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  • Puzzleteil.
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    Der Genuss der Langeweile – Wie man Geduld trainiert.

    Wer sich Ziele setzt, sollte sich zunächst eine Portion Geduld antrainieren. Denn Studien zeigen: Geduld macht nicht nur erfolgreicher, sondern auch gesünder.

    Text: Claudio Rimmele

Stress und Hektik entgegenwirken.

„Oh seht, oh seht, ich komme viel zu spät! Grüß Gott, bis bald, auf Wiedersehn, muss geh’n, muss geh’n, muss geh’n!“, ruft das weiße Kaninchen aus „Alice im Wunderland“, während es panisch auf seine Taschenuhr starrt. Würde der Autor Lewis Carroll sein Kinderbuch in der heutigen Zeit schreiben, wäre das Kaninchen wohl ein Manager, der ständig auf sein Smartphone schaut. Schon als Kind fühlte man mit dem gestressten Kaninchen mit, als Erwachsener ertappt man sich selbst manchmal in dieser Rolle. Oft ist es aber gar nicht echte Zeitnot, die das Gefühl auslöst, schnell weiter zu müssen, sondern schlichtweg die eigene Ungeduld.


Frau macht Puzzle.
Puzzle.

Geduld – mehr als nur eine Tugend.

Jeder von uns hat eine ungefähre Vorstellung von einem geduldigen Menschen: immer entspannt, lächelnd, besonnen, sanft und gelassen. Möchte man die mittlerweile althergebrachte Tugend Geduld allerdings etwas konkreter definieren, stellt man fest, dass sie sehr facettenreich ist: Schafft man es, die Weihnachtspakete bis zur Bescherung nicht zu öffnen, spricht man von Impulskontrolle. Wer einen langen Leidensweg ohne Murren erträgt, ist duldsam. Sportler, die hart trainieren und ihren Zielen geduldig entgegensteuern, haben Durchhaltevermögen. Wenn sie dabei Rückschläge ohne Ärger meistern, sprechen die Psychologen von Frustrationstoleranz. Weitere Aspekte der Geduld sind Affektkontrolle, Gelassenheit und Sorgfältigkeit. Doch nicht nur die Begriffsvielfalt rund um die Geduld ist komplex – auch bei ihrer Erforschung verhält es sich ähnlich.


  • Frau hebt Mikados.
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Lieber ein Marshmallow jetzt oder morgen zwei?

Das berühmteste Experiment zum Thema Geduld ist wohl das sogenannte Stanford-Marshmallow-Experiment. Ende der 60er-Jahre versuchte der Psychologe Walter Mischel, die Willenskraft des Menschen zu messen. Dafür ließ er Kinder allein im Raum vor einem Marshmallow sitzen. Sein Versprechen an sie: Ist das Marshmallow nach 15 Minuten noch da, bekommen sie als Belohnung ein zweites. Die Zeit, die bis zum Aufessen verging, definierte er als Messwert für die Willenskraft.


Vierzehn Jahre später lud Walter Mischel die Teilnehmer erneut ein, um herauszufinden, wie sie sich entwickelt hatten. Es stellte sich heraus, dass jene Kinder, die seinerzeit länger auf ihre Belohnung warten konnten, durchschnittlich besser in der Schule abschnitten und erfolgreicher im Berufsleben waren – und das völlig unabhängig von ihrer Intelligenz. Außerdem waren sie sozial kompetenter, selbstbewusster, empathischer und konnten besser mit Rückschlägen umgehen. Die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub spielt jedoch auch bei der Gesundheit eine wichtige Rolle.


Für alles braucht man Ausdauer und Geduld.

Die Wissenschaftler David Laibson und Christopher Chabris von der Harvard University haben in ihren Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Ungeduld und einem ungesunden Lebensstil beobachtet. Überträgt man das Marshmallow-Experiment auf ein bestimmtes Fitnessziel, wird schnell klar, dass man ohne Geduld kein Sixpack bekommt und auch keinen Stadtmarathon laufen kann. Denn wer nicht in der Lage ist, geduldig auf seinen Erfolg hinzuarbeiten, wird auch nicht genug Motivation für langfristige Fitnessziele aufbringen. Impulskontrolle ist aber auch beim Umgang mit Alkohol oder Zigaretten entscheidend: Wer geduldig ist, kann Genuss besser portionieren und teilweise auch ganz auf schädlichen Konsum verzichten.


Mikados.
  • Turmspiel.
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Bewusst auf Entschleunigung setzen.

Wie ein Buddha vollkommen gelassen den Alltag meistern: Stoisch und entspannt statt gestresst und gereizt – für viele bedeutet das einen langen Weg mit regelmäßigen Meditationsübungen, Achtsamkeitstrainings und Entspannungsseminaren. Wem das alles nach Strapazen klingt, der kann zunächst folgende Mentaltechniken ausprobieren:

- Nichtstun aushalten: Für den einen ist das Nichtstun eine aktive Meditation. Für den anderen ist es ein fauler Tag im Bett ohne Angst davor, etwas im Leben zu verpassen. Daher als kleines Experiment: eine Woche keine Verabredungen oder andere Freizeit-Füller planen.

- Besonderes für besondere Momente aufbewahren: sei es ein Stück Kuchen oder die Kurznachricht eines wichtigen Menschen. Einfach mal testen, wie lange man es aushält, nicht nach dem „Marshmallow“ zu greifen und sich selbst dabei beobachten, wie die Vorfreude wächst.

- Langeweile genießen: Reizüberflutungen durch Smartphone und Co. lassen wenig Spielraum für Langeweile. Schade eigentlich, weil Langweile richtig genussvoll sein kann – wenn sie mit der richtigen Geisteshaltung praktiziert wird. Daher als kleine Übung für Wartezimmer, Stau oder U-Bahn: statt sich sofort mit dem Smartphone abzulenken, einfach die eigenen Gedanken von Tagtraum zu Tagtraum schweifen lassen.


- Geduldige Hobbys: Ob 1.000-Teile-Puzzles für Erwachsene oder Mandalas zum Ausmalen – es gibt Hobbys, die unsere Geduld aktiv herausfordern und uns zusätzlich entspannen.

Auch beim Marshmallow-Experiment mussten sich die geduldigen Kinder mit einer Strategie von der süßen Verlockung ablenken. Einige versteckten das Marshmallow, andere hielten ein Nickerchen oder leckten nur daran, um ihre Neugier zu befriedigen. Wer sich also in Geduld und Willenskraft üben möchte, darf ruhig erfinderisch werden. Wie so oft gibt es auch beim mentalen Training keine Formel, die für jeden gleichermaßen gilt. Für manche Menschen ist Geduld auch nicht wirklich erstrebenswert, weil sie ihrem Temperament einfach nicht entspricht. Auch wenn Studien den Geduldigen mehr Erfolg versprechen: Wer mit sich selbst im Einklang ist, wirkt auf andere authentisch und lebt zufriedener, auch mit nur einem Marshmallow. Wer aber etwas an sich ändern möchte, wird diesen Artikel nicht einfach überfliegen, sondern vielleicht noch mal ganz geduldig von vorne lesen.