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  • Frau lächelt verschmitzt inmitten romantischer Kulisse und hält eine Tasse in der Hand.
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    Das süße Nichtstun – Besser als sein Ruf.

    Über die hohe Kunst des Müßiggangs und warum unsere Gedanken mehr Pausen brauchen.

    Text: Rebecca Randak

Problem Reizüberflutung.

Die größte Aufgabe des menschlichen Gehirns, das Denken, ist gleichzeitig auch sein größter Fluch: Sobald es über die Sinnesorgane Informationen empfängt, beginnt es zu ordnen, analysieren und interpretieren – ob wir wollen oder nicht. In einer Zeit, in der wir selbst in jeder freien Sekunde den Facebook-Feed checken und mit Netflix einschlafen, kann das schnell zum Problem werden: Das Gehirn ist nämlich dauerbeschäftigt mit Dingen, die eigentlich keine große Relevanz haben.


Frau liegt entspannt auf Baumstamm.
  • Frau mit Sporttasche spaziert in Park.
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Wann haben unsere Gedanken mal frei?

Erinnern Sie sich noch, als Sie in der Bibliothek in großen Karteikästen nach Buchtiteln für Studienarbeiten suchten, anstatt sie digital zu reservieren? Oder als man für Überweisungen extra zur Bank musste? Oder als Sie in Zeiten vor Google Maps durch die Straßen irrten? Natürlich, der digitale Wandel erleichtert uns den Alltag, doch wir haben noch nicht gelernt, mit der Informationsflut umzugehen – und vergessen, uns digitale Auszeiten zu nehmen.


Phasen, in denen das Gehirn kein Futter von außen bekommt, das verarbeitet werden muss. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass nach dem Yoga-Boom nun auch das Interesse für Meditation steigt. Beim Meditieren geht es nämlich darum, die eigenen Gedanken zu beobachten und so zu lernen, den flatterhaften Geist auch im Alltag zu besänftigen. Eine Fähigkeit, die in einer von Burnout und Schlafstörungen geplagten Gesellschaft durchaus erstrebenswert erscheint.


Frau sitzt in Gedanken verloren in romantischer Parkumgebung.

Nichtstun als Alternative zum Meditieren.

Glücklicherweise ist die Ruhe im Kopf viel leichter zu erreichen, als wir vermuten. Es reicht, einfach Folgendes zu tun: nichts. Wie Forscher des Max-Planck-Instituts in einem Interview mit Psychologie Heute klarmachen, schaltet das Gehirn automatisch in einen sinnvollen Zustand, den sogenannten „default mode network“, wenn es – wie beim Meditieren – gerade für keine andere Tätigkeit gebraucht wird. In diesem überraschend aktiven Ruhezustand werden uns unbewusste Prozesse bewusst, wir reflektieren über Vergangenes und erholen uns von den vielen Eindrücken des Alltags. Wir können besser entscheiden, welche Gedanken wichtig sind und was gerade keine Aufmerksamkeit braucht. So schärfen wir unseren Blick fürs Wesentliche. So einfach das klingt, so schwer fällt es vielen von uns, kleine Pausen im Alltag einzulegen.


Die Angst vor den negativen Gefühlen.

Wann haben Sie das letzte Mal nichts gemacht? Zum Beispiel auf der Wiese gelegen, einfach nur in den Himmel geschaut oder gemütlich auf der Couch Tee getrunken, ohne irgendetwas nebenbei zu erledigen? Die Wahrheit ist: Wir halten uns gerne auf Trab. Doch warum tun wir das? Die Antwort ist: Es könnten Gedanken auftauchen, die wir lieber verdrängen. Traurigkeit, Wut, Langeweile oder noch schlimmer: das Gefühl, nichts wert zu sein. Das Nichtstun stellt gewissermaßen eine Gefahr dar, die wir lieber mit großer Geschäftigkeit abwehren. Doch wer es wagt, sich dem Nichtstun hinzugeben, wird reichlich belohnt und zwar mit Erholung.


Frau liegt auf Wiese und relaxt.
Frau balanciert in wäldlicher Umgebung.

Die hohe Kunst des Müßiggangs.

Müßiggang, das „dolce far niente“ oder zu deutsch „das süße Nichtstun“, war einst dem Adel und dem Klerus vorbehalten. Es ging nicht darum, einen Ausgleich zum stressigen Leben zu schaffen, sondern darum, sich zu vergnügen oder dem süßen Nichtstun zu frönen. Erst später bekam der Begriff eine negative Note. Heute wird er gelegentlich auch mit Faulheit in Verbindung gebracht. In erster Linie geht es darum, innerlichen Abstand zum Leistungsdruck unserer Gesellschaft zu gewinnen und sich mehr freie, von allen Pflichten befreite Zeit zu gönnen. Wer es schafft, diesbezüglich seine Selbstbestimmung zurückzugewinnen, hat gute Chancen, die innere Ruhe zu finden, nach der wir uns alle so sehnen.


Die gestalterische Kraft des Nichtstuns.

Der besagte Ruhezustand ist übrigens auch eine wichtige Quelle der Kreativität. Er regt nämlich die natürliche Neigung des Gehirns an, Empfindungen und Eindrücke zu neuen Ideen zu verknüpfen. Diese Tatsache ist vor allem für Menschen in kreativen Berufen interessant, deren stressiger Arbeitsalltag oft ein Hindernis für neue Ideen ist. Auch wenn Ihr Beruf keine besonders kreativen Einfälle unter Zeitdruck erfordert, ist es eine gute Idee, das regelmäßige Nichtstun in den Alltag einzubauen. Es wäre schlichtweg fatal, wenn wir vor lauter Meetings das Wichtigste aus den Augen verlieren würden: die Gestaltung unseres eigenen Lebens. Wenn Sie also das nächste Mal zweifeln, ob Sie sich eine Pause erlauben dürfen, denken Sie daran: Das Nichtstun ist wesentlich produktiver, als es anmutet. Oder glauben Sie, die größten Denker und Künstler unserer Zeit haben ihre Werke in der 30-minütigen Mittagspause erschaffen? Gönnen Sie sich die Auszeit und lassen Sie sich zur Abwechslung mal von der Muse küssen.


Frau relaxt lächelnd auf Bank in Park.