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  • Rock am Ring – Tourenwagen Classics
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    Rock am Ring – Tourenwagen Classics.

    Die Rennserie Tourenwagen Classics lässt DTM-Legenden lebendig werden. Der 190 E 2.5-16 Evolution II von Mercedes-Benz Classic griff am Nürburgring ins Geschehen ein. Am Steuer für Mercedes-Benz saßen Marketing- Chef Dr. Jens Thiemer und der Unternehmer und Motorsport-Boss Toto Wolff.

    Text: Alexandros Stefanidis | Fotos: Martin Steffen

Das Duo.

Der eine war viele Jahre lang Hobby-Rennfahrer, der andere hatte eine kurze aktive Laufbahn als Rennpilot und startete anschließend als Unternehmer durch. Dr. Jens Thiemer und Toto Wolff lieben schnelle Autos. Im Rahmen des DTM-Rennens am Nürburgring setzten sich beide nach vielen Jahren Pause wieder in einen Rennwagen: den Rennsport-Tourenwagen 190 E 2.5-16 Evolution II von 1990. Mercedes Classic traf sie nach dem Qualifying zum Gespräch. Im Rennen belegte das Duo später einen respektablen achten Platz.


Jens Thiemer & Toto Wolff
Rock am Ring – Tourenwagen Classics

Mit einem Lächeln hinterm Steuer.

Herr Dr. Thiemer, Herr Wolff, Sie haben als Marketing-Chef beziehungsweise als Unternehmer und Motorsport- Boss eng getaktete Terminkalender. Sehnt man sich da manchmal nach so einem Tag wie heute?

Wolff: Als ich heute Morgen zum Nürburgring gefahren bin, dachte ich: Das ist seit sechs Wochen mein erstes freies Wochenende. Warum lade ich zu Hause nicht einfach mal die Batterien auf? Aber von der ersten Runde an habe ich gespürt: Es gibt keinen Ort, an dem ich im Moment lieber wäre als auf dem Nürburgring.

Einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer?

Wolff: Ich bin schon während des Qualifyings permanent mit einem Lächeln auf dem Gesicht hinterm Steuer gesessen.


„Freude, Respekt und auch ein bisschen Stolz.“

Thiemer: Mir ging es ähnlich. Ich stand als Junge oft am Nürburgring und habe dieses Auto bewundert, das Toto und ich heute fahren. Ende der 1990er-Jahre bin ich dann als Amateur auf einem Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Langstreckenrennen gefahren. Insofern ist das heute eine schöne Kombination aus Freude, Respekt und auch ein bisschen Stolz, bei den Tourenwagen Classics in einem echten Evo II Rennwagen zu sitzen.

Herr Wolff, im Alter von 17 Jahren kamen Sie erstmals mit Motorsport in Kontakt, fuhren unter anderem in der Formel Ford und der FIA-GT Meisterschaft. Ist so ein Rennen für Sie auch eine Zeitreise?

Wolff: Als Aktiver habe ich zu jeder Zeit den Leistungsdruck gespürt, das hat mir damals oft ein bisschen die Freude geraubt. Ich genieße es jetzt richtig. Jens und ich müssen uns nur die schnippischen Kommentare unserer Profi-Rennfahrer gefallen lassen.


Toto Wolff
Jens Thiemer & Toto Wolff

„Wir hatten es uns noch schlimmer vorgestellt.“

Thiemer: Der erste Spruch, den ich nach dem Qualifying zu hören bekommen habe: „Wir hatten es uns noch schlimmer vorgestellt.“

Wolff: Haha! Das gehört dazu, dass man als älterer Fahrer von den jungen aufgezogen wird.

Thiemer: Na ja, nicht schlimm. Im Grunde war das schon der richtige Kommentar, wenn man mich hat fahren sehen. Ich bin etwas eingerostet nach ein paar Jahren Pause.

Sie sind gerade eben beim Qualifying Neunte geworden. Hört sich gar nicht schlecht an.

Thiemer: Sagen wir es so: Unsere Performance hat sich verbessert, als Toto in den Wagen gestiegen ist.


„Der erste Einschlag war mit 27 G.“

Die besten Erinnerungen an den Nürburgring dürften Sie allerdings nicht haben, Herr Wolff. 15. April 2009: Wirbelfrakturen, Gehirnerschütterung, abgerissene Nerven.

Wolff: Zwischen dem Nürburgring und mir besteht eine intensive Hassliebe. An einer der schnellsten Stellen der Nordschleife, in der Fuchsröhre, platzte mir damals bei mehr als 280 km/h ein Reifen. Der erste Einschlag war mit 27 G. Kein besonders schöner Moment. Gott sei Dank bin ich nicht gegen einen Baum gekracht. An viel erinnere ich mich aber nicht, ich hatte einen Filmriss.


Rock am Ring – Tourenwagen Classics
Rock am Ring – Tourenwagen Classics

Mythos Nordschleife.

Der Nürburgring feiert dieses Jahr sein 90-Jahr-Jubiläum. Am 19. Juni 1927 gewann die Mercedes-Benz Legende Rudolf Caracciola das erste Autorennen auf der Nordschleife. Sein Kommentar damals: „bärig schwer“. Der dreifache Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart taufte sie „Grüne Hölle“. Teilen Sie diese Auffassung, Herr Thiemer?

Thiemer: Der Respekt vor der Nordschleife wird von Rennfahrer- Generation zu Rennfahrer-Generation weitergegeben. Keine andere Strecke hat diese Länge – mehr als 22 Kilometer. Keine andere Strecke hat diese Topografie – mitten in einem Waldgebiet und mit 300 Meter Höhenunterschied! Und dann diese Historie: legendäre Rennen, Rennfahrer, die hier zu Weltstars wurden. Leider natürlich auch die vielen tragischen Geschichten. Aber all das gehört zum Mythos Nordschleife.


Momente der Einsamkeit am Steuer.

Herr Wolff, stimmt es, dass Sie damals am Tag Ihres Unfalls den Streckenrekord von Niki Lauda knacken wollten?

Wolff: Ja, das stimmt. Typisch Midlife-Crisis. Es hätte fast geklappt. Im Nachhinein war der Unfall aber der Auslöser, mit dem aktiven Rennsport aufzuhören. Mittlerweile mangelt es mir auch an der präzisen Einschätzung, wie weit ich es mit einem schnellen Auto treiben kann.

Was macht Ihre Rennfahrerseelen heute glücklich?

Thiemer: Ich liebe diese Momente der Einsamkeit am Steuer. Wenn man den Flow spürt und dieses Tunnelgefühl der absoluten Konzentration. Das ist unschlagbar. Ich erinnere mich noch gut, wie ich nach den 6-Stunden- oder 24-Stunden- Rennen wie gerädert aus dem Auto gestiegen bin. Schon damals brauchte ich eine Woche, um zu regenerieren. Aber der Punkt ist: Heute lächle ich und freue mich, wenn ich daran zurückdenke.


Rock am Ring – Tourenwagen Classics
Toto Wolff

„Ein pures Glücksgefühl. Ohne Worte.“

Welche Muskelpartien taten Ihnen damals am meisten weh?

Thiemer: Vor allem der Rücken, die Oberarme und Schultern.

Wolff: Mich schmerzt schon nach drei Runden mein Rücken. Jens und ich müssen uns mit unseren 1,90 ja ganz schön reinfalten in die Sitze. Aber Rennen fahren ist eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen du deine gesamte Aufmerksamkeit dem Augenblick schenken musst. Du denkst an nichts anderes.

Thiemer: Es gibt keinen Platz für andere Gedanken. Das ist das Faszinierende an dieser Sportart.

Wolff: Für mich hat es deshalb sogar etwas Meditatives, es ist unheimlich entspannend – ein pures Glücksgefühl. Ohne Worte.


Kombination aus Mensch und Maschine.

Und was ist mit dem Benzingeruch, dem Aufheulen des Motors, dem Brummen im Magen – spielt das denn keine Rolle?

Thiemer: Das ist mir zu klischeehaft. Für mich ist es vor allem die Kombination aus Mensch und Maschine. Ich liebe Geschwindigkeit und die Möglichkeit, so ein Gerät zunächst an meinem persönlichen Limit und dann irgendwann am Limit des Autos zu fahren. Wenn möglich, es zu beherrschen. Darin liegt für mich der besondere Reiz.


Jens Thiemer

Die erfolgreichste Marke in der DTM.

Bei den Tourenwagen Classics fahren Sie auf der Grand- Prix-Strecke den 190 Evo II: Wie groß ist die Versuchung, sich als Fahrer während des Rennens zu überschätzen?

Thiemer: Die Versuchung ist da. Aber ich habe Rennsport als Hobby betrieben und weiß um die Gefahr. Meinen schwersten Unfall hatte ich ebenfalls hier auf dem Nürburgring, als ich meinen Rennwagen auf einer Ölspur eines Konkurrenten im Klostertal weggeworfen habe, und das auf Platz 1 in der Klasse liegend. Sehr ärgerlich! Mit unserer Teilnahme heute wollen wir aber vor allem auf unsere DTM-Historie verweisen. Mercedes-Benz ist die erfolgreichste Marke in der DTM. Der Evo II hat die meisten Siege eingefahren und das Markengesicht der Motorsport-Neuzeit von Mercedes-Benz geprägt. Das Auto ist eine Ikone und hat viel für das moderne sportliche Image unserer Marke getan.


Fünf Fragen zum Evo II.

… für dessen limitierte Serienversion Sammler inzwischen bis zu 300 000 Euro bieten, so begehrt ist er. Wären Sie bereit für ein kurzes Evo Quiz, meine Herren?

Wolff: Gern!

Thiemer: Klar!

Gut. Fünf Fragen zum Evo II von 1990. Wer näher dran ist, kriegt den Punkt. Erste Frage: Wie viel Liter Sprit passen in den Tank?

Wolff: Hm. 75?

Thiemer: 100!

110. Punkt für Herrn Thiemer. Wie viel PS hat der Wagen?

Thiemer: 375.

Wolff: 360.

373 PS bei 9 500 Umdrehungen.

Wolff: Oh, Mann! 2:0 für dich, Jens.


Rock am Ring – Tourenwagen Classics
Rock am Ring – Tourenwagen Classics

„... steckt schon einiges unter der Haube!“

Eine einfache Frage: Wie viele Zylinder?

Wolff/Thiemer: Vier.

Richtig. Es steht 3:1 für Herrn Thiemer. Nun folgt eine nicht ganz so einfache: Wie lautet die Zündfolge der vier Zylinder?

Wolff: Keine Ahnung.

Thiemer: Ich weiß es auch nicht.

1-3-4-2. Letzte Frage: Wie schnell beschleunigt der Evo II von 0 auf 100 km/h?

Wolff: 4,5?

Thiemer: 5,2?

Perfekt getroffen, Herr Wolff, es sind exakt 4,5 Sekunden.

Thiemer: Mit der Flachschiebertechnologie steckt schon einiges unter der Haube!

Wir versuchen immer, innovativ zu sein.

Knappes Ergebnis: Am Ende heißt es 3:2 für Herrn Thiemer. Wie wichtig ist Motorsport heute noch für Mercedes-Benz?

Thiemer: Der Mythos, der Mercedes-Benz begleitet, basiert zu großen Teilen auf dem Motorsport – unter anderem auch dem Evo II in der DTM und auf der Langstrecke. Aber vor allem unser Engagement und unsere Erfolge in der Formel 1 sind im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert für die Marke. Ganz zu schweigen vom Design der Autos, das natürlich viele Motorsportfans fasziniert.

Wolff: Ich freue mich, wenn wir mit unseren Erfolgen im Motorsport dazu beitragen, die Marke emotionaler und begehrlicher wirken zu lassen. Wir versuchen immer, innovativ zu sein.


Jens Thiemer
Rock am Ring – Tourenwagen Classics

Eine Wette auf die Zukunft.

2018 steigt Mercedes-Benz aus der DTM aus und 2019 in die neue Formel E ein. Warum ist dieser Schritt nötig?

Thiemer: Die gesamte Branche entwickelt sich momentan in Richtung Elektromobilität. Und auch hier gibt es mit der Formel E faszinierende Motorsportveranstaltungen. Wir werden uns in diesem Wettkampf mit anderen Herstellern messen, Audi, BMW, Porsche – die komplette Riege der deutschen Premium-Hersteller wie auch Importeure und ein paar sehr interessante Start-ups werden in der Formel E an den Start gehen oder sind bereits dabei. Aber weder Toto noch ich sind – Stand heute – bereits totale Formel-E-Fans.

Wolff: Können wir ja auch noch nicht sein, weil wir nicht wissen, wie sich der Performancecharakter dieser Formel entwickeln wird. Wir müssen dieses neue Feld erst entdecken.

Thiemer: Das war keine Entscheidung gegen die DTM, sondern eine für die Formel E. Sie ist für uns eine Wette auf die Zukunft und in erster Linie eine Marketingplattform.