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  • Mann zielt mit Pfeil und Bogen.
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    Pfeil nach oben – Bogenschießen als friedvolle Meditation.

    Der eigenen Intuition folgen und mit einem der ältesten Werkzeuge der Menschheit das Loslassen lernen.

    Text: Claudio Rimmele

Von Kunst und Tradition.

Es ist ein grauer Herbstnachmittag im Süden Japans. An einem kleinen Ort, den man nur mühsam über Bummelzüge erreicht, befindet sich ein Kloster, das die Kunst des Kyūdō, das traditionelle japanische Bogenschießen, unterrichtet. Bei der Einführung zählt der Lehrer die Regeln auf. Richtiges Atmen, richtiges Stehen, richtiges Loslassen. Für alles gibt es Anweisungen, die unmöglich in dieser kurzen Einführung zu lernen sind. Aber jede Regel wird mit solch einer poetischen Bildsprache erzählt, dass es Spaß macht, zuzuhören. „Das Loslassen der Sehne ist wie Regen, der sich plötzlich über ein kleines Dorf ergießt“, erklärt er den anwesenden Schülern. Viele Europäer und Amerikaner sind zu Besuch, um sich in die Philosophie und Kunst des Bogenschießens einweisen zu lassen. Eine Kunst, die nichts mehr mit der einstigen Kriegstechnik zu tun hat, sondern mehr einen Weg in die absolute Gedankenfreiheit darstellt.


Mann tritt mit Bogen in der Hand durch eine Tür.
Mann kniet auf dem Boden und hält Bogen.

Von der Kriegstechnik zur Meditationstechnik!

Pfeil und Bogen gehören zu den ersten Werkzeugen der Menschheit. In Japan entwickelte sich Kyūdō im 12 Jhd. als Disziplin der Samurai. Mit der Einführung der Schusswaffen wurden Pfeil und Bogen aber als Waffen untauglich. Statt die Traditionen aufzugeben, entwickelte sich daraus eine religiöse Meditationspraxis, die auch heute noch aktiv praktiziert wird. Traditionelles oder auch intuitives Bogenschießen wird mittlerweile auch in Europa und Amerika als Meditation in Bewegung praktiziert. Bei der Meditation soll der Bogenschütze eins werden mit Pfeil und Bogen und dem Ziel. Je nachdem, wie sehr man sich darauf einlässt, kann es ein wunderbares Mittel zur Selbsterfahrung und zur Bewältigung von Stress sein.


  • Bogen und Pfeil.
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Die Ruhe im Handeln.

Die positiven Effekte der Praxis des Bogenschießens auf Geist und Gesundheit sind vielfältig. Zunächst ist es ein wunderbares Training für die Oberkörpermuskulatur, die gestärkt und dabei gleichzeitig gedehnt wird. Außerdem ist Bogenschießen eine intensive Gleichgewichtsübung. Nur mit der richtigen Körperbalance kann der Schuss ins Ziel gelingen. Regelmäßiges Üben verbessert auch die Hand-Augen-Koordination sowie allgemein die Koordination von Bewegungsabläufen.


Aber der wohl spannendste Aspekt ist, wie sich Bogenschießen auf unsere Konzentrationsfähigkeit und unseren Fokus auswirkt. Viel Übung bringt nicht nur einen klareren Geist bei der Bewältigung des Alltags, sondern stärkt auch die psychische Gesundheit und das mentale Wohlbefinden. Ein konkretes Ziel vor Augen zu haben und zu versuchen, dieses zu erreichen, egal in welcher Form, kann Menschen helfen, die perspektivlos oder orientierungslos ihrem eigenen Leben gegenüberstehen.


Mann zielt mit Pfeil und Bogen auf eine Zielscheibe.

Das Ziel vor dem inneren Auge.

Wir leben in einer Zeit der ständigen Ablenkungen. Die Prokrastinationsspirale aus Zerstreuung und schlechtem Gewissen kennt jeder, der am Computer arbeitet oder auch nur ein Smartphone besitzt. Einen stärkeren Fokus durch das Bogenschießen zu erlangen kann daher sehr hilfreich sein, um mit den Belastungen unserer reizgeladenen Umwelt umzugehen. Für eine Einführung in diese Meditationstechnik muss man aber nicht extra nach Japan reisen. Denn unter dem Suchbegriff intuitives Bogenschießen findet man im Internet lokale und regionale Kurs- und Workshopangebote. Im japanischen Kloster dürfen die Schüler nach der Einweisung nun selbst mal probieren, mit den großen Bambus-Bögen einen Pfeil abzuschießen. Die ersten Versuche wirken eher komikhaft als anmutig. Die Pfeile landen überall, nur nicht in der Nähe der Zielscheibe. Aber nach ein paar Schüssen bekommt man ein Gefühl für den Bewegungsablauf. Als letzte Übung für diesen Einführungstag bittet der Lehrer die Schüler, die Augen zu schließen und sich nur mental vorzustellen, sie würden auf das Ziel einen Pfeil abfeuern. Dann soll man nochmals probieren. Und zum ersten Mal trifft einer der Schüler die Zielscheibe.