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  • Obst.
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    Pantone für den Geist – Wie helfen Farben den Gedanken?

    Vom Gefühlsrausch des Regenbogenspektrums zu einem nüchternen Blick hinter die psychologische Wirkung von Farben.

    Text: Claudio Rimmele

Faszination Farben.

Tänzer beim Karneval in Rio de Janeiro, gehüllt in schillernde Kostüme, Dragqueens, die Konfetti und Luftschlangen beim CSD in Berlin werfen, Frauen in Saris, die beim Holi-Festival in Indien tanzend in einer Wolke Farbstaub verschwinden. Drei Feste und drei Kulturkreise, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Und doch alle im gleichen Glücksrausch: im Rausch der Farben. Farben sind ein psychologisches Wahrnehmungsphänomen. Statt feste Eigenschaften sind Farben vollkommen subjektive Empfindungen, die durch Lichtwellen auf unserer Netzhaut entstehen. Der Mensch hat drei unterschiedliche Sehzapfen in der Netzhaut. Dagegen haben die meisten Säugetiere nur zwei. Dadurch können wir über 7 Millionen Farben unterscheiden. Diese unglaubliche Zahl entsteht durch 500 Helligkeitswerte, 200 Farbtöne und 20 Sättigungsstufen. Dieses Wunder der Wahrnehmung bot von Aristoteles zu Johann Wolfgang von Goethe vielen Denkern Anlass, sich intensiv mit Farben und ihrer Wirkung auf Menschen zu beschäftigen. Denn obwohl Farben in der physikalischen Welt nicht wirklich existieren, berühren sie uns, sind Teil unserer Erinnerung, unserer Urinstinkte und können dazu beitragen, dass wir uns wohler fühlen.


Obst.
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Vom alten Ägypten zur Ayurveda-Lehre.

Die medizinischen Behandlungsräume des Tempels von Heliopolis, einer altägyptischen Stadt, von der uns heute nur noch Ruinen erzählen, waren so gestaltet, dass das Sonnenlicht sich in verschiedene Farben aufspaltete. Der Besuch der hängenden Gärten von Babylon besaß wohl eine heilende Wirkung aufgrund der bunten Farben der Blumen. Im vorchristlichen China wurden Epileptiker auf violette Teppiche gelegt, um sie zu beruhigen. Die ayurvedische Lehre aus Indien, eines der ältesten Gesundheitssysteme der Welt, teilt Organe, Gefühle und psychische Eigenschaften nach Farben auf und behandelt Patienten heute noch gezielt mit diesen. In Europa fand die Therapie durch Farben vor allem in der Jahrhundertwende große Beliebtheit. Heutzutage wird Farbtherapie vor allem in alternativen und anthroposophischen Therapieformen angewandt. Bislang gibt es noch kaum Studien, die die angepriesenen Effekte von Farbtherapien wissenschaftlich belegen. Weit verbreitet sind stattdessen Studien, die sich mit dem Einfluss von Farben auf die menschliche Gefühlslage und die Leistungsfähigkeit beschäftigen.


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Psychologische Studien heute.

Zu Farben und Emotionen gibt es viel Ratgeberliteratur gespickt mit Küchenpsychologie. Wenn auch harmlos, versprechen diese Farbenlehren sprichwörtlich das Blaue vom Himmel und bleiben weit hinter den tatsächlichen Forschungsergebnissen der Experimentalpsychologie zurück. Dass Blau tatsächlich beruhigend auf Menschen wirken soll, konnte bisher beispielsweise mit keiner empirischen Untersuchung lückenlos nachgewiesen werden. Auch, dass rosa gestrichene Zellen aggressive Häftlinge beruhigen sollen, konnte nicht ausreichend nachgewiesen werden. Dennoch gibt es mittlerweile Gefängnisse auf der ganzen Welt, die über solche „Cool Down Pink“-Zellen verfügen.


Lediglich zwei Untersuchungen haben einen tatsächlichen Effekt von Farben auf unsere mentale Fitness und Leistungsfähigkeit bestätigt. Bei einem IQ-Test schnitten in einer Studie von Elliot et al. die Probanden mit einem roten Deckblatt deutlich schlechter ab. Die Vermutung: Die Signalfarbe rot repräsentiert Gefahr. Außerdem steht Rot im Leistungskontext für schulischen Stress durch die Erinnerung an den Rotstift des Lehrers. Allerdings können Farben auch unsere Leistungen verbessern.


Psychologie der Farben für Design Guidelines.

Die Professorin Juliet Zhu von der Universität in British Columbia ließ Probanden vor einem roten und vor einem blauen Bildschirm verschiedene Aufgaben lösen. Die zu lösenden Aufgaben benötigten entweder Kreativität oder eine hohe Konzentrationsfähigkeit. Die Kreativaufgaben wurden vor dem blauen Bildschirm besser gelöst, wohingegen die Aufmerksamkeitsaufgaben vor dem roten Schirm effizienter gemeistert wurden. Die psychologische Begründung formuliert Zhu folgendermaßen: „Weil wir Rot mit Warnungen und Fehlern verbinden, werden wir aufmerksam. Blau assoziieren viele Menschen mit der Weite des Himmels und des Meeres, das vermittelt Frieden und Ruhe und lässt Freiraum für Gedanken.“ Daraus könnte man Design Guidelines für die Gestaltung von Büro- und Wohnräumen verschiedener Berufsgruppen ableiten. Designer und Texter in blauen Räumen und die Finanzabteilung in roten Räumen zum Beispiel. Fragwürdig bleibt, ob sich Menschen in so unnatürlich farbintensiven Räumlichkeiten lange Zeit wohlfühlen und ob die Effekte nicht nach einer Zeit der Gewöhnung wieder abfallen. Erfolgversprechender sind die Raumkonzepte, die sich zum Beispiel natürlicher Lichtfarben bedienen, um dadurch eine höhere Konzentration und mehr Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu schaffen.


Obst.
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Mehr Harmonie – mehr Farbenspiel.

Die Psychologie der Farben ist eine Welt voller Widersprüche. Wenige echte wissenschaftliche Erkenntnisse treffen auf viel Küchenpsychologie sowie eine wilde Bandbreite esoterischer Farbenlehren. Dabei sollte man aber nicht die friedensstiftende Macht der Farben aus den Augen verlieren. Beim Holi-Festival in Indien verlieren jegliche Kasten, jegliches Arm und Reich an Bedeutung, sobald die Farbschlacht beginnt. Auch in Brasilien werden im Karneval alle Unterschiede und Klassen über Bord geworfen, sobald man in die bunten Gewänder gehüllt ist. Die Regenbogenfahne, einst Symbol für die vielfältige LGBT-Bewegung, wurde auch zur Flagge des Friedens im Zuge des Irakkrieges. Denn dort, wo Menschen ein Wertesystem nach den Prinzipien der Harmonie, des Miteinanders und des Friedens kreieren, tun sie dies mit Farben. Daher lohnt es sich, Mut zu haben, die eigene Welt aktiv mitzugestalten. Einen Farbklecks nach dem anderen. Lebendiges Farbenspiel gibt es übrigens auch in der neuen S-Klasse von Mercedes-Benz. 64 Farben und zehn Farbwelten ermöglichen ein avantgardistisches Lichtbild im Fahrgastraum mit spektakulären Farbwechseln je nach gewünschter Stimmung. Das Ambient Light ist aber mehr als nur ein stimulierendes Design-Element: Auf Wunsch wird der Fahrer mit einer speziellen Lichtstimmung begrüßt. Außerdem übernehmen Farben eine kommunikative Funktion und zeigen zum Beispiel Temperaturwechsel der Klimaanlage an. Damit wird die nächste Autofahrt fast so inspirierend wie die Betrachtung eines berühmten Kunstwerkes.