gigantischen Ausmaßen in die Höhe wachsen lassen. Wie von Zauberhand gesteuert, verwandeln sie sich in der einsetzenden Dämmerung in Setzkästen aus Hell und Dunkel, die Straßen sich in glühende Arterien, Adern und Äderchen. Am nächsten Morgen lädt Khoo Yeow Khim zur Zeitreise ins alte, ins historische Singapur ein. Dafür fährt er zeitig in der Frühe, wenn noch wenig Verkehr ist, einmal quer durch das alte koloniale Zentrum nach Chinatown.

„Hier, das Raffles Hotel aus dem 19. Jahrhundert“, sagt Khoo Yeow Khim und zeigt im Vorbeifahren auf die geweißelte Legende aus der Kolonialzeit. „Es ist benannt nach Thomas Stamford Raffles, der die erste britische Niederlassung in Singapur gegründet hat.“ Auf der anderen Seite des brackigen Singapore River, wo sich die breiten Straßen zu kleinen Gassen verengen, bekommt Herr Khoo einen verklärten Blick: Das Viertel mit den bonbonbunten Fassaden der schmalen Shophouses, die in der Morgensonne leuchten, ist sein altes Zuhause. In der Stanley Street wurde er geboren, um die Ecke in der South Canal Road hatte der Vater sein Lebensmittelgeschäft, wie so viele Händler chinesischer Abstammung: „Hier schlug das Herz der Stadt.“


Alte Liebe: Khoo Yeow Khim und sein Mercedes-Benz Typ 220a.

„Für mich waren Autos immer viel spannender.“

„Andere Jungs haben Spinnen gefangen und sind auf Bäume geklettert. Für mich waren Autos immer viel spannender“, erzählt er aus seiner Kindheit. Fast logisch, dass er als junger Mann in England Fahrzeugbau studierte und später rund 30 Jahre lang beim Mercedes-Benz Importeur Cycle & Carriage im Kundendienst arbeitete. Über 20 verschiedene Modelle mit Stern standen im Laufe der Jahrzehnte bei den Khoos in der Garage. Aktuell sind es vier in Singapur und vier in London: Klassiker, Youngtimer, aktuelle Modelle. Doch angefangen hat die alte Liebe mit dem Typ 220, Baujahr 1955. „Die schicksten Taxis Singapurs kamen damals aus Deutschland.


Der erste Mercedes-Benz mit selbsttragender Karosserie in Pontonform, der Typ 180, Baureihe W 120, war in der Stadt sofort ein Hit.“ Er bot viel Platz im Innenraum, und an der Diesel-Version liebten die Taxifahrer den geringen Verbrauch. Als standesgemäßen Wagen für seinen Vater, einen Reishändler, wählte Khoo Yeow Khim aber das größere Modell, den Typ 220 mit sechs Zylindern und 2,2 Liter Hubraum. Er überzeugte ihn, zum Kaufpreis von 11 950 Malaya- und Britisch- Borneo-Dollar – der Währung der damaligen britischen Kronkolonie – noch weitere 90 Dollar in feine Weißrandreifen zu investieren.


Herr Khoo in seinem Mercedes-Benz Typ 220a

Der Ponton als Hochzeitsauto.

„Der Ponton war nicht nur der ganze Stolz meines Vaters, sondern auch mein Baby: Ich habe mich vom ersten Tag an um den Wagen gekümmert“, erzählt Khoo Yeow Khim. Die Nachbarn waren bald daran gewöhnt, dass es oft noch um Mitternacht vor dem Haus rumorte, weil der Wagen nach jeder Ausfahrt sorgfältig gewaschen wurde. Als Khoo 1967 heiratete, war der Ponton natürlich das Hochzeitsauto. „Ich hatte Glück, und das Wetter war gut“, flachst Ehefrau Irene Kuok. „Wenn sich Regen angekündigt hat, waren unsere Dates nämlich immer sofort vorbei: Dann musste der Wagen wieder in die Garage.“


Familienerbstück in dritter Generation.

Der „Große Ponton“ ist zum Familienerbstück geworden. Als sein Vater 1984 starb, erbte Khoo Yeow Khim den kostbaren Mercedes. Heute kümmert sich in dritter Generation auch sein 46-jähriger Sohn Khoo Kay Hong um das mit 90 000 Meilen gerade erst eingefahrene Schmuckstück. Es hat ihn zusammen mit seiner Freundin Ran zur Trauung chauffiert, und auch schon die vierte Generation, seine 2015 geborene Tochter Vera, liebt den alten Mercedes-Benz heiß und innig. Den mit persönlicher Geschichte aufgeladenen Wagen an andere Hochzeitspaare zu vermieten, kommt für die Khoos nicht in Frage: Er bleibt in der Familie. Auch weil er seinen eigenen Willen zu haben scheint und sich manchmal nicht starten lässt, wenn ein Fremder die Hand an den Zündschlüssel legt.


Khoo Yeow Khims Wagen ist vermutlich der letzte seiner Art in Singapur – und ein kostspieliges Hobby. Wie für jedes x-beliebige Auto benötigt er für den historischen Mercedes-Benz eine Anspruchsberechtigung. Die muss alle zehn Jahre erneuert werden und kostet inzwischen über 48 000 Singapur-Dollar, fast 32 000 Euro. Kraftfahrzeugsteuer, Versicherung und Straßenbenutzungsgebühren kommen obendrauf. Die betagte Limousine abzumelden und in der Garage abzustellen, ist keine Option – das ist in Singapur verboten.


Die Zulassungspapiere für den "Großen Ponton" mit dem Baujahr 1955.

Begehrte Kombination.

Zwar gäbe es auch die Möglichkeit, den Wagen als Klassiker zu registrieren und nur zehn Prozent der Anspruchsberechtigung zu bezahlen. Im Gegenzug wäre die Nutzungsdauer auf 45 Tage im Jahr beschränkt, was eigentlich genügen könnte. Doch erhalten Oldtimer ein neues, rotgelb gestreiftes Kennzeichen. „Kommt gar nicht in Frage, nichts wird verändert“, sagt Khoo Yeow Khim. „Das könnte Unglück bringen.“ Auf dem Nummernschild steht seit 62 Jahren „S 96“. Das „S“ steht für Singapur, und die „96“ ist eine extrem begehrte Kombination zweier chinesischer Glückszahlen.