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  • Tanzende Frau vor Mauer.
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    Tanz, los, glücklich – Abrocken jenseits der Clubkultur.

    Von der Kulturgeschichte zur aktuellen Gesundheitsforschung einer einzigartigen Körpersprache: des Tanzes.

    Text: Claudio Rimmele

Loslassen können.

„Beim Tanzen hab ich das Gefühl, mein Innerstes zu spüren und loszulassen“, erzählte das Tennis-Ass Serena Williams in einem Interview. Sie wie auch andere Sportler, die ihren Körper mit Disziplin und Willenskraft formen, um ihre Ziele zu erreichen, genießen es, beim Tanzen ohne Kontrolle ihren Bewegungen freien Lauf zu lassen. Denn nichts scheint auf den ersten Blick so undiszipliniert wie das einfache Lostanzen. Und genau das tun Menschen bereits seit Jahrtausenden in allen Kulturen. Kein Wunder: Gemeinsames Tanzen stimmt uns euphorisch. Aber wie wichtig ist es für unser Wohlbefinden, regelmäßig zu tanzen? Die Spurensuche beginnt bei den ersten Tanzschritten der Menschheitsgeschichte.


Tanzende Frau vor Mauer.
Tanzende Frau vor Mauer.

Die ersten Höhlen-Tänzereien.

Tanzen ist älter als die Welt, sagen die Inder. In ihren Mythen ist die Erde von einem tanzenden Gott erschaffen worden. Zufällig stammen die bisher ältesten Beweise für den tanzenden Menschen tatsächlich aus Indien. Bei Ausgrabungen fand man Höhlenmalereien von 5.000 v. Chr., auf denen abgebildet ist, wie Menschen eine Reihe zum Tanz bilden. Ob als religiöses Ritual oder nur zur Geselligkeit — der Tanz war schon in der Antike ein elementarer Teil des Gemeinschaftsgefühls. Durch das Tanzen wurde man zum Kollektiv. Und dieses Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, vermittelt uns Sicherheit und Geborgenheit.


Mitgetanzt ist mitgefühlt!

Für jeden Gefühlsausdruck gab es bei den alten Griechen eine eigene Gottheit – und den entsprechenden Tanz. Auch heute nutzen Menschen die Ausdruckskraft des Tanzes, um Gefühle freizulassen. In vielen verschiedenen Therapieformen wird Tanz als Medium genutzt, um emotionale Zustände und Krisen zu verarbeiten. Wissenschaftlichen Studien zufolge trägt regelmäßiges freies Tanzen dazu bei, den emotionalen Zustand langfristig zu verbessern. Ob das hyperaktive Kind oder der überkontrollierte Spitzensportler: Alle können durch Tanzen ihren Ausgleich finden und nach einer Session wieder zur Ruhe kommen.


Tanzende Frau auf Treppe.
Frau lehnt tanzend an Wand.

Tanzen ist die beste Medizin!

Man muss sich beim Tanzen nicht so extrem verausgaben wie eine Balletttänzerin aus Paris oder ein Breakdancer aus New York, um seinem Körper etwas Gutes zu tun. Auch nur kurze und entspannte Tanzeinlagen schaffen Ausdauer, fördern Muskelaufbau und Elastizität und verbessern die Motorik unserer Gliedmaßen. Medizinisch bewiesen wurden diese Effekte sogar an Patienten mit Multipler Sklerose. Nach einer fünfmonatigen Tanztherapie konnten einige tatsächlich auf die Unterstützung von Gehhilfen verzichten. Bei Parkinson-Patienten wurde beobachtet, dass sich durch das Tanzen die Mobilität teilweise normalisiert hatte. Zusätzlicher Nebeneffekt: Statt der unerwünschten Nebenwirkungen der starken Medikamente hatten die untersuchten Patienten vor allem eins: richtig viel Spaß.


Tanz, und ich sag dir, wer du bist!

Tanzen ist mehr als nur ein Gefühlsventil oder Jogging-Ersatz. Die von uns unbewusst gewählten Tanzbewegungen erzählen von unserem individuellen Sinn für Ästhetik und beschreiben unser soziales Auftreten. Damit ist der Tanz eine der wichtigsten Körpersprachen, um unsere Identität auszudrücken. Doch warum tanzen viele Menschen in ihrem Alltag dann so wenig? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten: Einige finden ab einem gewissen Alter keine Gelegenheiten mehr, regelmäßig zu tanzen; andere fühlen sich nicht mehr wohl im eigenen Körper und es fehlt ihnen an Selbstvertrauen. Vielen fehlt aber auch etwas, das für das Tanzen essenziell ist: eine Gemeinschaft, mit der man lostanzen kann.


Frau tanzt.
  • Tanzende Frau vor Gebäude.
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Abrocken jenseits von Clubs und Co.

Wer unbedingt tanzen möchte, aber keine Lust hat, dafür in einen verrauchten Club zu gehen, der kann sich folgenden Tanz-Trends anschließen und dort eine inspirierende Tanz-Community finden.

- Morning Glory: Früh vor der Arbeit treffen sich Yoga-Lover und Techno-Jünger mit einem Smoothie statt Drink zum Tanzen. Frühsport mal komplett anders gedacht und doch total effektiv und belebend. Morning-Glory-Events finden regelmäßig in Städten wie London, Berlin und New York statt.


- Osho Dance: Aus Israel kommt diese Meditationspraxis, die Tanzen mit Loslassen der Gedanken verbindet. Spielerisch werden alle Bewegungen ausprobiert. Das Motto lautet: Augen zu und tanzen!

- Voguing: Wer Lust hat, beim Tanzen in verschiedene Rollen zu schlüpfen, der sollte mal einen Voguing-Ball besuchen. Keiner ist so herausfordernd, so kreativ und lebensbejahend wie dieser Tanzstil aus den 1980ern.


Frau erfreut sich am Tanzen.

Ein Bild unseres Innersten.

Ganz gleich, ob man sich dem Osho Dance oder Voguing hingibt oder einfach mit seinen Freunden beim Kochen in seiner Küche tanzt. Es gibt keine guten Gründe, mit dem Tanzen jemals aufzuhören, nicht nur unserer Gesundheit zuliebe. Denn Tanzen ist wie eine Momentaufnahme. Ein Bild von unserem Innersten, das sich im nächsten Augenblick wieder verändern kann. Mal leicht und schwebend, mal schnell und energisch – doch stets im Takt der Musik.