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  • Mann springt vor Grafitti-Wand in die Höhe.
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    Urban Gaming – Warum das Spielen in der Stadt glücklich macht.

    Forscher sagen dem Bewegungsmangel den Kampf an und machen die Stadt zum Spielplatz für Jung und Alt.

    Text: Claudio Rimmele

Die Fantasie beflügeln.

In einem seiner Essays schwärmt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk von einem Istanbul als Wald aus Treppenhäusern voll spielender Kinder. Weit weg vom Alltag der Erwachsenen entsteht durch das Spiel eine geheimnisvolle Welt. Denn Kinder haben die Gabe, jeden noch so ungewöhnlichen Ort in einen Abenteuerspielplatz zu verwandeln. Wo weder Schaukel, Wippe oder Klettergerüst vorgeben, was zu tun ist, beginnt ihre Fantasie, die Umwelt zum Leben zu erwecken: Die Sitzbank verwandelt sich in ein Floß, das Treppengeländer wird zur Wasserrutsche und das Parkhaus zum Labyrinth, das es zu erforschen gilt. Doch die Vorstellungskraft und die Lust am Spiel hören nicht mit der Kindheit auf. Immer mehr urbane Initiativen wie Invisible Playground aus Berlin oder Apps wie Pokémon Go! zeigen, wie auch Erwachsene die Stadt zu ihrer Spielwiese machen können. Was verbirgt sich hinter dem Konzept des Urban Gaming?


Mann balanciert Fußball auf Arm.
  • Mann balanciert Fußball auf Arm.
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Urban Gaming – mehr als ein Zeitvertreib.

Das Phänomen Urban Gaming ist eng verknüpft mit dem technologischen Fortschritt in der digitalen Kommunikation. Über Chat-Gruppen, Apps oder Facebook treffen sich teilweise wildfremde Menschen, um aus der Stadt ihr Spielfeld zu formen. Manchmal werden einfache Brettspiele in einer überdimensionalen Form umgesetzt. Dann sind es Computerspiel-Adaptionen wie Pac Manhattan, in denen ein Spieler – als Pac-Man verkleidet – versuchen muss, einen Hindernisparcours in New York zu meistern und dabei Punkte zu sammeln. In anderen Spielen treten ganze Teams gegeneinander an, um einen in der Stadt verborgenen Gegenstand zu finden. Oder man erforscht dank Augmented Reality auf seinem Handy unbekannte Orte. Von der urbanen Schnitzeljagd bis zum Fantasy-Rollenspiel sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.


Oft kann man an diesen Spielen ohne jegliche Gebühr teilnehmen. Hauptsache, man bringt als Spieler viel Neugier und etwas Zeit mit. Ziel vieler Games ist es, die Strukturen des Alltags zu durchbrechen oder zu hinterfragen. Durch die angeregte Vorstellungskraft wird die Wahrnehmung der Stadt verändert und manchmal sogar vollkommen verschoben. Viele Urban Games spiegeln durch ihr Regelsystem zwischenmenschliche Strukturen wie zum Beispiel berufliche Hierarchien oder soziale Isolation wider und schärfen eine kritische Sichtweise auf die eigenen Verhaltensweisen. Im Spiel entsteht eine neue Welt, die man frei mitgestaltet. Durch das Bewusstmachen seiner realen Rolle im gesellschaftlichen Gefüge gewinnt man neue Motivation, sein Alltagsverhalten zu hinterfragen oder sogar zu verändern. Zum Beispiel den Umgang mit dem eigenen Körper.


Mann macht sportliche Übung auf farbenfroher Matte.

Fit im Game, fit im Leben?

Immer mehr Ärzte und Wissenschaftler sprechen von einer globalen Gesundheitskrise in der westlichen Welt: Das zunehmende Übergewicht bei Kindern und jungen Erwachsenen hat dramatische Konsequenzen für unser Gesundheitssystem. In den letzten dreißig Jahren sind der durchschnittliche Körperfettanteil und das Körpergewicht vor allem bei Kindern kontinuierlich gestiegen. Dazu kommt, dass sich rund fünfzig Prozent der Kinder und Jugendlichen zu wenig bewegen, um einen gesunden Herz-Kreislauf- und Muskelapparat entwickeln zu können. Das Problem bei vielen ist die fehlende Motivation. Fernsehen, Computerspiele und Smartphones laden immer mehr zur Isolation statt zum gemeinsamen Spielen an der frischen Luft ein. Den meisten Erwachsenen geht es heutzutage nicht anders. Aber genau bei dieser Motivationskrise bietet Urban Gaming eine kreative Lösung.


Gesünder leben dank Spielspaß.

Eine neue Forschungsgruppe der Universität Darmstadt entwickelt gesundmachende Spiele für die Städte der Zukunft. Für die sogenannten Urban Health Games werden Spiele erprobt, die zum Beispiel Kinder motivieren sollen, sich für die gesündere Variante einer Aktivität zu entscheiden. Nimmt das Kind in der Schule die Treppe anstelle des Fahrstuhls, bekommt es im Spiel Bonuspunkte. In anderen Spielen werden Parks oder andere gesundheitsfördernde Orte einer Stadt durch ein Spiel neu entdeckt und für den eigenen Alltag erobert. Außerdem beschäftigt sich die Forschungsgruppe mit der Frage, wie eine Stadt gestaltet werden kann, damit ihre Bewohner auf spielerische Weise mehr Lust an der Bewegung entdecken. Diese Idee einer „verspielten“ Stadt, in der man lieber die bunten Treppen hochläuft als den versteckten Fahrstuhl zu nehmen, setzt sich auch international mehr und mehr durch. Die Stadt New York hat zum Beispiel für die eigene Stadtgestaltung sogenannte Active Design Guidelines herausgebracht. Darin wird unter anderem für die Gestaltung von Treppenhäusern in öffentlichen Gebäuden sowie für Fußgänger- und Radwege die Nutzung spielerischer Elemente empfohlen, damit die Bewohner motivierter sind, diese zu benutzen. Es braucht also nicht gleich komplexe Spiele, um die Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren.

Mann macht Kunststück mit Fußball.
Mann läuft auf farbenfroher Matte.

Spielend neue Freunde finden.

Das Besondere an Urban Games ist, dass es auch unserer Psyche und vor allem unserem Sozialleben zugutekommt; sie entkoppeln uns von den Sorgen des Alltags und wirken stressmindernd. Und auch der Großstadt-Anonymität wirken Urban Games entgegen. In Spielen lernen sich Menschen auf einer ganz anderen Ebene kennen als in üblichen Alltagssituationen. Man bekommt die Chance, eine offene und neugierige Facette der eigenen Persönlichkeit auszuleben, die sonst vielleicht weniger zum Ausdruck kommt. Ganz gleich, ob man sich als Mensch-ärgere-Dich-nicht-Figur oder Pac-Man verkleidet, Hauptsache, das Spiel beflügelt die eigene Fantasie. Der aus dem technischen Fortschritt entstandene Verlust körperlicher Aktivität lässt sich also mit ein wenig Kreativität umkehren. Und auch wenn sich Urban Gaming vermutlich niemals zu einem Massenphänomen entwickeln wird, können die daraus gewonnenen Erkenntnisse über die menschliche Motivation Stadtplanern und Architekten dabei helfen, gesündere Städte zu entwickeln, in denen sogar das Treppensteigen einen Spaßfaktor garantiert.