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  • Steg in Wald.
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    Forest Bathing – Die japanische Kunst des Waldspaziergangs.

    Der Wald lockt unsere Sinne in eine erlebte Entspannung. Eintauchen in eine Welt aus unendlichem Grün.

    Text: Claudio Rimmele

Traditionen und Rituale.

Komorebi ist ein Wort, das es nur im Japanischen gibt. Es bedeutet „Sonnenlicht, das durch die Blätter der Bäume gefiltert wurde“ und ist einer der Beweise dafür, wie wichtig der Wald in der japanischen Kultur im wahrsten Sinne des Wortes verwurzelt ist. Einer Kultur, die uns oft als übertechnologisiert, urban und kühl vermittelt wird, tatsächlich jedoch in ihren Traditionen und Alltagsritualen sehr naturverbunden ist.


Mann in Wald.
Waldszene.

Ausgleich für gestresste Städter.

Doch nicht nur in den Traditionen Japans spielt der Wald eine tragende Rolle. Seit den 80ern untersuchen die japanische Forstwirtschaft und das dortige Institut für öffentliche Gesundheit die Wirkung des Waldes auf die Gesundheit des Menschen und kommen zu faszinierenden Ergebnissen. Dabei haben die Forscher den Begriff Shinrin-Yoku geprägt. Er beschreibt eine spezielle Art des Waldspaziergangs: das Waldbaden, Forest Bathing. Darunter versteht man das sinnbildliche Eintauchen in den Wald mit all den uns zur Verfügung stehenden Sinnen. Dieses Walderlebnis, bei dem es weniger auf die Länge als auf die Intensität ankommt, ist heute in Japan und Korea ein wichtiger Baustein der Gesundheitsvorsorge. Denn trotz aller Naturverbundenheit leben über 91 Prozent der japanischen Bevölkerung in urbanen Ballungsräumen. Und der Ausgleich vom stressigen Arbeitsalltag und dem Leben im beengten Stadtraum ist bitter nötig.


Nachgewiesene Wirkung des Forest Bathing.

Die Studien zum Waldbaden basieren auf der Annahme, dass von Bäumen bioaktive Substanzen ausgesondert werden, die sich positiv auf die menschliche Gesundheit auswirken. Nachgewiesene Effekte sind eine geringere Ausschüttung von Stresshormonen, ein gestärktes Immunsystem und ein genormter Blutdruck. Auf psychologischer Ebene wurde von den Studienteilnehmern von einer verbesserten Stimmungslage, mehr Lebensenergie, besserem Schlaf und einer höheren Konzentrationsfähigkeit berichtet. Insgesamt ein schönes Paket an guten Gründen, regelmäßig in den Wald zu gehen und in das sanfte Grün einzutauchen. Bereits ein einmaliger Waldbesuch soll seine Wirkung zeigen. Empfohlen werden jedoch regelmäßige Waldtauchgänge, um unsere Gesundheit nachhaltig zu stärken.


Lichtung in Wald.
  • Hand berührt Tanne.
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Wie funktioniert Forest Bathing?

Was ist der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Waldspaziergang und Forest Bathing? Auf die Intention kommt es laut den japanischen Waldmedizin-Forschern an. Entscheidend ist dabei, den Wald bewusst mit all seinen Sinnen zu erleben und seine Atmosphäre vollkommen in sich aufzusaugen. Helfen können Ihnen dabei folgende Tricks:

- Fahren Sie alleine in den Wald und laufen Sie so lange auf einem gekennzeichneten Pfad, bis Sie das Gefühl haben, völlig allein im Wald zu sein.

- Schalten Sie Ihr Smartphone in den Flugmodus. Versuchen Sie nun, sich von keinen fremden Reizen ablenken zu lassen.

- Trauen Sie sich, neugierig zu sein und alles wahrzunehmen; das Moos, die Baumstämme, die Blätter, die Äste, den Tau auf der Wiese.

- Gehen Sie bewusst in einem Tempo, in dem Sie ganz ruhig und gleichmäßig atmen können.


- Versuchen Sie, beim Einatmen durch die Nase verschiedene Gerüche zu erkennen. Riechen die Bäume alle gleich? Oder riecht alles unterschiedlich intensiv?

- Bestimmen Sie einen eigenen Lieblingsort in diesem Wald und legen Sie dort eine Pause ein.

- Hören Sie dort dem Wald eine Weile zu. Welche Laute und Geräusche nehmen Sie wahr? Sind es Vögel, Blätter im Wind oder ist es vielleicht sogar das Rascheln von Eichhörnchen?

Dies sind nur einige Möglichkeiten, den Wald intensiver zu erleben. Wer Forest Bathing genau kennenlernen möchte, findet über das Internet viele Experten, die begleitetes Waldbaden anbieten. Die Technik erfreut sich mittlerweile einer großen internationalen Fangemeinde und wird von San Francisco bis in den Harz praktiziert.


Lichtung in Wald.

Zeitlos und uralt.

Bäume sind die ältesten Lebewesen auf unserer Erde. Auch symbolisch sind sie eine Metapher für ein gesundes und langes Leben. Wer seine eigene Gesundheit stärken will, kann mit Waldbaden eine neue Welt entdecken. Eine Welt, die schon unsere Vorfahren zu schätzen wussten. Denn der Wald war bereits vor Urzeiten unser Zuhause. Ein Sehnsuchtsort, an dem wir unserem Körper und Geist ein Stück Zufriedenheit schenken dürfen. Einen achtsamen Schritt nach dem anderen.